reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 1
Niemals verlieren!



Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.


Johann Wolfgang von Goethe





Es war mal wieder einer dieser Tage, in denen ich mich verfluchte mich nicht bei meinem morgendlichen Styling mit dem Fön erhängt zu haben.
Einer dieser Tage, an denen der Tag noch vollkommen in Ordnung war ehe ich meine Beine aus dem Bett schwang und mich mit Gewalt ins Bad schleppte.
Einer dieser verfluchten Tage an denen ich mich fragte warum ich eigentlich so eine miese Laune hatte und sie an allen Anderen auslassen musste.
Einer dieser verdammten Tage an denen ich meinen Zwilling dafür verfluchte das er mein Zwilling war und merkte wenn es mir schlecht ging.
Einer dieser Tage an denen ich ihn am liebsten in der Kloschüssel ertränkt hätte, obwohl er es ja nur gut meinte.
Einer dieser Tage an denen ich mir wünschte er wäre nicht mein Bruder sondern irgendwer, dem ich meine beschissene Laune ebenfalls an den Kopf donnern konnte.

Eben heute war so einer dieser Tage an denen ich ihn verfluchte.
An denen ich mir wünschte er wäre einfach irgendwer, nur nicht mein Zwilling.
Diese Tatsache hinderte mich immer daran diese unsichtbare Grenze zu überschreiten, ihn an zu brüllen und ihm lauter Gemeinheiten an den Kopf zu werfen.
Eben, weil er mein Zwilling war.
Und dafür verfluchte ich im Moment sogar mich selbst. Ich, der diese Grenze einhielt um ihn nicht zu verletzen.

Ich weiß selbst nicht warum diese Tage bei mir existent waren. Ich weiß nur dass sie eben da waren. So wie jeder andere Tag. Wie die Sonne, der Regen und der Schnee im Winter.
So ist nun mal das Leben, hatte mein heiß geliebter Zwilling los gelassen.
Und verdammt noch mal, er hatte Recht.
Genau das verfluchte ich an ihm. Er wusste einfach immer mit welchem Satz er wo landen konnte.
Ob nun bei mir, dem Management oder irgendeinem Flittchen das er wieder auf sein Hotelzimmer abschleppte.
Vielleicht war auch das der Grund warum ich die Synchronisation für einen Film angenommen hatte.
Eigentlich hatte ich keine Lust darauf. Meine Lust steigerte sich auch nur minimal als ich erfuhr das Nena an meiner Seite, oder wohl eher ich an ihrer, arbeiten würde.
Ich hatte einfach nur das Bedürfnis etwas Abstand zwischen uns ein zu räumen.
Vielleicht hat mich das dazu bewogen meinen Zwilling, mein Gegenstück, gekonnt zu ignorieren und möglichst viel alleine zu unternehmen.

Wenn man es jedoch aus der Beobachterperspektive betrachtete, konnte man einfach nur sagen dass ich vor meiner besseren Hälfte floh.
Ich lief weg. Wollte Zeit für mich haben, ohne ihn meinen Weg gehen.
Selbst weiß ich dass schon nicht mehr warum ich das überhaupt getan hatte. Aber es tat mir gut, und das allein war für mich die Antwort warum ich es immer wieder tat.

Allerdings konnte ich inzwischen nur mehr sagen, dass er heute wieder das unbeschreibliche Talent besaß mir derbe auf den Sack zu gehen.
Keine Ahnung woher er das hatte, aber er besaß diese eigennützige Gabe mir alles aus der Nase zu ziehen. Und sei es nur die Uhrzeit, auch wenn er sein Handy direkt neben seiner Nase liegen hatte, und ich meines erst aus der Hosentasche fischen musste.
Was mich dazu bewog das auch noch zu tun, weiß ich nicht. Vielleicht auch einfach nur um mir zu bestätigen das ich ihn nicht anschreien konnte, obwohl ich es gern getan hätte.

Ich muss dazu sagen, das diese eigennützige Gabe es stets schaffte, mich von meinen Aggressionen zu befreien, so das ich zumindest ein kleines Lächeln zustande brachte.
Tom grinste mich ebenfalls an und biss voller Elan in sein Brötchen.
Wie er an einem Sonntag um 8 Uhr morgens diesen Elan hernahm, fragte ich mich jetzt sicher schon seit fast 2 Jahren.
Es war für mich unbegreiflich wie ein normaler Mensch zu so einer unchristlichen Uhrzeit bereits voller Elan und Tatendrang sein konnte und seine Umwelt, siehe mich, dezent damit ansteckte.

„Wir müssen los. Hamburg wartet“
Was war los?
Ich merkte wirklich dass ich noch nicht richtig wach war. Irgendwie hatte ich es verpeilt das wir heute ja schon nach Hamburg zu unserem nächsten Konzert fuhren.
Also nickte ich stumm und räumte meine Teetasse in den Spüler.
Ich wusste nicht warum, aber ich bekam in der Früh einfach nichts runter ohne dass es mir danach übel wurde.
Einfach eine dumme Angewohnheit. Ich hatte viele dumme Angewohnheiten. Eine davon war, das ich Anderen in meinem Müdigkeitsstadium nicht richtig zu hörte. So wie jetzt.

