reflections

Pulsschlag – Kapitel 2

Date?





Ich weiß nicht wie lange ich Tom hinterher gestarrt habe, aber irgendwann hatte ich beschlossen meinen Weg fort zu setzen um pünktlich in einer halben Stunde wieder an unserem Treffpunkt zu sein.

Mein Weg führte mich schnurstracks in einen kleinen Laden in dem man alles Mögliche fand. Von Räucherstäbchen – die Tom hasste – bis zu Duftkerzen – die Tom noch mehr hasste – bis hin zu merkwürdigen spirituellen Liedern – bei denen Tom wahrscheinlich aus dem Fenster gesprungen wäre – und auch über das was ich am meisten begehrte. Komische Poster.
Unter komisch verlief bei mir nichts mit abstrakter Kunst oder dergleichen sondern einfach so etwas wie Einhörner, Dämonen oder eben Samy Deluxe.

Dieses Poster suchte mein Zwilling schon weiß Gott wie lange, da es nur in limitierter Auflage erschienen war und ich glaube er hätte sogar unsere Oma dagegen eingetauscht. Wenn ich an Oma dachte dann wusste ich auch warum. Alles andere war besser solang man sie nicht im Haus hatte.
Denn diese Frau hatte die eigenartige Eigenschaft mir und Tom ein Verhältnis zu unterstellen, weil wir aneinander klebten wie eine Fliege am Kaugummi.

Und normalerweise machte mir das nichts aus jedes Jahr denselben Scheiß abstreiten zu müssen. Doch ich wusste beim besten Willen nicht wie ich das dieses Jahr glaubwürdig tun sollte ohne in Tränen auszubrechen, weil ich Tom eben nicht haben konnte, jedes billige Flittchen ihn dafür schon.

Mir ging das allgemein nicht in den Kopf das Tom immer irgendwelche hässlichen – meiner Meinung nach – Weiber in sein Zimmer schleppte und sie um den Verstand vögelte. Ich meine, wenn er so sexversessen war, war ich doch die leichtere Lösung.
Allerdings wollte mein werter Herr Zwillingsbruder nicht als schwul gelten und das schon gar nicht vor mir.
Was mich manchmal rasend machte. Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht geknallt das ich wahrscheinlich sehr wohl schwul war wenn ich so auf ihn stand.

Aber das Risiko das er nicht mehr mit mir sprach war mir einfach zu hoch. Und wenn er das Land verlassen würde um genügend Abstand zwischen uns zu bringen, dann hätte ich mich wahrscheinlich an diesem beschissenen Baum – der in unserem Garten dümmlich aber dekorativ rum stand – erhängt.
Mama hätte Gordon wahrscheinlich angeschrieen da er den Baum schon letztes Jahr fällen sollte aber einfach keinen Elan dazu besaß. Sprich, er war einfach zu faul.

Ich schnappte mir das Poster und steuerte auf die Kasse zu wo ich brav zahlte um dann den Laden zu verlassen.
Kaum war ich draußen blitzte etwas und ich konnte einen Moment lang nichts sehen. Die bunten Punkte tanzten vor meinen Augen und ich fragte mich wie viele Farben innerhalb eines Auges wohl möglich waren ehe ich den Übeltäter erkannte.
Es war einer meiner heiß geliebten Feinde. Paparazzi.
Ich hasste diese Viecher wie die Pest. Aber noch mehr hasste ich es von ihnen bedrängt zu werden und das ohne Bodyguards und vor allem ohne meinen Zwilling.

Die Fragen prasselten nur so auf mich ein und ich wunderte mich wer zuerst behauptet hatte ich würde ohne Punkt und Komma und überhaupt viel zu schnell und unverständlich reden. Entweder hatten diese Menschen noch nie Bekanntschaft mit einem der mir sehr wohl bekannten Subjekte gemacht oder sie waren selbst welche und wollten ihre sich immer mehr vermehrende Rasse nicht in schlechtes Licht ziehen.

Ich wollte gerade etwas Geistreiches sagen – was mir garantiert wieder nicht eingefallen wäre – als mein Bruder um die Ecke schoss und sich zwischen mich und die Leutchen mit ihren überdimensionalen Kameras schob.
„Wir verschwinden“ war das einzige was er von sich gab ehe er mich an der Hand packte und zum nächsten Aufzug zerrte.
Kaum darin schlossen sich die Türen und ich atmete erleichtert auf.
Mein Blick wanderte zu Tom der mehr als angespannt aussah und ich wollte ihn eigentlich umarmen, traute mich aber nicht.
Ich hatte einfach Angst er könnte meine Gefühle für ihn spüren da sie wahrscheinlich überschwappen würden.

