reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 5

Ich schaff`s auch ohne dich


 

Die große Schuld des Menschen ist,
dass er jeden Tag zur Umkehr fähig ist,
und es nicht tut.


 

Albert Schweitzer





Ich dachte wirklich, jetzt wo er mir verziehen hatte, war alles in Ordnung. Aber dem war nicht so wie ich mich eine halbe Stunde später selbst davon überzeugen durfte.
Eigentlich wollte ich gar nicht zu Tom gehen und ihn um Hilfe bitten, aber ich brauchte sie in diesem Moment so sehr, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste.
Er war der einzige der mir in dieser Situation helfen konnte, und das wusste ich. Immerhin hatten wir Beide dasselbe Problem.
Ein Nokia 6103. Und somit auch dasselbe Ladegerät, das mein Problem darstellte. Denn ich hatte mit meiner nicht vorhandenen Intelligenz vergessen, meines einzupacken und jetzt einen nervigen und piependen Akku an der Backe der nach Nahrung verlangte.

Also schlich ich mich durch den Hotelflur zu dem Zimmer neben mir und wollte gerade klopfen.
Wollen, deswegen weil ich es eigentlich wollte und nicht tat, als ich Stimmen hörte und beschloss meinem Bruder etwas von seiner Privatsphäre zu klauen.
Eigentlich wollte ich ja gar nicht lauschen. Erstens gehörte es sich nicht und Zweitens war das immer noch mein Bruder in dessen Privatsphäre ich eindrang.
Andererseits wollte ich unbedingt wissen was es zu bereden gab, womit er nicht zu mir kommen konnte. Ob man es glaubte oder nicht, mir war aufgefallen das Tom meine Nähe zwar mehr oder weniger suchte, aber mit mir nur so wenig Sprach das im Jahr gerade mal 3.000 Wörter zusammen gekommen wären, die wir früher schon an einem Tag geredet hatten.

„Aber dann musst du das Bill sagen“ vernahm ich eine Stimme die ich ohne zu zweifeln Georg zuordnen konnte.
Was sollte er mir sagen? Warum redeten die überhaupt über mich wenn ich nicht dabei war. Und vor allem seit wann war mein Bruder zu feige mir etwas ins Gesicht zu sagen.
Das allein machte mich schon wütend. Er wusste ja hoffentlich dass ich ihm wegen nichts den Kopf abreißen würde.

„Wie denn? Weißt du was es mir für Probleme macht mit ihm zu reden? Wie soll ich ihm das denn sagen? Der ersticht mich doch mit einer seiner hundert Nagelfeilen“
War ich echt so schlimm? War ich so schlimm, dass mein Bruder sich nicht traute mit mir über irgendwas zu reden, dass ja offensichtlich mit mir zu tun hatte? Das konnte ja wohl nicht wahr sein.

„Er wird dich schon nicht umbringen. Er wird es nur nicht begreifen, so wie eigentlich immer. Bill ist einfach emotional blockiert.“
Hallo? Was dachten die eigentlich von mir? Aber schön das ich das nun wusste. Soviel also zu unserer Kommunikation, denn die war anscheinend irgendwie abhanden gekommen.

„Er versteht mich doch sowieso nicht. Dazu braucht er gar nicht emotional blockiert zu sein. Er kapiert doch gar nichts. Bill weiß doch noch nicht mal wie weh das tut“ hörte ich meinen Bruder aufgebracht und erstarrte.
War das denn wirklich so? Verstand ich ihn nicht? Hatte ich irgendwas übersehen? Irgendwas was mir sagte das es Tom nicht gut ging, und er nun so über mich dachte?
Es tat weh, vielleicht auch mehr als das. Es war unerträglich hier zu stehen.

„Und was willst du jetzt machen?“
Gute Frage Georg. Das wüsste ich nämlich auch gerne was mein werter Bruder jetzt vorhatte.

