reflections

Wir haben’s einfach getan – Kapitel 2

Hausmütterchen Gustav!


 

Vitamine sind gesund.
Sie machen eine schöne Farbe,
und stärken das Immunsystem.
Aber muss ich dafür das Versuchskaninchen sein?

Nach diesem Nachmittag mit dieser beschissenen Zeitschrift, einer eingetretenen Tür und einem Bruder der meint mein nicht existentes Sexleben aufpolieren zu müssen, dachte ich eigentlich, es könnte nicht mehr schlimmer werden.
Die Betonung liegt auf eigentlich.
Denn wie geht dieser wunderbare Spruch?
‚Schlimmer geht immer’

Ich konnte Sprichwörter noch nie leiden. Und noch weniger konnte ich es ab, wenn diese Mistdinger auch noch Recht behielten.
Nachdem Tom meine Tür so beschädigt hatte das man eine neue einbauen musste, wurde ich kurzerhand einfach zu Gustav ins Zimmer gesteckt.
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir auch noch nichts dabei, warum Georg immer Panikattacken bekam wenn er sich mit Gustav ein Zimmer teilen sollte. Denn alles war normal.

Gustav erzählte einem nichts von nässendem Ausschlag, nichts von der momentanen wirtschaftlichen Lage in Südafrika und auch bei dem Thema Hausordnung fing er nicht an zu predigen wie ein Pfarrer.
Von daher war mir das alles ziemlich unverständlich.
Auch als ich vorschlug dass er mich doch zum shoppen begleiten sollte machte er mir keine Vorwürfe wie ich mit meinem Geld umging.
Alles in Allem war eigentlich alles in Butter. Eigentlich.

Gustav und ich latschten durch das geile München und ich klapperte wirklich alle Läden ab, die auch nur ansatzweise geile Klamotten in den Schaufenstern hatten.
Und mein liebes Gustav machte alles mit. Er ging sogar so weit und trug mir meine Tüten.

Zwei Stunden später machte ich Gustav zu Liebe eine Pause bei Mc Doof und holte ihm sogar sein Essen.
Als ich mich mit den beiden Tabletts umdrehte traf mich fast der Schlag und ich sah meinem momentanen personifizierten Alptraum ins Gesicht.
Das Teil das sich auch noch Bruder schimpfte. Natürlich kein geringerer als Tom.
„Was willst du denn hier?“ war die einzige Frage die mir angebracht erschien.
Auch wenn mir im darauf folgenden Moment auffiel das ich sie vielleicht etwas freundlicher hätte formulieren können.

„Was für eine Begrüßung. Ich war mit Georg shoppen und wir mussten wegen ihm Pause machen“
Woher kam mir das nur gerade so bekannt vor? Ach ja, ich hatte Gustav dabei der schon eine halbe Leiche abgab.
Mein Blick wanderte über Tom’s Schulter zu Gustav der tot und erschöpft auf einer der Bänke hing. Sitzen konnte man das nicht mehr nennen.
Tom drehte sich ebenfalls um und sah Georg an, der in derselben Pose eine Bank weiter saß.
Anscheinend hatten die beiden Toten sich noch nicht bemerkt.
Tom und meine Blicke trafen sich und wir seufzten einmal tief.

„Das nächste mal gehen wir Zwei wieder“ kam es synchron von uns und wir grinsten nur.
Es war allgemein so das Tom und ich eine wahnsinnige Ausdauer hatten was Shoppen betraf. Wir konnten stundenlang durch ein und dieselbe Einkaufsstraße laufen und wurden einfach nicht müde immer wieder dieselben Läden zu beglücken.
Und das Beste daran war auch noch das wir dabei so viel Mist von uns gaben wie ein Bauer nicht in einem Jahr zusammenbekommen würde.

„Ich versuch mal die Leichen zusammen zu schieben“ meinte ich dann und Tom nickte ehe er der blonden, hübschen und mit Silikon aufgespritzten Bedienung seine Bestellung nannte und ihr dabei schamlos in den Ausschnitt gaffte.

Trotzdem beschloss ich das zu ignorieren und stellte mein Tablett vor Gustav ab ehe ich zu Georg hinüber ging und an ihm zog und zerrte bis er sich endlich erhob und sich neben Gustav warf der ihn müde ansah. Georg sah müde zurück.
Was für ein Paar. Die Hochzeit zwischen den Beiden wäre bestimmt ein Knaller geworden.

Mein Blick wanderte wieder zu Gustav und meiner Ansicht nach vertrocknete der arme Junge von innen.
Also hielt ich ihm seine Cola hin und er saugte schwerfällig an dem Strohhalm wo ihm seitlich aus dem Mundwinkel die Hälfte wieder raus lief vor Erschöpfung so dass ich ihn mit einer Serviette wieder sauber machte.
Der arme Gustav. Ich hatte ihn wohl etwas überstrapaziert. Aber er kannte mich lang genug um mich nicht zu begleiten.

