reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 4

Ohne dich, bin ich besser wieder ich!


 

Einem trauen ist genug,
keinem trauen ist nicht klug,
doch ist’s besser keinem trauen,
als auf gar zu viele bauen.


 

Friedrich von Logau





Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte, also wandte ich mein altes Schema an.
Tom einfach an mir abprallen zu lassen und ihn mit Ignoranz und Spott zu begegnen hatte sich in vielen Situationen als Wundermittel erwiesen.
Und ohne es zu wissen verfiel ich genau darin zurück, obwohl ich es eigentlich nicht wollte.
Das ich Tom damit mehr weh tat als wenn ich ihn geschlagen hätte, fiel mir nicht auf und ich zog es auch gar nicht in Erwägung.
Denn in meinen Augen war Tom stark und brauchte mich nicht. In meinen Augen war Tom immer noch der große Bruder der sich vor mich stellte um mich zu schützen.
Mir fiel nicht auf das er das schon lange nicht mehr war. Oder ich ignorierte es einfach ohne es zu merken.

„Warum schaust du dir so eine Scheiße an, das ist ja wohl nur noch pervers?“
Es war klar das Tom auf diesen Wortschatz zurückgreifen würde ohne zu wissen wie sehr er mich damit verletzte.
Es war allgemein so das er das immer Tat wenn er sich von mir angegriffen fühlte, und genau das war jetzt anscheinend der Fall.
Ich verstand es nicht und ging automatisch zum Gegenangriff über, obwohl ich das lieber unterlassen hätte wenn ich so darüber nachdenke.

„Wozu? So pervers wie du wird man sowieso nicht von heute auf morgen. Außerdem beschäftige ich mich sehr intensiv mit unseren Fans. Nur eben auf eine andere Weise als du, weil davon würde mir schlecht werden“ konterte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

Es war genauso klar das unser Streit lauter werden würde, weil es jedes mal darauf hinaus lief.
Und um ehrlich zu sein genoss ich es sogar. Ich mochte es wenn Tom sauer war und sich nicht mehr zu helfen wusste.
Zwar hatten wir beide eine ziemlich große Fresse, doch mir war eben noch die Intelligenz geschenkt worden. Tom zwar auch, aber das mit dem anwenden musste er noch Mal üben.

„Was ist an Sex bitte pervers? Und jetzt reite nicht wieder auf den One-Night-Stands rum, sonst krieg ich die Krise. Andere Argumente musst du ja noch irgendwo unter deiner Hippiefrisur haben“

Wenn man es genau nahm war das schon zu viel des Guten. Keiner beleidigte meine Haare, mal abgesehen von mir selbst. Das war allerdings etwas anderes, weil sie auf meinem Kopf waren und somit mir gehörten.
Ich maulte auch nie, fast nie, über den Mopp den er da auf seinem Kopf durch die Gegend trug. Ich machte nur gelegentlich Witze darüber, und das war nicht verboten.

„Davon rede ich auch nicht. Du wirst nur nie ne Freundin abkriegen. Wer will denn schon nen Typen der verbraucht ist wie ein abgelutschtes BonBon? Wenn ich ein Mädchen wäre würde ich mich höchstens ekeln mehr nicht“ wetterte ich los und begriff sogleich das ich zu weit gegangen war.

Tom’s Gesicht war blass und er sah mich an als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
Ich biss mir auf die Unterlippe und wusste nicht was ich machen sollte. Tom nahm mir die Entscheidung ab indem er den Kopf senkte und aus meinem Zimmer stürmte.
Wie konnte ich nur zu meinem Bruder sagen das ich mich vor ihm ekelte. So direkt hatte ich es nicht formuliert aber genug das er mich verstand.
Dabei wollte ich das noch nicht mal damit ausdrücken. Ich wusste nicht warum ich das gesagt hatte, es war mir einfach so rausgerutscht.
Und es tat mir leid. Es tat mir so unendlich leid ihn schon wieder zu so einem Zustand gebracht zu haben.

Andererseits wollte ich jetzt auch nicht unbedingt zu ihm gehen, er hätte mich sowieso rausgeschmissen.
Ich nahm mir fest vor später zu ihm zu gehen und mich zu entschuldigen, da ich es ja wirklich nicht so gemeint hatte.
Um ehrlich zu sein wusste ich noch nicht mal was ich damit gemeint hatte.
Ich wusste nur das diese Weiber mich ankotzen bis zum geht nicht mehr, und das ich jedes Mal am liebsten eine Bombe auf sie geworfen hätte, hätte ich denn eine dabei gehabt.
Aber so war das immer, das was ich brauchte hatte ich nicht. Und seien es nur Zigaretten.

Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte Tom nach dem Abendessen abzufangen kam meine glorreiche Idee was ich tun könnte um meinen Frust über unseren Streit irgendwie zu begraben.
Also zog ich mich wieder aus und verkroch mich ins Bett. Dort in die richtige Position gebracht schaltete ich den Fernseher ein und zappte durch die Kanäle bis ich bei ‚Manhattan Lovestory’ hängen blieb.
Ich hasste diesen Film, andererseits war er herrlich frustrierend.

Allgemein hatte ich was gegen solche Filme, aber es gab Situationen da half nichts anderes mehr.
Im Bett zu liegen und dümmliche Filme anzusehen war im Moment für mich die beste Lösung.
Und das beste was man nebenbei machen konnte war einfach Schokolade in sich reinzustopfen. In meinem Fall eklige Nougatpralinen. Ich hasste Nougat, aber ich hatte nichts anderes da und war zu faul um noch was zu holen.

Außerdem hatte ich irgendwo mal gelesen das Nougatpralinen am meisten Endorphine beinhalteten und somit mehr Glückshormone freisetzten.
Und die hatte ich mit Verlaub bitter nötig. Ich hasste es wenn Tom und ich uns stritten. Aber noch mehr hasste ich diese verdammten Schuldgefühle die mich danach immer plagten wenn ich was total dämliches gesagt hatte.

Eigentlich hasste ich so etwas. Normalerweise taten das nur Mädchen wenn sie frustriert waren, und ich konnte mir vorstellen das Tom und ich da auch einen Teil Schuld trugen. Ich konnte allerdings auch nichts dafür das es mich nicht hundert Mal gab.
Wäre auch irgendwie beängstigend, lauter Bill’s um sich rum zu haben. Das würde einer Invasion gleichen, denn ehrlich gesagt gefiel mir dieser Gedanke überhaupt nicht überhaupt auch nur einen einzelnen Doppelgänger zu haben.
Wie sollte es da mit hundert werden? Ich würde wahrscheinlich durchdrehen.

Während ich der fraglichen Geschichte des Films folgte überlegte ich mir wie ich mich bei Tom entschuldigen sollte und schaufelte nebenbei unaufhörlich Nougatpralinen in mich hinein.
Würde ich zunehmen würde ich morgen nicht mehr durch meine Zimmertüre passen.

Inzwischen kam ich zu der Erkenntnis das der beste Plan doch daraus bestand, Tom einfach die Wahrheit zu sagen und sonst nichts.
Er hasste es wenn man um den heißen Brei herum sprach. Und wo ich so darüber nachdachte hatte ich auf einmal Hunger auf Brei.
Das wiederum war irgendwie krank.

Der Film wurde mir schnell zu langweilig, ich war es einfach nicht gewohnt mir etwas anzusehen worum es nur um Liebe und Missverständnisse ging. Auch wenn ich Jennifer Lopez als Schauspielerin mehr schätzte als, als Sängerin.
In meinen Augen konnte die Frau nicht singen, genauso wenig wie Mariah Carey oder irgendeine von diesen Schnepfen. Christina Aguilera war eine Ausnahme.
Ich fand die Stimme geil, nicht die Frau, nur um das mal klarzustellen.

Also nahm ich die einzige Möglichkeit in Angriff die mir noch übrig blieb.
Ich fing an die Bravo von dieser Woche zu studieren. Ich hasste es Artikel über uns zu lesen und noch mehr hasste ich diese verformten Antworten darin zu finden, die wir niemals im Leben von uns gegeben hatten. Höchstens wenn man unsere Sätze analysierte und die Bausteine auseinander baute.
Und genau das taten diese kleinen Mistviecher. Nicht nur das ich die Antworten in meinem Interview ‚Zwei Jahre ohne Kuss und ohne Liebe’ total verdreht waren, es kam so rüber als ob ich total auf Sexentzug war und dazu auch noch emotional total blockiert.
Das mit dem Sexentzug kam hin. Aber emotional blockiert war ich auf keinen Fall.
Ich liebte Tom und meine Band und David und Zaki...und überhaupt.
Warum hatte ich nur das Gefühl das jetzt jeder Mensch der meine Gedanken lesen könnte dachte ich wäre total notgeil und scharf auf jeden Einzelnen?

