reflections

Wir haben’s einfach getan – Kapitel 6

Das Listensyndrom!


 

Verschiedene Menschen sind nach verschiedenen Dingen süchtig.
Manche nach Drogen und Alkohol,
manche nach Sex und Zuneigung.
Und meine Sucht ist einfach nur krank.
Zumindest sagt das mein früherer Psychologe.



Der Morgen danach war das reinste Fiasko. Zumindest für meine Verhältnisse. Normale Menschen würden ihn als das absolute Chaos oder als Weltuntergang bezeichnen.
Für mich war das allerdings normal. Ich war ein Mitglied der Familie Kaulitz und dass diese Familie alles andere als normal war, war ja sogar bestimmt schon wissenschaftlich bewiesen.
Um meine damalige Situation zu erläutern muss ich allerdings darauf zurückblenden.

Ich wachte auf und das erste was ich sah war der Schock meines Lebens. Nicht, dass ich das nicht schon öfter einmal gesehen hatte. Aber in den letzten vier Jahren hatte ich es erfolgreich vermieden mit dieser Situation konfrontiert zu werden. Ich hatte mich sozusagen in einen Bunker verbarrikadiert um das nicht mit ansehen zu müssen. Allerdings war meine momentane Lage so beschissen dass ich nicht drum herum kam, dass zu sehen was ich unter allen Umständen vermeiden wollte.

Es war nämlich so, dass ich nichts Böses dachte als ich meine Augen aufschlug. Es änderte sich auch nichts daran als ich feststellte den Tom nicht mehr da sondern wahrscheinlich beim Duschen war. Denn ich hatte gerade gehört wie die Dusche abgedreht wurde.
Alles änderte sich jedoch als ich mich auf den Rücken drehte, mich aufsetzte und genau in diesem Moment diese verfluchte Badtüre aufging.
Wenn man es nicht gesehen hatte, konnte man das auch nicht nachvollziehen.
Jedes weibliche Wesen auf diesem gottverdammten Planeten hätte gequietscht und sich gefreut. Ich war aber weder weiblich noch wollte ich es werden. Und schon gar nicht freute ich mich darüber.

Tom stand total nackt im Türrahmen und guckte mich erst mal an ehe er grinste und mir einen guten Morgen wünschte. Unter einem guten Morgen stellte ich mir prinzipiell was anderes vor. Wie konnte mein Bruder nur so schamlos und NACKT vor mir stehen und mich angrinsen? Das war der Teil seiner Psyche den ich niemals begreifen würde.
Als er sich dann auch noch auf das Bett zu bewegte schrie ich auf und wich zurück bis ich mit dem Rücken an dem Betthaupt angelangt war und zog die Bettdecke vor mich.
Das hinderte ihn allerdings nicht daran weiter auf mich zuzukommen, was mich wiederum in den Wahnsinn trieb.

„Zieh dir was an. Verdammte Kacke….ZIEH DIR WAS AN“ quietschte ich los und drückte mich noch mehr an das Betthaupt.
Dort registrierte ich auch dass Tom nur fragend eine Augenbraue hob und mich fragend musterte während er stehn blieb.
Wenigstens blieb er stehn. Das war ja schon mal ein Anfang.

„Was hast du denn?“
„ZIEH DIR WAS AN VERDAMMT“ brüllte ich zurück und quetschte mich so gegen das Betthaupt das meine Wirbel knackten und mein Rücken begann weh zu tun.
Tom’s Grinsen verhieß nicht wirklich was Gutes. Das tat es nie und ich hatte nicht das Gefühl das sich daran heute etwas ändern würde.
Als er sich jedoch wieder in Bewegung setzte war es aus mit meinen guten Nerven und ich schrie aus voller Kehle.

Keine Minute später hörte ich Gepolter auf dem Flur, was ich allerdings nicht zuordnen konnte. Das Tom inzwischen vor mir auf dem Bett saß machte die Sache mit dem konzentrieren und zuordnen nicht besser sondern eher schlechter.