„Tos art e ussi ma i schnitt und argert i n“
Bei Georg’s Genuschel wendete ich meine Aufmerksamkeit wieder ihm und legte meine Stirn in Falten.
Bei allem Willen und gutem Gehör, ich hatte keine Ahnung was er da gerade gesagt hatte.
Meine Reaktion bestand aus einem einfachen und dämlich klingendem ‚Hä?’, weil ich wirklich keinen Peil hatte was Georg genau von mir wollte.

„Tom starrt der Tussi immer noch in den Ausschnitt und baggert sie an!“
Mein Blick wanderte zu Gustav der diesen Satz mit Müh und Not heraus gebracht hatte und dann nach hinten zur Theke wo Tom stand und sich Georg’s Satz bewahrheitete.
In diesem glanzvollen Augenblick hatte ich das unbeschreibliche Bedürfnis Tom seinen Big Mäc in die Visage zu klatschen und ihn mit dem Tablett zu verprügeln.
Leider Gottes hatte ich neben meinem Ruf auch noch so etwas wie eine heile Psyche zu verlieren.
Wäre ich irgendein Mädchen gewesen das mit Tom rum lief hätte man mich verstanden und mich nicht als geisteskrank eingestuft. Aber ich war sein Bruder und somit hatte ich nun mal ganz schlechte Karten.

Um meinem Frust Ausdruck zu verleihen schnappte ich mir mein Essen und widmete mich dem mit so viel Hingabe wie ich es sonst nur bei Liveauftritten mit meinem Mikro tat.
„Bist du eifersüchtig?“ wurde ich von Gustav gefragt und mein Kiefer erstarrte und weigerte sich weiter mein Essen zu zermalmen.
„Nein, die Tussi ist gar nicht mein Typ“

Das war auch die Wahrheit. Wenn ich was aus Plastik wollte, konnte ich in den nächsten Spielwarenladen laufen und mir eine Barbie zulegen.
Das kam auf dasselbe heraus.
„Ich meinte auch eher auf die Tussi“

Ich war mir nicht sicher ob Gustav mich verarschen wollte oder ob er diese bekloppte Frage tatsächlich ernst gemeint hätte.
Warum sollte ich auf diesen Barbieverschnitt eifersüchtig sein. Nur weil Tom ihr mehr Aufmerksamkeit schenkte als mir in den letzten zwei Monaten und weil er sie mit diesem Blick bedachte der mir immer meinen Mageninhalt nach oben trieb. Es machte mir auch überhaupt nichts aus das ich Tom’s Testosteron bis hier her riechen konnte. Und ebenfalls machte es mir überhaupt nichts aus das ich tatsächlich eifersüchtig auf diese Tussi war, weil sie das bekam was Tom mir schon seit längerer Zeit verwehrte. Seine Aufmerksamkeit.

„Nein!“ fauchte ich deswegen und schlug auf den Tisch das die anderen Gäste mich verwundert aufsahen.
Meine folgende Reaktion ließ auf Unzurechnungsfähigkeit schließen.
Denn ich stand auf, quetschte mich durch die Schlange und schnappte mir Tom an seinem Zelt-Shirt wo ich ihn wegzog.
„Er hat kein Interesse“ war mein einziger Kommentar zu der Bedienung die mich bedröppelt ansah.
So schleifte ich Tom samt seiner Bestellung zum Tisch und ließ mich angesäuert wieder auf meinen Platz fallen wo Georg aus seiner Leichenstarre erwacht war und mich misstrauisch musterte.
„Bill, ist echt alles okay? Du benimmst dich…wie die rothaarige Avril Lavigne in ihrem Video Girlfriend“

„Haltet doch alle die Klappe und lasst mich in Frieden sterben“
Das war der einzige Kommentar den ich bis im Hotel für meine Bandmitglieder übrig hatte.
Ich hatte es so was von satt, das Tom alles hatte, alles bekam und sich überhaupt nicht mehr für mich interessierte.
Wenn das so weiterging musste ich zu drastischen Maßnahmen greifen, und die würden weiß Gott nicht gut ausfallen. Ich wollte auch gar nicht daran denken dass die Presse mich danach in der Luft zerreißen würde.
Alles relativ, Hauptsache ich bekam meinen Bruder wieder, das war das einzige woran ich in diesem Moment denken konnte.

