reflections

Tom, Ich und das Chaos – Kapitel 1

Die Sache mit dem Kinder kriegen!





Was sollte ich sagen? Es war mal wieder so weit das ich mit komplett zerstörter Frisur und Augenringen bis zum Boden im Tourbus saß und vor mich hinstarrte.
Es war 10 Uhr morgens und ich hatte weder ausgeschlafen noch keine Cornflakes im Magen.
Irgendein Vollkoffer hatte natürlich wieder vergessen Milch ranzuschaffen und ich saß nun auf dem Trockenen während ich Georg dabei zusah wie er seine Cornflakes die er mit dem letzten Rest Milch übergossen hatte runter schlang. Essen konnte man das nicht mehr nennen.

Um das nicht länger ertragen zu müssen stand ich auf und zupfte mir meine blaue Trainingshose wieder richtig über den Arsch ehe ich auf und ab ging um meine Zigaretten zu finden die ich nach langem suchen auch bei meinem Bett fand.
Es war eigentlich allgemein so dass in jedem noch so erdenklichen Winkel unseres Nightliners Zigaretten zu liegen hatten.
Denn Tom und ich waren milde ausgedrückt einfach nur faul und wollten dieses schwere Zeug bestehend aus Feuerzeug und Tabak nicht mit uns herumschleppen.

Nachdem ich mir eine Fluppe angesteckt und den bläulichen Rauch genüsslich inhaliert hatte stellte ich fest das Nikotin nicht nur so was wie Nahrungsersatz darstellte sondern auch noch wach machte. So wach man eben ohne Kaffee werden konnte.
Also schlich ich mich wieder zurück zu unserer Essecke und hockte mich auf meinen inzwischen kalt gewordenen Platz.

Zu meiner Erleichterung stellte ich fest das Georg mit essen – oder fressen – fertig war und jetzt lieber komatös vor sich hinstarrte.
Gustav kam – okay, erschien – gerade aus dem vorderen Teil des Busses und setzte sich zu uns wo er mich anstarrte und ich eben zurück starrte.
Das schöne an Gustav war immer noch das er wusste das man mich zu solch einer unhumanen Uhrzeit nicht ansprach. Vor allem wenn mir mein Frühstück versagt blieb.

Ich war gerade dabei in einen Komazustand zu verfallen als ich die aufgebrachte Stimme meines Bruders hörte der sich anscheinend im Bad befand und telefonierte.
Das schloss ich daraus dass er zu seinem Duschgel wohl nie folgenden Satz gesagt hätte.
„Ich WEISS das ich ein Kondom benutzt habe“
Des weiteren schloss ich daraus das er mit irgendeiner Tussi telefonierte die er, im Zeitraum der letzten 3 Wochen seit unsere Europatour angefangen hatte, gevögelt hatte.

Warum mir das nicht erspart blieb wollte ich gar nicht wissen. Toms Sexleben interessierte mich auch so viel wie wenn in China ein Fahrrad umfiel. Nämlich gar nicht.
Allerdings interessierte es mich dann doch wenn ich Onkel werden sollte ohne meinen Spaß dabei gehabt zu haben. Dieser Gedanke allein war sowieso schon absurd. Ich war kein Sextyp. Ich war der Seelenklemptnertyp. Was ich genau damit meinte wollte hier sowieso keiner wissen.

Tom hatte anscheinend aufgelegt denn er trampelte zu uns, schob mich unsanft zur Seite und hockte sich grummelnd neben mich während er unverständliches Zeug von sich gab.
Ich hätte gerne einen Kommentar los gelassen, da ich aber neben ihm saß tat ich das nicht. Denn sonst hätte er seine Flossen ja gleich an meinen Stimmbändern und würde sie mir sehr wahrscheinlich auch heraus reißen.

Nach endlos langem Schweigen klingelte sein Handy und ich betete still vor mich hin dass es nicht schon wieder diese Göre sein würde.
Denn dann trug sie dazu bei das ich heute leiden würde und das wollte ich nicht unbedingt. Erstens weil ich nicht wach genug war um mich zu wehren und Zweitens weil ich noch nicht wach genug war um es zu genießen.
War ein Witz.

Wir atmeten alle Drei erleichtert aus als Tom freudig unseren Onkel Frank begrüßte der in München lebte.
Mein Zwilling konnte stundenlang mit ihm telefonieren und sich mit ihm über wichtige Themen wie willige Mädchen unterhalten.
Es war auch nicht ungewöhnlich dass am Tag vier Mal fünfunddreißig Minuten Quatsch-labberarien über die sexgeilen Mädchen in Weißwurst-Town gehalten wurden.

Alles total normal.
Ich wette hätte irgendein verrückter Fan davon Wind bekommen würde Tom sein ruhiges und stressfreies Leben – hört man meinen Sarkasmus? – an Georgs Arsch heften können.
Aber da kein Fan auf die Idee kam Tom könnte einen Onkel – der leider auch meiner war – in Weißwurst-Town haben, hatte sich der Fall wohl erledigt.