Vor lauter Frust blätterte ich weiter und gelangte irgendwann auf die Bodycheckseite.
Was ich dort sah veranlasste mich dazu das mir die Paline die ich mir gerade in den Mund geschoben hatte im Hals stecken blieb und ich erbärmlich hustete.
Ich war nicht oberflächlich um Gottes Willen. Aber die meisten Menschen sahen angezogen nun mal besser aus als nackt.
Und bei diesem Typen den ich dort gerade betrachtet hatte traf das zu. Eigentlich traf es bei allen Menschen zu die ich bis jetzt in der Bravo gesehen hatte.
Deswegen bezeichnete ich die Bravo auch mit Vorliebe als Pornoheft für Minderjährige.

Nachdem ich mich wieder gefasst hatte warf ich die Bravo auf den Boden und starrte lieber wieder auf den Bildschirm.
Es war einfach nur noch grausam was die Bravo abbildete. Mal mit Ausnahme von Tom, aber der war auch Fotogen und machte sich gut auf dem Cover.
Warum ich da mehr drauf war als Tom war mir sowieso rätselhaft, denn Tom war genauso gleichgestellt wie ich.
Er war ein Poser und um ehrlich zu sein wäre ich gern weniger auf dem Cover gewesen nur um Cover von Tom zu sammeln.
Das machte ich schon etwas länger. Denn irgendwas musste ich ja seinen zukünftigen Kindern vor die Nase knallen wie hübsch ihr Papi mal vor vierzig Jahren war...oder früher.
Vielleicht war ich doch emotional blockiert.

Irgendwann musste ich wohl eingeschlafen sein, denn ich wachte erst durch lautes Klopfen an meiner Türe auf und einer Stimme die ich Georg zuordnete.
Mit einem gebrummten ‚Ich komme gleich’ bewegte ich mich aus dem Bett und schlüpfte in meine Jeans und mein Shirt ehe ich die Tür öffnete.
Meine Haare mussten noch einigermaßen sitzen, denn Georg sagte nichts und grinste nicht.

Zusammen mit Georg schlenderte ich in den Speisesaal und entdeckte Tom der meinem Blick auswich. Ich hatte ihn wirklich mehr verletzt als ich gedacht hatte.
Da half alles nichts, ich musste einfach in die Offensive gehen.
Also bestellte ich bei dem Kellner Waffeln für Tom, und der hatte es wohl nicht mitbekommen.

Als die Waffeln kamen freute ich mich über Tom’s Gesicht und grinste leicht ehe sein Blick meinen einfing.
Mit Sahne war auf die Waffeln ein großes ‚Sorry’ gesprüht und Tom lächelte ehe er mich unter dem Tisch mit dem Fuß anstupste.
Ich erntete zwar irritierte Blicke von allen Anwesenden, mit Ausnahme von Tom, am Tisch, aber das war mir in diesem Moment egal.

Ich freute mich darüber das Tom mir anscheinend verziehen hatte, und das äußerte sich darin das ich ihn während des ganzen Essens nicht aus den Augen ließ.
Vielleicht war das aber auch gut so, sonst hätte ich seinen giftigen Blick nicht bemerkt.
Am Anfang dachte ich er galt mir, doch dann registrierte ich das er jemandem galt der hinter mir sitzen musste.

Also drehte ich mich um und erkannte einen Mann von unserer Crew der mich anscheinend die ganze Zeit ansah, oder eher meinen Hintern.
Mein Blick galt wieder Tom und ich sah ihn irritiert an was er mit einem beschämten Blick auf den Teller kommentierte.
Ich verstand es nicht, es regte ihn doch nicht ernsthaft auf wenn mir jemand auf den Hintern glotzte?

Nach dem Essen verabschiedeten wir uns alle und ich blieb an meiner geschlossenen Zimmertüre stehen und lächelte leicht.
Ich hatte es geschafft das Tom mir verziehen hatte.
Aber die Aktion die ich gebracht hatte war auch eher was für einen Ehestreit gewesen. Es blieb ihm im Endeffekt nichts anderes übrig.

Nach diesem Essen hätte mir theoretisch auffallen müssen das Tom sich wahnsinnig verändert hatte und immer verletzlicher wurde.
Mir hätte es auffallen müssen, das Tom nie rot anlief und es ihn auch nicht störte wenn mir jemand auf den Arsch glotzte.
Und ich hätte spüren müssen das er mich um Hilfe anbettelte indem er sich immer wieder mit mir vertrug.

Aber ich war zu blind und hatte es nicht gesehen. Noch nicht einmal gespürt.
Meine Zwillingsgene hatten nachgelassen und ich hasste mich dafür das ich nicht wusste was in Tom vorging.
Um nämlich zu ihm vorzudringen fehlte mir die Kraft und vor allem der Mut.
Deswegen ließ ich ihn im Stich und kümmerte mich lieber um mein eigenes Leben, anstatt um seines zu kämpfen.



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