„Ich werde seine Nähe meiden. Das fällt ihm doch sowieso nicht auf. Der ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt“
Bei diesen Sätzen zersprang mein Herz und ich konnte einen Moment nicht atmen.
Was dachte der eigentlich? Das ich ihn nicht liebte? Das es mir nicht auffiel? Okay, es war mir wirklich nicht aufgefallen, also hatte er Recht.
Ich war ein schlechter Bruder und schaffte es nicht Tom das zu geben was er brauchte. Seinen Zwilling. Eigentlich war ich doch nur noch der Sänger für ihn und nicht mehr.

Drinnen wurde es still und ich überlegte warum.
„Hat da jemand geschluchzt?“ fragte Georg und mir wurde erst dann bewusst das ich weinte, und das nicht gerade wenig.
Ich heulte nie. Ich wollte keine Schwäche zeigen, schon gar nicht für Tom. Damals hatte ich mir geschworen für ihn stark zu sein.

Hastig rannte ich wieder in mein Zimmer und blieb innen an der geschlossenen Türe stehen wo ich weiter weinte, aber versuchte es so leise wie möglich zu tun.
Tom brauchte mich nicht mehr. Ich war so doof gewesen, ich hätte es doch merken müssen.
Ich hätte doch merken müssen wie er von mir dachte.
Und es tat weh. So unbeschreiblich weh dass ich dachte jeden Moment zu zerspringen.
Mein Schmerz wurde auch nicht dadurch gelindert das er es Georg gesagt hatte und nicht mir. Er kam nicht mehr zu mir, weil er dachte ich würde ihn nicht verstehen, und das versetzte mir neue Stiche ins Herz.

In solchen Momenten wünschte ich mir zu schreien und alles raus zu lassen.
Das ging aber schlecht, weil ich keine Lust hatte aus dem Hotel geworfen zu werden. Also waren nur noch zwei Möglichkeiten zur Auswahl um meinen Schmerz los zu werden.
Die Erste bestand darin mich ins Bett zu knallen, meinem Handy das Maul zu stopfen und mich wieder mit ekliger Schokolade zuzustopfen und dabei dämliche Filme zu glotzen.
Die Zweite das ich meinen Hintern in passable Klamotten quetschte, mir beim Hotelkiosk einen Jahresvorrat Zigaretten zulegte und mich dann in die Hotelbar bequemte um mir sinnlos aber effektiv die Birne weg zu saufen.
Die Zweite Möglichkeit war für mich die Beste. Noch mehr Schokolade und ich hätte mich erhangen um meinen Magen zu beruhigen.

Also schnappte ich mir meine blaue, Tiefsitzende Jeans und ein dunkelblaues Shirt womit ich mich ins Bad verzog um mich zu stylen.
Jetzt war es schon so weit das ich reagierte wie Tom wenn der nichts Besseres zu tun hatte. Das war einfach nur noch frustrierend.

Nachdem ich mit dem Stylen fertig war, und mein Make-up dunkler war als sonst, man mich also locker mit einer Leiche verwechseln konnte, war ich zufrieden und schnappte mir meinen Schlüssel und den Geldbeutel ehe ich mich nach unten verzog.
Beim Hotelkiosk legte ich mir 6 Schachteln L&M rot zu und schlenderte dann in die Hotelbar wo ich mich auf eine Couch in der Ecke fallen ließ und einen Ginger mit Ale bestellte.
Hatte ich noch nie getrunken, war aber hochprozentig und somit das was ich dringend brauchte.

Er schmeckte auch nicht scheiße, also bestellte ich ihn immer wieder nach.
Mittlerweile verstand ich auch warum Tom das öfter machte, oder warum Bridget Jones sich immer in Alkohol wälzte.
Ich hasste diesen Film, aber ich musste ihn mir vor Urzeiten mit meiner Ex-Freundin, das war jetzt auch schon zwei Jahre her, reinziehen.
Einschlafen konnte ich dabei nicht, obwohl ich es gern getan hätte. Das lag zum Großteil aber auch daran das sie mir immer ihren Ellenbogen in die Rippen rammte.