Ich bemerkte erst das Tom mich zum gehen aufgefordert hatte nachdem er meine Taschen und Koffer genommen und mich angestupst hatte.
Mal wieder war ich froh so einen Zwilling zu besitzen. Er wusste einfach dass ich faul bin und in meinem Delirium nicht in der Lage war meine Sachen selbst zu tragen.
Wenn man es ganz genau nahm war ich dazu eigentlich nie in der Lage.
Ich konnte mich beim besten Willen nicht an eine Tour erinnern in der ich meine Koffer selbst getragen hatte.
Meistens machte das Tom mit seinem Kommentar ‚Der kriegts eh nicht auf die Reihe’

Ich hatte ihm nie gesagt dass genau dieser Kommentar mich sehr verletzte.
Für mich hörte es sich einfach so an als ob er mir nichts zutraute.
Als ob ich einfach nur eine Last wäre die ihm sein Leben verbaute. Und wahrscheinlich stimmte das sogar.
Es war schon immer so gewesen das Tom mich beschützen und auf mich aufpassen musste.
Auch wenn ich es heute nicht mehr offen zu gab, aber ich versteckte mich noch immer hinter ihm.
Und das war wahrscheinlich der Grund dafür dass ich mich von ihm entfernte. Das ich meine eigenen Wege ging, um ihn nicht weiter zu behindern.
Ich wollte nicht daran schuld sein, dass er mit 60 in seinem Schaukelstuhl vor einem Kamin saß und sich fragte warum ich mir die Frechheit nahm ihm sein Leben zu verbauen.
Was Schuld anging war ich schon immer jemand der sie gerne von sich schob. Der einfach nicht damit leben konnte jemanden das Leben ruiniert zu haben.
Und schon gar nicht wollte ich in ein paar Jahren aufwachen und feststellen das ich das Leben des Menschen ruiniert hatte der mir am meisten bedeutete. Auch wenn ich ihn zu 50% dafür hasste das er mein Zwilling war.

Gemeinsam mit Tom schleppte ich mich aus unserem Haus wo ich den Van schon erblicken konnte.
Gustav und Georg saßen schon darin und diskutierten über irgendwas, was ich lieber nicht wissen wollte. Die meisten Diskussionen der Beiden liefen auf Twincest hinaus, seit sie so eine dämliche Internetseite gefunden hatten.
Sie machten sich einen Spaß daraus diese Dinger im Van laut vor zu lesen. Und noch einen größeren mich und Tom einfach nur vor der gesamten Crew zu blamieren indem sie uns eine Affäre andichteten.
Man konnte sagen was man wollte, langsam ging es mir auf den Piss.
Mich störte es nicht im Geringsten das manche Fans eine sehr kranke Fantasie hatten was Tom und mich betraf. Weiß Gott, es störte mich wirklich nicht.
Es störte mich nur das sie auch noch unseren Bandmitgliedern das Hirn vernebelten als würden sie jeden Tag zwei Stunden vor der Bong verbringen.

Wieder reichlich schlecht gelaunt und mit demselben Gesichtsausdruck krabbelte ich in den Van und wartete darauf dass Tom auch endlich mit in die Hölle kam.
Just in diesem Moment krabbelte er auf den Sitz neben mich und wie auf Kommando ging das Gelabere der Beiden vor uns an.
Das Thema wie vorhergesagt über Twincest.

Man konnte mich im Schlaf über dieses verfluchte Thema ausfragen und ich wüsste jede Antwort wann Tom und ich es laut einer Fanfiction wann und wo und wie getrieben haben.
Ich musste mir diese Scheiße schon so oft zu Gemüt führen, das ich sie auswendig kannte.
Und ich bezweifelte das meine Nervenzellen darüber sehr erfreut waren.
Ich bezweifelte ebenfalls das Tom es noch lange mitmachen würde wie sie ihm eine Affäre mit mir andichteten.
Tom war hier immerhin der Weiberheld und hatte einen Ruf zu verlieren, den er nicht kampflos aufgab.
Genauso wenig wie seine Gibson Custom.
Aber das war ein anderes Thema.

Ich begnügte mich damit nichts zu sagen und stattdessen Tom’s zuckende Augenbraue zu betrachten.
Tom zu einem Anfall herauf zu beschwören war eine meiner leichtesten Übungen. Aber ihm dabei zu zusehen wie er einen Anfall bekam ohne auch nur einen Funken Schuld daran zu tragen war etwas ganz anderes.
Es war so zu sagen eine Faszination wie er die Farbe wechselte, seine Augenbraue zu zucken begann und er versuchte, die Betonung lag auf versuchte, ruhig zu bleiben.
Allgemein machte es mir Spaß ihm dabei zu zusehen.
Was auch daran liegen konnte, weil er mir doch so verdammt ähnlich war und ich mich selten im Spiegel betrachtete wenn ich austickte.
Ich gab Tom noch gute drei Minuten, dann würde er wahrscheinlich die Geduld verlieren bei dieser Sexszene die uns die Beiden da vorne vorlasen.
Und ehrlich…ich freute mich schon darauf.



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