Ich dachte mir auch nichts dabei als das Gespräch heute ausnahmsweise mal nach zehn Minuten beendet war und schnappte mir die Tasse Kaffee die Gustav mir aus lauter Solidarität hinhielt und nahm einen Schluck.
„Ich glaube so ein Kind wäre doch nicht schlecht“

Gustav riss aus Versehen seine Tageszeitung ein, Georgs Kopf schnellte nach oben und ich spuckte den Kaffee quer über den Tisch in Georgs Gesicht, den das anscheinend nicht störte.
Stattdessen guckten wir verstört zu Tom und versuchten uns nicht panisch in die Arme zu fallen mit dem Satz „Jetzt ist alles vorbei, die Welt geht unter“

„Jetzt ist es so weit“ nuschelte Gustav und Georg nickte.
„Tom ist endgültig übergeschnappt“

„Wieso denn? So ein Kind wäre doch sicher süß. Und Bill passt doch gerne drauf auf?“
Hatte der schon mal was von ner Kinderallergie gehört? Wenn nicht sollte man ihm ein Lexikon in die Hand drücken. Denn neben diesem Wort war bestimmt mein Bild gedruckt.

„Wie kommst du jetzt eigentlich darauf“
Ich war froh das Gustav das sprechen übernahm denn ich hätte wahrscheinlich kein Wort raus gebracht und wäre womöglich auch noch in Ohnmacht gefallen.
„Na Frank hat mir da so gerade die Vorzüge erklärt“
Kannte man in Weißwurst-Town eigentlich das Wort Schweigen?

Gustav redete weiter auf Tom ein und ich driftete in Gedanken ab wo ich mir Tom als Vater vorstellte was partout nicht klappen wollte.

Für den zeitgenössischen Mann ist der Übergang vom nichtsnutzigen Single zum Allzweck-Vater besonders dramatisch und ist – was den Rollenwechsel angeht – höchstens mit der Geschlechtsumwandlung zu vergleichen.

Und Tom war weiß Gott keiner dieser Männer die das ohne psychische Schäden überstehen würden. Dann doch eher Gustav oder Georg. Eventuell auch noch ich sollte ich in den nächsten vierzig Jahren noch mal zu Sex kommen.

Ich weiß ja nicht ob Tom schon jemals Jerome – Andys älteren Bruder – kennen gelernt hat. Wenn nicht hat er was verpasst. Denn dieser arme Mensch ist im Alter von zarten 24 schon zweifacher Vater.
Nebenbei fragt man sich natürlich ob er weiß wie man ein Kondom benutzt oder eben nicht.

Denn als Vater von Kindern tritt man in ein Diensthabendes System ein, gegen das sich der offizielle Anspannungsgrad der NATO-Luftraumüberwachung wie eine gottverdammte Kifferrunde ausnimmt.

Himmel, warum wollte Tom denn jetzt Kinder?
Ein Tritt gegen mein Schienbein holte mich in das Hier und Jetzt zurück und Gustav sah mich auffordernd an.
Anscheinend war er bei Tom auf Granit gestoßen und meine Aufgabe als Frontmann und Bruder war es jetzt natürlich das ganze auszubügeln.

„Du kannst keine Kinder haben“ gab ich schlicht zur Antwort.
„Warum nicht?“ kam es bockig zurück.

Da mein herzallerliebster Zwilling anscheinend noch immer nicht begriff vor welchem Schicksal wir ihn hier bewahren wollten musste ich eben die harte Version nehmen.
Bekanntlich stand Tom ja auf harte Sachen…in jeglicher Hinsicht.

„Du kannst nicht einfach sturzbetrunken nach Hause kommen, der Babysitterin kichernd ein paar Scheine ins Dekolleté drücken und zu Bett stürzen, um bis zum nächsten Mittag mit ausgeleierten Gesichtszügen das Kissen durchzuschnorcheln“

Toms Gesichtsausdruck glich einem Grundschüler der nicht kapierte was zwei Mal zwei war.

„Denn die Babysitterin könnte nämlich dem Kind zufällig genau den Bierschinken mit Ketchup aufs Brot gepappt haben, den du schon längst wegschmeißen wolltest.“

Immer noch keine Reaktion.

„Versuch dann doch mal, um halb eins nachts mit 2,1 Promille im Schädel halbverdauten Bierschinken aus einem sich immer schneller drehenden Teppich zu bürsten“

Anscheinend verstand er jetzt was ich meinte.

„Hör auf ihn. Du wirst zu Grunde gehen. Und ich hab nicht genug Geld für nen Anzug den ich zu deiner Beerdigung tragen könnte“ gab Georg von sich und ich nickte nur mitfühlend.

Tom runzelte die Stirn und schnappte sich meine Kaffeetasse wo er immer wieder einen Schluck nahm ohne Rücksicht darauf ob ich noch wach werden wollte oder nicht.
Was auch ehrlich gesagt nicht mehr nötig war nach diesem Schock.
Im Alter von zarten 18 hatte ich meinen ersten Schlaganfall. Das fing ja schon mal hervorragend an. Verdammt noch mal. Sollte ich Frank irgendwann bei einer blöden Familienfeier in die Finger kriegen würde ich ihm die Haare einzeln raus reißen.


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