Nach dem fünften Ginger mit Ale hockte sich ein Typ neben mich und ich warf ihm einen kurzen Seitenblick zu.
Gesellschaft war nun wirklich das letzte was ich brauchte, allerdings war ich auch zu faul zum reden, und das war eindeutig ein Zeichen dafür das der Alkohol langsam anschlug.
Nach einiger Zeit musterte ich ihn unauffällig und stellte fest dass der Junge gar nicht mal so schlecht aussah.
Er war ungefähr in meinem Alter, hatte kurze schwarze Haare und war genau wie ich ziemlich dunkel geschminkt.
Seine Klamotten waren ebenfalls schwarz, nur etwas weiter als meine. Die schwarz lackierten Fingernägel signalisierten von meiner Seite aus Geschmack und der Schmuck tat seinen Rest.

„Du bist doch Bill, der Sänger von dieser Band oder?“ wurde ich auch sogleich angesprochen und ich nickte nur.
Solang er mich nicht verprügeln wollte war es mir egal ob mich jemand erkannte oder nicht.
„Ich bin Kai“ stellte er sich dann vor und hielt mir die Hand hin, die ich annahm und kurz drückte.
Dabei stellte ich fest, dass er sanfte Hände hatte. Und das er sicher kleiner war als ich. 1,60 vielleicht.
Wenn man das umrechnete war er dann 23cm kleiner als ich.

„Fühl dich jetzt bitte nicht angegriffen aber…“
Oweia, wenn das schon so anfing kam gleich das ich aussah wie ne Schwuchtel, womit ich klar kam. Aber es nervte trotzdem.
„…ich find dich süß“
Okay, damit hatte ich jetzt zwar nicht gerechnet aber ich konnte nicht verhindern dass sich ein leichtes Lächeln auf meine Gesichtszüge schlich.
Süß also ja? Wenigstens einer der mich nicht die ganze Zeit mit dem Wort ‚geil’ betitelte.
War zwar was neues das ausgerechnet ein männliches Wesen mich als süß bezeichnete, aber okay, mich störte das nicht. Und um ehrlich zu sein schmeichelte es mir mehr als wenn mich die Weiber als eben dieses bezeichneten, weiß der Geier warum.

Keine Ahnung wie lange, aber Kai und ich mussten bestimmt ein paar Stunden geredet haben, denn aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen wie Georg und Tom die Bar betraten, wobei ich sie gefließentlich ignorierte.
„Findest du mich emotional blockiert?“
Kai war mit dieser Frage eindeutig überrumpelt und guckte mich erst verwirrt an ehe er den Kopf schüttelte und verlegen grinste.
„Ne…dafür sind deine Texte zu emotionsgeladen und du selber viel zu gefühlvoll“
Ah…also doch nicht blockiert, irgendwie beruhigend.
„Wie kommst du darauf?“
Es war klar dass er fragen würde und ich grinste nur ehe ich mit den Schultern zuckte.
„Davon ist mein Bruder fest überzeugt“ gab ich ihm als Antwort und kippte noch einen Ginger mit Ale.

Ich wollte gerade den Mund aufmachen um unsere Konversation weiter zu führen, kam allerdings nicht weit, da ich Lippen auf meinen spürte die eindeutig zu Kai gehörten. Was eigentlich kein Kunststück war das festzustellen da ich sein Gesicht inklusive geschlossener Augen vor mir sah.
Instinktiv schloss ich meine ebenfalls und erwiderte den Druck auf seinen Lippen während meine Hand den Weg in seinen Nacken fand, womit ich ihn näher zu mir zog.

Keine Ahnung was mich dazu bewogen hatte das zu tun, aber für mich fühlte sich dieser Kuss einfach absolut genial an.
Seit wann ich Jungs küsste war mir zwar unklar, aber ich fand mich eigentlich relativ schnell damit ab vielleicht doch nicht ganz hetero zu sein.
Könnte auch am Alkohol gelegen haben.

Automatisch öffnete ich meine Lippen als ich Kai’s Zunge spürte und ich bemerkte erst zu diesem Zeitpunkt dass er Lippenpiercings besaß.
Einen Ring rechts und einen Stecker links. Das war mir vorhin gar nicht aufgefallen. Wohl auch deshalb, weil ich Menschen beim Reden nicht auf die Lippen starre sondern auf die Augen.

Unsere Zungen hatten irgendwann einen Kampf angefangen und Kai und ich kleben schon regelrecht aneinander.
Ein Knurren huschte über meine Lippen als Kai sich entfernte und ich öffnete die Augen wo ich das Übel schon erkannte, in Form meines Bruders und Georg der dahinter stand.

„Tatsch meinen Bruder nicht an“
Ach? Auf einmal war ich das wieder? Seit wann hatte Tom eigentlich das recht sich in mein Leben einzumischen.
Ich hatte auch nie was gesagt wenn er mit einem dieser Flittchen zugange war oder sie mit auf sein Zimmer geschleppt hatte.
Was bildete er sich ein in meinem Leben einen auf Autoritätsperson zu machen?

„Lass ihn, das geht dich nichts an“ zischte ich und zog Kai wieder zu mir der sichtlich verwirrt war.
Streit unter Zwillingen war auch nichts Schönes. Besonders nicht wenn man dazwischen seinen Platz hatte, und zu meinem Leidwesen war Kai genau das passiert.
„Du kannst doch nicht mit einem wildfremden Typen in der Hotelbar rumkrabbeln“
Dieser Satz kam aufgebracht, wütend und ziemlich laut über Tom’s Lippen wobei ich innerlich grinste.
„Aber du kannst in aller Öffentlichkeit, in einer Disco mit einem wildfremden Flittchen rumknutschen und sie in dein Hotelzimmer schleifen? Irgendwas stimmt mit deiner Auffassungsgabe nicht Bruderherz“
Das letzte Wort spuckte ich ihm vor die Füße und ich war nicht bereit Kai herzugeben nur, weil sich Tom einbildete mein Leben wieder in die Hand nehmen zu müssen.
Ich konnte das ja auch so schlecht dass ich dabei die Hilfe von einem Lackaffen benötigte.
„Aber Tom hat Recht, was machst du wenn die Presse hier rumrennt?“
Okay, Irrtum, zwei Lackaffen.
„Es geht euch nichts an kapiert? Was ich wann, wie, warum und weshalb mache ist meine Sache. Und wie gesagt…ich versteh Tom ja auch überhaupt nicht und bin so emotional blockiert das mir das scheißegal ist“ gab ich sarkastisch von mir und stand auf wo ich der Bedienung das Geld in die Hand drückte und mir Kai’s Hand schnappte wo ich mit ihm im Schlepptau die Bar verließ.

Es lag eigentlich auf der Hand das meine beiden selbsternannten Bodyguards mir folgen würden um mir noch weiter Vorträge über mein Leben zu halten.
„Wer sagt den so nen Scheiß?“
„Du Tom, ich bin nicht taub und auch nicht blöd, auch wenn du mich anscheinend dafür hältst“
Okay…ich wäre taub gewesen wenn mein Handy nicht nach Nahrung verlangt hätte, und ich war noch nie so dankbar dass es das tat.

Eine Weile hörte ich nichts mehr außer die Schritte die mir die Treppen hinauf folgten, und die nicht alleine von Kai stammten, der beschossen hatte sich da raus zu halten, aber mir brav zu folgen.
„Du nimmst den nicht mit auf dein Hotelzimmer“ wetterte es hinter mir als wir auf unserer Etage angekommen waren und ich legte ein süffisantes Grinsen auf meine Lippen ehe ich vor meiner Tür stehen blieb und mich zu den Lackaffen die mal meine Freunde gewesen waren umdrehte.
„Hindere mich doch dran“

Anscheinend fehlten den Beiden die Worte, denn sie standen mit offenen Futterluken da und starrten mich an als wäre ich komplett geistesgestört.
Und als ob das nicht schon reichen würde kam auch noch David aus seinem Zimmer um zu sehen was wir wieder für Scheiße fabrizierten.
Mein einziger Ausweg war es, um Kai’s Psyche zu schonen, ihn in mein Zimmer zu verfrachten und das alleine zu klären, was ich auch tat und die Tür wieder hinter mir schloss.