„Du ziehst die Dinger an wie Motten das Licht“ kam es über seine Lippen und ich verstand wirklich nicht was er damit meinte.
Klar, Georg und Gustav zogen diese Leute nicht wirklich an. Tom kam zwar gleich hinter mir aber so schlimm war das bei mir auch nicht. Auch wenn es meistens lästig war und mehr als das.
„Wie kommst du darauf?“
Die Frage allein war schon dumm, aber ich verstand nicht worauf Tom hinaus wollte.

„Alle Menschen in unserem Umfeld sind Motten und du bist das Licht. Egal wo du hinkommst, jeder dreht sich nach dir um und will nur einmal mit dir reden“
Mir war so als hätte ich Frust in den Worten gehört doch Tom drehte sein Gesicht zu mir und sah mich an.
„Deswegen war ich auch so … traurig als du dich von mir abgewendet hast – wenn auch unabsichtlich. Ich bin ne Motte….und du bist das Licht“

Wenn man es streng sah konnte man das als Liebeserklärung abtun. Aber da ich bei Tom nie etwas streng betrachtete tat ich es als Scherz ab.
„Ne Checker-Motte“
„Ich weiß dass ich geil aussehe“ grinste er mich dann an und ich hätte ihm am liebsten Recht gegeben.
Aber ich traute mich mal wieder nicht.
Und Gott sei Dank gingen in diesem Moment die Fahrstuhltüren auf und ich stellte fest dass wir uns in der obersten Etage befanden.

Die oberste Etage des Kaufhauses beherbergte ein Restaurant und ich sah Tom skeptisch an.
Er hasste diese monströsen und schicken Teile. Schon allein weil er keinen Sinn darin sah fünf verschiedene Gabeln vor sich liegen zu haben und nicht zu wissen welche man nun wofür benutzte.
„Was wollen wir denn hier?“

„Ich hab mir gedacht ich lad dich ein. Wir haben schon lange nichts mehr zusammen gemacht und da dachte ich mir ich führ dich einfach mal aus.“

Das machte mich nun wirklich mehr als konfus. Vor allem als ein Kellner auf uns zukam und mir meine Taschen und die Jacke abnahm ehe er uns zu unserem Tisch führte.
Tom hatte also nen Tisch bestellt…wann?
„Na ja…wärst du nicht so nach Magdeburg gefahren hätte ich dich sicher irgendwie dazu gekriegt. Und wenn ich nen Herzinfarkt vortäuschen hätte müssen“ grinste mein Bruder mich an ehe er den Stuhl zurückschob damit ich mich hinhocken konnte.

„Ein Date?“ grinste ich provozierend und verkniff mir ein Lachen.
„Mit dir doch immer. Die ganze Welt wird neidisch sein, weil ich dich so haben kann wie du wirklich bist und die nicht“ lachte Tom und war sich sicher nicht einmal darüber bewusst wie sehr er mir damit eigentlich schmeichelte.
Was schwachsinnig war, denn er war immerhin mein Bruder. Aber ich war halt ein dämliches und verliebtes Huhn. Und einmal konnte ich es mir doch wohl leisten ihn nicht krampfhaft als Bruder zu sehen.

Als der Kellner uns die Karte brachte studierte ich sie mit größtem Interesse.
Denn gerade jetzt war ich an einem Punkt an dem ich kurz davor war irgendetwas zu tun was ich später sowieso bereuen würde.
Mein Pulsschlag überschlug sich und ich empfand das eigentlich als angenehm. Nur nicht wenn ich daran dachte was passieren könnte wenn ich jetzt auf ihn hörte und Tom die Wahrheit über mich sagte. Über meine Seele und meine Gefühlswelt.
Denn dann hätte ich nicht nur Tom verloren sondern meine Seele sowie mein Herz würden mit ihm gehen und dieser Pulsschlag würde nie wieder kommen.

Und um das zu verhindern studierte ich die Karte als handle es sich um die Führerscheinprüfung.
„Du Bill?“

Ich sah auf und traf natürlich – wie nicht anders erwartet – auf Toms Blick.
„Ich hab dich lieb. Bitte bleib in meiner Nähe ja? Ich will nicht ohne dich leben müssen“
Dass mein Blick Suppentellern in Übergröße glich wusste ich, aber ein Lächeln schlich sich auf meine Züge.
„Ich bleib schon hier. Versprochen“


Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung