reflections

Pulsschlag – Kapitel 1

Weihnachtsgeschenk



Ein Pulsschlag begleitet Menschen durch ihr ganzes Leben. Er hält sie am Leben. Ist der Antrieb in ihnen der sie verleitet Dinge durch zu halten die ihnen niemand zugetraut hätte.
Und ebenso ist ein einzelner Pulsschlag die Regung vieler Gefühle. Er beschleunigt sich wenn man seine Wut nicht mehr kontrollieren kann und er verlangsamt sich wenn man das Leben verlässt und von Trauer durchflutet ist.
Und ebenso scheint er zu explodieren wenn man denkt die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, steht dann aber fast still wenn man merkt das man diese Person niemals wird haben können und verstummt irgendwann ganz.

Das war meine Meinung zu einem Pulsschlag. Ich wusste noch genau wie wir dieses Thema damals in der Schule durchgenommen hatten und unsere Lehrerin gemeint hatte wir sollten auf unseren Pulsschlag hören.
Ein Pulsschlag bedeutet mehr als nur ein Herzschlag. Ein Herz kann schnell und langsam schlagen. Doch ein Pulsschlag spiegelt immer das wieder was in unserem inneren passiert. Er kann nicht lügen. Er hat nur die Fähigkeit die Wahrheit zu sagen.

Ich wusste auch noch was passiert war nachdem ich das letzte Mal auf meinen Pulsschlag gehört hatte. Ich hatte mich in meinen Bruder verliebt und das nicht zu knapp.
In dieser Hinsicht hasste ich es schon fast so etwas wie einen Puls zu besitzen. Er brachte mich in Schwierigkeiten die für ihn belanglos waren. Genauso wie für Tom.

Das ganze war nun schon fast sechs Monate her und ich dankte wem auch immer dafür dass mein Gegenstück nichts von all dem mitbekommen hatte.
Er hatte zwar am Anfang bemerkt dass ich ihm leicht aus dem Weg ging, es dann aber auf den Tourstress geschoben.
Und ich war dankbar dafür dass wir wirklich mehr als genug Stress hatten. So konnte ich mich von diesem Gefühl das sich Liebe nannte ablenken und musste nicht mit ansehen wie meine Seele in Depressionen versank.

Aber nun, sechs Monate nach Anfang, war das ganze viel schlimmer als ich gedacht hatte und mein Inneres schnellte schneller auf den Abgrund zu als ich angenommen hatte.
Es war nämlich mal wieder so weit das es kurz vor Weihnachten war.
Die Schaufenster waren überall geschmückt und an den meisten Häusern hingen Lichterketten und andere leuchtende und blinkende Fensterdekorationen.
Die Menschen waren damit beschäftigt für ihre Lieben Weihnachtsgeschenke zu besorgen um diese dann sorgfältig verpackt unter den Tannenbaum zu legen und an diesem einen Abend zusammen zu feiern.
Weihnachten gab es halt nur einmal im Jahr.

Ich liebte Weihnachten. Die Atmosphäre und alles andere strahlten soviel Glück und Wärme aus, das ich mich einfach nur wohl fühlte.
Ich wollte nicht behaupten dass unsere Fans keine Wärme und kein Glück ausstrahlten aber an Weihnachten war das ganze einfach anders. Es war nicht hektisch und es gab auch keinen voll gestopften Terminplaner.

Und genau das war mein Problem. Anfang Dezember, also kurz vor Weihnachten, begann unsere Winterpause. Wir hatten keine Konzerte, keine Interviews und keine Shootings mehr.
Dass mich dieser fehlende Druck dazu veranlasste an meine Gefühle zu denken machte mich wahnsinnig.
Ich hätte wahnsinnig gern David angerufen um ihn zu fragen ob er nicht doch ein paar Termine für mich hatte, aber ich traute mich nicht.

Die Angst Tom oder einer der Anderen könnte hinter mein Geheimnis kommen machte mich schier wahnsinnig und schob mich noch näher an den Abgrund als ich eh schon dran stand.
Ich wollte nur Ablenkung mehr nicht. Nicht die ganze Zeit an Tom denken und mir ausmalen wie es wäre wenn ich mit ihm zusammen wäre und ihn berühren durfte so wie ich es wollte ohne das er dachte ich wäre am Morgen irgendwo gegen gelaufen.