„Was macht ihr hier eigentlich mitten in der Nacht für einen Lärm?“
War klar, das war die Standardfrage.
„Wir haben es erst 22 Uhr“
Ah…gut zu wissen. Musste ja keiner mitkriegen das ich so besoffen war das ich nicht mal mehr wusste wie spät es war.
Und es musste ebenfalls keiner wissen warum das so war.

„Bill will mit nem Typen ins Bett steigen“ antwortete Georg und Tom verzog angeekelt das Gesicht.
Ein irritierter Blick von David und der blieb natürlich an mir kleben.
„Hab ich nie gesagt? Ich lasse mir nur ungern den Abend von zwei Typen ruinieren die noch nicht mal ne Ahnung haben wie man das Wort ‚Liebe’ überhaupt schreibt. Außerdem mit wem ich rumvögel ist immer noch mein Problem“
War ja auch so. Ich konnte mich noch nie an einen Vorfall erinnern wo mal bekannt gegeben wurde dass der Bruder für das Sexleben seines Zwillings verantwortlich war.
„Bill?“
„Ja?“
„Der Typ muss raus, das gibt nur wieder Schlagzeilen“
Ich ärgerte mich darüber dass die anscheinend alle zusammen hielten. Fehlte eigentlich nur noch Gustav der mir eine Predigt hielt und der war wirklich gut darin und überzeugte mich zu meinem Leidwesen auch noch immer.
„Mir egal. Kümmere dich lieber um Tom’s Schlagzeilen“

Mit diesem Satz verschwand ich in mein Zimmer und schloss die Türe nicht gerade leise.
Kai saß auf dem Bett und guckte mich verwirrt und unsicher an was ich mit einem leichten Grinsen abtat.
„Sind die immer so zu dir?“
„Äh…nein, weiß nicht“ nuschelte ich vor mich hin und ließ mich neben Kai aufs Bett fallen wo ich mit großem Interesse den Boden betrachtete.
Das tat ich bis zu dem Zeitpunkt als Kai mich wieder küsste und mich in die Kissen drückte wo er sich frech auf meine Hüften setzte und dort auch blieb ohne sich zu bewegen.
Stundenlang küssen, das liebte ich. Ich war sowieso nicht der Typ für eine Nacht und ich war mir nicht sicher ob Kai das wusste.

„Ich will nicht mit dir ins Bett, das ist dir klar oder?“
Man könnte meinen die Frage kam von mir. Tat sie aber nicht. Sie kam von Kai der mich unsicher ansah und ich nickte nur.
„Klar“
Damit versanken wir wieder in einen Kuss und ich schlang meine Arme um seinen Nacken.

Eigentlich hatte ich vorgehabt noch eine Weile aufzubleiben, aber irgendwann als wir so nebeneinander lagen muss ich wohl eingeschlafen sein.
Denn als ich aufwachte lag ich auf Kai’s Schulter und der hatte seinen Arm um mich gelegt.
Als ich hoch sah grinste er mich nur verlegen an und ich blieb einfach so liegen.
„Mh…vorhin hat wer gegen die Tür gehämmert und was von Aufnahmen gesagt, aber du warst nicht wach zu kriegen“ kam es genuschelt von ihm und ich blickte auf mein Handy wo mich der Schlag traf.

Ich hatte die kompletten Albumaufnahmen verpennt, aber gehörig.
Die waren nämlich schon wieder vorbei und ich machte mich darauf gefasst noch heute in diesem Hotel zu sterben.
David war bestimmt stinksauer und auch die Anderen wären bestimmt nicht besser drauf.
„Ich will nicht runter“ nuschelte ich in Kai’s Shirt und der grinste nur wie bekloppt.
„Musst du aber Billy, du musst essen, damit du groß und stark wirst“

Dieser Satz ließ mich wieder traurig werden. Den hatte mir Tom damals auch immer unter die Nase gerieben wenn ich keine Lust hatte irgendwas in meinen Magen zu schaufeln.
„Okay…das mit der Größe vergessen wir, halt dich einfach nur an die Stärke“
War ja klar, nach 23cm wäre ich auch frustriert.
„Ich geh ja schon“