Bei dem darauf folgenden Ereignis fragte ich mich ob ich a) noch träumte oder b) in einem Comic gelandet war.
Denn das war wirklich nicht mehr normal. Nicht mal für unsere Verhältnisse.
Zaki, unser – und von mir verehrter – Bodyguard trat die Tür ein und fuchtelte mit einer Waffe herum die er Tom vor die Nase hielt.
„Weg von ihm“

Tom tat auch wie geheißen und rutschte im Rekordverdächtigen Tempo ans andere Ende des Bettes wo er ein Kissen auf seinen Schoß legte.
Warum Zaki mit einer Waffe herum rannte wollte ich überhaupt nicht wissen. Das war nämlich zu viel für meine Nerven.
Also beschloss ich einfach mal für mich ganz dezent in Ohnmacht zu fallen, was ich dann auch tat.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Zaki’s Zimmer und alle aus meiner Band, einschließlich Tom, und David saßen um mich rum und glubschten mich an wie ein Zootier.
Gefiel mir nicht. Andererseits gefiel es mir das, dass vielleicht alles auch nur ein Traum war, gesponnen von meinem kranken Hirn und der Tatsache das ich Tom so etwas niemals zutraute.
„Was los?“ nuschelte ich deswegen und setzte mich auf wo ich von Gustav eine Tasse Tee in die Hand gedrückt bekam an der ich nippte.

„Tom hat dich anscheinend bedrängt und du hast geschrieen und da hat Zaki die Tür eingetreten“ erklärt mir David und mir war gerade danach schreiend aus dem Fenster zu springen.
Sehr positiver Effekt wenn man im 4. Stock wohnt.

Meine Augen wanderten zu Tom der nur mit den Schultern zuckte und ich hatte das irre Bedürfnis irgendwas zu tun. Das resultierte darin das ich das Kissen packte und meinem Bruder ins Gesicht warf wo er wiederum vom Stuhl fiel.
Allerdings ging es mir jetzt schon etwas besser.

„Ich glaub nicht das Tom Bill bedrängt hat. Wer bedrängt Bill schon?“ warf Georg ein und meine Augen huschten zu ihm.
Sollte das heißen ich war so grottenhässlich das mich keiner wollte? Das war hart. Vor allem wenn ich daran dachte das genau er mich doch schon mal angegraben hatte.
„Du wagst es meinen Bruder als hässlich hinzustellen?!“
Dieser Spruch kam ziemlich aggressiv von einem Menschen der mit einem Kissen im Gesicht auf dem Boden lag und kurze Zeit später an Georg’s Hals hing und ihn würgte während er ihn hin und her schüttelte.
In diesem Moment kam ich auf die grandiose Idee dass alle in unserer Band einen an der Waffel hatten und ich vielleicht Solo weiter machen sollte, wenn ich mir einen Nervenzusammenbruch und die Einlieferung in die Klapse ersparen wollte.
Allerdings war das Positive an so einer Einlieferung das ich garantiert Ruhe vor diesen Irren hatte. Wäre also zu erwähnen dass ich die Nummer von den Hab-mich-lieb-Männchen unbedingt im Telefonbuch nachschlagen sollte.

„Ähm…mir geht’s gut. Ich…bin unten im Computerraum“ gab ich hastig von mir.
Ich sprang aus dem Bett, drückte Gustav die Tasse in die Hand und zog meine Schuhe an. Wer auch immer mich in meine Klamotten gesteckt hatte, ich war im Dankbar.
Als ich am Aufzug wartete beschloss ich doch die Treppe zu nehmen, da dass schneller ging und ich auf keinen Fall noch eine Begegnung mit meinen Teamkollegen brauchte, die mich traumatisierte und mich somit zwang doch noch einen Psychologen aufzusuchen.