So tat ich das einzige was mir übrig blieb und ich flüchtete zu meiner Mutter. Half ihr bei den Weihnachtsbesorgungen, kaufte den Tannenbaum – den ich dann 2 ganze Kilometer nach Hause hinter mir her zog – und ich ging sogar so weit um mit ihr Plätzchen zu backen und mich mit ihr durch die Kaufhäuser zu schlagen wo sie Geschenke besorgt hatte.
Spätestens als ich ihr anbot, ihr an Heilig Abend  beim kochen zu helfen klingelten bei ihr alle Alarmglocken und die unseres Stiefvaters ebenso.

Normalerweise war ich derjenige der – sobald er zu Hause war – Zeit für sich brauchte und das Zimmer nur verließ um sich zu stylen, aufs Klo zu gehen oder eben was Essbares zu besorgen.
Dass ich nun schon förmlich an meiner Mutter klebte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas nur um etwas zu tun zu haben, machte die Anderen einfach misstrauisch.
Tom leider auch.

Denn dieser nahm mich auf die Seite als ich mit dem Bus nach Magdeburg Geschenke einkaufen fahren wollte.
„Was ist eigentlich los mit dir?“
Mein verwirrter Blick durchlöcherte ihn und zwang ihn dazu sich besser auszudrücken.
„Du bist komisch. Du hängst an Mum dran und rennst ständig mit ihr rum wo du weißt das ich keinen Nerv zum mitgehen habe. Du gehst mir aus dem Weg. Warum?“

Diese Worte trafen mich mehr als wenn er mich geschlagen hätte.
Ich musste ihm irgendwas sagen, nur nicht die Wahrheit. Dann wäre nämlich alles umsonst gewesen und Weihnachten wäre zerstört, weil Tom dann nämlich nicht nur die Band sondern auch gleich das Land verlassen würde.
„Ich finde das Mum genug Stress hat. Und sie freut sich doch dass ich ihr ausnahmsweise mal helfe. Also warum nicht? Du kannst auch mitgehen. Wir wollten morgen zum Weihnachtsmarkt fahren“

Meine Stimme klang genauso entschuldigend wie ich sie klingen lassen wollte. Und dafür brauchte ich noch nicht einmal mein Schauspieltalent auspacken, denn es tat mir wirklich Leid das Tom sich von mir verlassen vorkam.
Allerdings konnte ich ihm die Wahrheit nicht sagen. Ich war egoistisch und ich brauchte ihn wie die Luft zum atmen. Ohne Tom war ich einfach nicht mehr Ich.

In manchen Momenten hätte ich alles dafür gegeben das ich mich nicht in Tom verliebt hätte sondern von mir aus in Georg. Der hätte das wahrscheinlich für einen Scherz gehalten und alles abgetan, was mich dazu gebracht hätte mich wieder zu entlieben.
Oder von mir aus auch Gustav. Gustav brachte für alles Verständnis auf. Sogar dafür das ich mich in der Nacht öfter zu ihm in die Koje geflüchtet hatte um Georgs Geschnarche zu entgehen. Für ihn war das normal geworden, denn wenn ich zu Tom geflüchtet wäre, hätte ich Aufgrund nächtlichen aus dem Bett fallen solche Schmerzen gehabt die ein Konzert unmöglich machten.

„Okay, dann komm ich morgen mit“
Meine Alarmsirenen schrillten in meinen Ohren und ich hob den Blick um Tom anzusehen der mich erleichtert angrinste.
„Ich hab schon gedacht ich hab was falsch gemacht oder dir wehgetan, dass du mir aus dem Weg gehst.“
Das tat gleich doppelt weh. Tom hatte alles richtig gemacht. Er hatte weiter auf mich aufgepasst so wie er es Mum und Gordon versprochen hatte und ich Vollidiot hatte mich in ihn verliebt.

„Nein. Nein hast du nicht“ nuschelte ich leise und schlang meine Arme um ihn.
Es tat mir schon wieder so unendlich Leid ihn indirekt mit meiner Gefühlswelt zu belasten das ich einfach nur in seinen Armen hängen blieb und vor mich hinstarrte.
Die Irritation die Tom in dem Moment fühlte schwappte auf mich über, doch bevor ich mich von ihm lösen konnte spürte ich seine Hände auf meinem Rücken die mich näher an ihn drückten.