Schlapp erhob ich mich und schleppte mich ins Bad wo ich mich einigermaßen Stylte und dann wieder in mein Zimmer latschte.
Kai erhob sich ebenfalls und schlenderte noch mit mir bis zur Hotellobby, wo wir uns verabschiedeten und er mir seine Handynummer in die Hand drückte.
Damit bewaffnet, ging ich schutzlos und hilflos in den Speisesaal und ließ mich zu den Anderen an den Tisch fallen, wo ich mit Ignoranz bestraft wurde, außer von Gustav. Wenigstens einer.
„Ich hab dir Pizza mit bestellt, ist doch in Ordnung oder?“
Ein Nicken von meiner Seite und Gustav war glücklich. Dieser Junge war allgemein so leicht glücklich zu machen wie ein Huhn das ein Ei legte.

„Bill, wie kommst du dazu die Aufnahmen einfach zu verschlafen? Ist dir eigentlich klar dass wir total unter Zeitdruck stehen? Das dulde ich nicht noch einmal. Morgen wirst du allein ins Studio fahren und deine ganzen Parts einsingen.“

Es war so was von klar, dass David sofort loswettern würde, dass man es locker vorher sehen konnte.
Genauso wie eine Schlechtwetterfront. Nur das diese eben das kleinere Übel war.
„Lass ihn. Er ist immer noch mein Bruder, und ich lass nicht zu das du ihn durch den ganzen Speisesaal scheißt“ kam es geknurrt rechts von mir und ich blickte Tom an wie ein Schaf auf der Weide wenn es donnert.

Tom hatte auf die Anderen denselben Effekt wie auf mich. Unsere Kiefer hingen irgendwo am Boden und freuten sich über die gute Luft.
Er währenddessen saß nur da und aß unbeirrt weiter. Das hieß bis er aufblickte und eine Augenbraue hob und mit vollem Mund ein ‚Was?’ nuschelte.
Ähm, konnte man es mir verübeln das ich meine Hand ausstreckte und ihm die Krümmel vom Pizzarand von der Lippe wischte?
Anscheinend ja, denn Tom sah mich fragend an und ich wich seinem Blick aus.
„Krümmel“ nuschelte ich deswegen nur und biss in meine Pizza.

Das Essen verlief ansonsten schweigend und mit wahnsinnig gedrückter Stimmung.
Ich hasste diese Stimmung, allerdings brachte ich auch nicht den Mut auf etwas daran zu ändern.
Wahrscheinlich wären sie sonst auf die Idee gekommen mich irgendeinem wild gewordenen Fan zu opfern der mich dann ausschlachtete wie ein Suckel (das ist ein Ferkel) und meine Innereien an den Meistbietenden verkaufte.
Ne danke, darauf konnte ich verzichten.

Auf dem Weg nach oben beschloss ich lieber die Treppe zu nehmen, sollten David und Georg wirklich noch auf diese bekloppte Idee kommen. Oder mich eben heimlich im Kühlschrank vergraben, was ja eigentlich noch viel schlimmer war als wenn irgendwelche Mädchen sich ihr Zimmer mit meiner Leber schmückten.

Leider wurde mir auch dabei wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht.
Aber nicht so wie ich es gewohnt war von Zaki sondern….tada... von meinem Bruder Tom.
Was der jetzt wollte war mir zwar unklar, aber reden schadete bekanntlich nicht.
„Tut mir leid dass ich gestern so ausgetickt bin“ gestand er mir während die Anderen schon mal nach oben fuhren.
Ich begnügte mich damit ihn anzugaffen wie ein Auto und meine Stirn in Falten zu legen. Was die Weiber an meinen Stirnfalten so toll fanden hatte ich noch nie verstanden.

„Mir tut’s auch leid“ gab ich ihm als Antwort und mir war so als ob ich ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht sah.
Oder ich hatte mich auch einfach nur geirrt und war wirklich schon blind. Oder ich litt an Halluzinationen mit denen ich nicht umgehen konnte.
Genügend Möglichkeiten gab es bei meiner angeknacksten Psyche sowieso.