Im Hoteleigenen Computerraum angekommen setzte ich mich an einen PC und loggte mich auf meinem Weblog ein. Dort verarbeitete ich schon seit Anfang unserer Karriere alle ansatzweise traumatischen Erlebnisse. Und dieses schrie nur so danach endlich aufgeschrieben zu werden.
Das Problem bei meiner Auslebung dabei war, das ich nicht in Texten sondern in Listen schrieb. Ich war süchtig nach diesen Listen. Wenn ich genug Zeit hatte schrieb ich sogar mehrere am Tag, auch wenn sie noch so schwachsinnig waren.

Als sich endlich das Fenster öffnete loggte ich mich mit meinem Nick DerKleineKeks ein und öffnete das Textfeld um endlich wieder normal zu werden. Was bei mir sowieso eine unrealistische Vorraussetzung war.


Die grausamsten Feststellungen der vergangenen Tage!




-Gustav ist ein Biofreak und hält sich bestimmt für meine Mutter. Wenn er sich nicht für meine Mutter hält, dann hält er sich für meine Oma.

-Georg ist nicht das was ich dachte. Georg ist nicht der liebe und schweigsame perfekte Schwiegersohn von nebenan. Tief in seinem Inneren ist er ein perverser Lüstling der alles poppt was bei 3 nicht auf dem Baum ist. Der Rest wird runtergeschüttelt

-David ist garantiert nicht unser Manager. Er ist der nette Onkel von nebenan der einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Und sei es nur um mit mir über Verhütung zu reden, wo er leider schon 6 Jahre zu spät kommt. Ich hab’s ihm nicht gesagt. Wollte seine Gefühle nicht verletzen? Ist das verwerflich?

-Mein Bruder ist psychisch krank und gehört in psychologische Betreuung. Und wenn wir schon gerade dabei sind sollte er vielleicht alle 2 Tage ein Mädchen abschleppen, damit ich nicht traumatisiert werde.

-Unser Bodyguard fuchtelt mit einer Waffe durch die Gegend. Ich weiß nicht wofür er sie braucht, und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich bin der festen Überzeugung das er eigentlich gar kein Bodyguard ist sondern von der Mafia. Zumindest sieht er so aus und heißt auch so ähnlich.

-Ich habe festgestellt, dass ich es nicht ertragen kann Tom nackt zu sehen. Das treibt mich in den Wahnsinn. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er muskulöser ist als ich, einfach besser aussieht und meiner Schätzung nach unten rum mehr hat. Ich will’s aber nicht ausmessen.

-Mein Bruder ist gewalttätig und versucht gerade unseren Bassisten zu erwürgen. Ich frage mich ob das mit seiner psychischen Störung zu tun hat oder ob das in seinem Alter einfach normal ist Oo

-Ich werde nie mehr dieses gesunde Zeug essen, das Gustav mir immer vor die Nase stellt. Das schadet meiner Auffassungsgabe für das wirklich wichtige im Leben. Make up.
Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich Solo weitermachen sollte. Allerdings hab ich keine Ahnung wie ich das dem Rest beichten soll ohne dabei getötet zu werden. Zur Auswahl stehen: Gemüse essen bis ich daran ersticke, mit Verhütung zugetextet zu werden bis ich aus dem Fenster springe, sexuelle Übergriffe von Seiten Georg, Schwanzvergleiche mit Tom oder einfach nur das Erschießen durch Zaki. Letztes wäre mir lieber.



Nachdem ich die Liste verfasst hatte blogte ich sie auf meinem Blog und lehnte mich seufzend zurück. Soviel zu meinen Gedanken und meiner Sucht.
„Sehr interessant“ kam es hinter mir und ich schrie auf wo ich Gustav’s Gesicht sah.
Ich war mir nicht wirklich sicher ob er es gelesen hatte oder nicht. Letzteres hoffte ich jedoch inständig. Denn ich wollte um keinen Preis auf der Welt jetzt schon sterben.
Wenn dann bitte erst nächste Woche. Bis dahin hatte ich es auch vollbracht mir eine gute Ausrede für Tom auszudenken die er dann unseren Eltern präsentieren konnte.



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