Als wir wieder in unserem Hotel ankamen ging ich wortlos mit Gustav auf unser Zimmer und warf meine Tüten in die nächste Ecke ehe ich mich auf das Doppelbett fallen ließ.
Gustav hob die Tüten wieder auf und stellte sie ordentlich neben meinen Koffer ehe er sich neben mich setzte und mich anstarrte. Ansehen konnte man das nämlich schon wirklich nicht mehr nennen.
Ich fühlte mich wie ein Messerblock in dem schön genüsslich die ganzen Fleischermesser reingebohrt wurden.

„Bill, mit mir kannst du echt über alles reden. Ich hör dir zu“
Oh Gott, nicht schon wieder die Psychodoktor Nummer.
Das war mein einziger Gedanke ehe ich den Kopf hob und Gustav mit einem Blick bedachte der ihn schief grinsen ließ.
„Gustav….“
„Ich werde für immer Single bleiben. Ich hab keine Zeit für ne Freundin, Tom beachtet mich auch nicht und ich vegetiere alleine vor mich hin. Soviel zu meiner Gesamtlage“ meinte ich dann trocken und ließ mein Gesicht wieder in der Bettdecke versinken.

„Ach Bill! Ich werde dir helfen. Wir gehen weg und wenn du mal ein Mädchen anschleppst dann werde ich mich mit ihr über deine Vorzüge unterhalten während du auf dem Klo bist. Deine schlechten Seiten können wir ja schön umschreiben oder Notfalls gar nicht erwähnen“

Theoretisch hatten sich die Worte von Gustav gut angehört. Wie man das halt bei guten Freunden so erwarten würde.
Allerdings gefiel mir der Unterton den ich gehört oder mir eingebildet hatte weniger.
Das hieß auf gut Deutsch, an mir war nichts zu ändern, aus freien Stücken würde ein Mädchen bei mir sowieso einen Rückzieher machen da ich nicht therapierbar war. Also pries man mich an wie ein Stück Rindfleisch zu Zeiten von BSE.
Wie herrlich.

Im Moment fühlte ich mich auch wie Rindfleisch. Um genau zu sein wie ne blöde Kuh.
Das ich die weibliche Form davon nahm war für mich zu diesem Zeitpunkt relativ und ich setzte einfach nur ein dankbares Lächeln auf mit dem ich Gustav bedeckte ehe ich ins Badezimmer verschwand um mich Bettfertig zu machen.

Nachdem ich das fabriziert hatte, ging ich ins Bett und wartete bis Gustav ebenfalls da war um das Licht ausmachen zu können.
Diese Macke hatte ich noch von der Zeit als Tom noch nicht darauf bestanden hatte ein Einzelzimmer für sein Sexleben zu bekommen. Der Junge krachte nämlich prinzipiell gegen Schränke wenn das Licht nicht an war. Zwar tat er das auch wenn das Licht an war, aber dann nur am Morgen.

Als Gustav dann heil im Bett war machte ich das Licht aus und drehte mich auf die Seite wo ich die Augen schloss um den Schlaf empfangen zu können.
„Bill, du brauchst mehr Vitamine“ kam es hinter mir über Worte hervor und meine Augen öffneten sich schlagartig wieder.

„Wieso?“
„Du bist so blass. Man sieht ja schon deine Adern an den Armen. Vitamine solltest du öfter zu dir nehmen als nur ein Mal im Jahr“
„Tom’s Adern sieht man auch und der ist braun. Das ist normal“
„Bei Tom kommt es von der Anstrengung“
„Was für eine Anstrengung?“
„Na sein Sexleben er hat da bestimmt-„
„Lass es“

Damit kehrte wieder Ruhe ein und ich schloss erneut die Augen um endlich schlafen zu können.
Aber Gustav war anscheinend anderer Meinung und fing wieder an zu reden.

„Hast du dir die Haare gekämmt?“
„Ja“
„Abgeschminkt?“
„Ja“
„Warst du noch mal auf dem Klo?“
„Ja“
„Du hast auch Zähne geputzt?“
„Ja, Gustav“

Meine Laune sank langsam aber sicher. Und Gustav tat auch nichts dagegen sondern etwas dafür.
Inzwischen konnte ich meine Augen schon gar nicht mehr zu machen.

„Du ziehst dich auch warm an wenn du ins Bett gehst oder? Du wirst nur wieder krank“
„Ja“
„Hast du den Schmuck abgelegt?“
„Ja“
„Und den Klodeckel runter geklappt?“
„Verdammt Gustav, ich bin keine 7. Ja, ich hab ihn runter geklappt und jetzt lass mich bitte schlafen“

Danach kehrte wirklich Ruhe ein und nach einer Weile hörte ich Gustav’s gleichmäßigen Atem.
Inzwischen konnte ich Georg weiß Gott verstehen. Und so wie ich das sah würde ich morgen wohl aus diesem Zimmer ausziehen.
Zu irgendwem, Hauptsache ich musste mir das nicht mehr anhören.



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