Tom und ich fuhren gemeinsam wieder nach oben und gingen in unsere Zimmer.
Zu diesem Zeitpunkt fiel mir zum ersten Mal auf wie einsam mein Hotelzimmer eigentlich war.
Klar, es war schön eingerichtet und Komfort hatte es auch, aber es war eben einsam.
Wie ich auf meine Entscheidung kam, wusste ich selbst nicht, aber ich ging wieder hinaus und klopfte bei Tom, der mir auch gleich aufmachte und mich mit fragenden Blicken nur so überhäufte.
„Kann ich…ähm…“
„Komm schon rein“
Warum er wusste was ich wollte, und warum er dabei grinste als hätte ich ihm einen Sportwagen geschenkt verstand ich nicht.

In seinem Zimmer setzte ich mich auf sein Bett, sah mich um, betrachtete manchmal seinen Hintern als er sich umzog und sah mich weiter um.
Warum ich überhaupt auf seinen Hintern gestarrt hatte war ein Rätsel. Vielleicht war ich auch immer noch besoffen, und hatte keine Messlatte mehr zwischen Kai und meinem Bruder.
Das war die einfachste und logischste Erklärung die ich mir zu diesem Zeitpunkt liefern konnte, als Tom mir eins seiner Shirts vor die Nase hielt.
„Hier…willst ja sicher nicht in Klamotten schlafen“

Wenn man es genau betrachtete hatte ich so ein unwahrscheinliches Glück gerade ihn als Bruder zu haben, dass ich am liebsten geheult hätte vor Glück.
Leider war ich emotional blockiert und tat es nicht. Diesen Satz würde ich ihm sowieso nie verziehen.
Müde schlich ich mich ins Bad und zog mir dort Tom’s Shirt an. Bei genauerem betrachten konnte man meinen ich hätte ein Kleid an.
Wie man in solchen Zelten leben konnte, war mir absolut schleierhaft, aber ich wollte ihn nicht auch schon wieder nerven.

Also begnügte ich mich damit mich ins Bett zu legen und festzustellen das Tom unglaublich gut, und vor allem beruhigend, roch.
Das merkte ich nämlich dann als er das Licht ausgemacht hatte und mich in eine Umarmung zog.
Er wusste aber schon das wir keine 7 mehr waren oder? Aber in diesem Moment störte es mich nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen jemals wieder aus dieser Umarmung zu müssen und legte meinen Arm automatisch um seine Hüfte.
Mein Gesicht fand seinen Platz in seiner Halsbeuge und ich betete in dieser Nacht, dass ich sterben würde.
Denn am nächsten morgen wäre ich bestimmt wieder unausstehlich zu ihm und müsste aus dieser Umarmung raus, da ich ja ins Studio fahren durfte.

Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwann war ich eingeschlafen und hörte Tom’s ‚Ich hab dich lieb’ nicht mehr.
Und trotzdem schien es mir so als hätte ich die Bedeutung dieser Worte tief in meinem Unterbewusstsein verstanden.

Heute frage ich mich manchmal warum mir Tom’s komisches Verhalten nicht schon früher aufgefallen ist.
Und warum mir nie aufgefallen ist, dass er seine Schweißbänder sogar nachts trug, was er früher nie getan hatte.
Die Frage die ich mir heute immer wieder stelle ist, warum mir niemals aufgefallen war das ich eigentlich der Starke von uns Beiden war und Tom neben mir zerbrach ohne das ich es merkte.
Ich mache mir heute noch Vorwürfe wenn ich daran denke, dass ich Tom’s Narben niemals gesehen habe und mich mit Lügen abspeisen ließ.

Ich hätte einfach bemerken müssen dass der Tom den ich so liebte wie er war, sich im Grunde so verändert hatte, dass ich ihn gar nicht mehr wieder erkannte.
Ich hätte es bemerken müssen, das diese Umarmung nicht das war was sie zu sein schien.



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