„Dummkopf. Nicht traurig sein. Ich hab dich doch lieb“ flüsterte er mir ins Ohr.
Und in diesem Moment war ich froh eine Selbstbeherrschung in der Länge der unendlichen Geschichte zu besitzen.
Denn hätte ich diese nicht gehabt hätte ich hemmungslos das Weinen angefangen und so schnell womöglich nicht aufgehört.

„Willst du mit? Ich will Weihnachtsgeschenke kaufen“
Woher diese Frage kam wusste ich nicht. Aber das war mir auch egal.
In diesem Moment steckte ich mein Seelenwohl zurück und vertraute darauf dass es Tom danach besser ging und er sich nicht mehr von mir verstoßen vorkam.
Ich spürte ein nicken auf meiner Schulter und lächelte leicht ehe ich meinen Bruder losließ und somit zuließ das die ganze Wärme wieder verschwand als er ging um sich anzuziehen.

Mein Entschluss draußen zu warten stellte sich als dämlich heraus, da ich mir nicht nur den Arsch weg fror sondern auch das Gefühl hatte innerlich einzufrieren.
Die Sorge war natürlich ganz unbegründet denn von so einem Winter fror die Seele nicht ein. Aber wohl durch Depressionen, die sich langsam wieder in mir aufbauten.
Froh war ich als Tom endlich raus kam und somit meine Gedanken verdrängte ehe ich ihm ein Lächeln schenkte.

Mit dem Bus war es nicht wirklich weit bis nach Magdeburg. Oder zumindest kam es mir nicht so vor.
Denn ich starrte aus dem Fenster und Tom saß mit geschlossenen Augen neben mir. Wobei ich mich fragte ob er eingeschlafen war.
Diese Frage hatte ich allerdings erübrigt als er aufstand nachdem wir bei unserer Haltestelle angekommen waren und ausstieg.
„Wo willst du hin?“ fragte er mich dann ehe er sich eine Zigarette ansteckte und sie mir zwischen die Lippen klemmte.

Mein Blick wanderte kurz zu ihm ehe ich den Glimmstängel zwischen Zeige- und Mittelfinger nahm und leicht lächelte.
„Einkaufszentrum“ nuschelte ich dann und setzte mich in Bewegung ehe ich ihn ansah.
„Aber nicht gucken, sonst isses kein Geschenk mehr“ flüsterte ich in die kalte Luft ehe ich seine Hand an meinem Arm spürte und er sich unterhakte.

„Ich krieg was? Seit wann das denn?“
Die Frage klang nicht nur erstaunt, sie war es auch.
„Du hast es verdient“
Das war alles was ich dazu sagte. Und Tom hatte es sich auch verdient. Wir hatten uns noch nie was geschenkt, aber ich fand dieses Jahr war ein komplett merkwürdiges Jahr. Also gab es auch für Tom ein Geschenk.

Das Grinsen meines Zwillings wuchs ins unermessliche und er atmete erleichtert aus.
„Gut, dann komm ich mir nicht doof vor wenn ich von dir auch was krieg“
Meine Gesichtszüge mussten komplett entgleist sein denn keine Sau auf der Straße erkannte mich.
„Du hast mir ein Geschenk gekauft?“ ratterte ich fassungslos runter und rechnete mir aus wann zur Hölle er Zeit gehabt haben könnte um mir ein Geschenk zu kaufen. Und wenn ich das raus gefunden hatte was hatte er mir dann gekauft?
„Ja, vor drei Wochen schon“
Vor drei Wochen da waren wir in….
„Paris?“ stellte ich die Frage und hob eine Augenbraue.
„Ja, hab’s gesehen und hab an dich gedacht“ grinste mein Bruder dann ehe er mich ins Einkaufszentrum schleifte und somit Gott sei Dank nicht mein seliges Lächeln bemerkte das in meiner Visage klebte.

„Okay, trennen wir uns. Halbe Stunde wieder hier“ meinte Tom zu mir und ich nickte nur ehe er nach links und ich nach rechts abbog.
Das mein Pulsschlag sich wieder beschleunigte ignorierte ich geflissentlich als ich Tom auf der anderen Seite des Kaufhauses in den Hip Hopp Store einbiegen sah.


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