reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 7

Du nimmst mir alles!


 

Wenn zwei von einander scheiden,
so geben sie sich die Händ,
und fangen an zu weinen,
ein seufzen ohne End.


 


 

Wir haben nicht geweinet,
wir seufzten nicht Weh und Ach!
Die Tränen und die Seufzer,
die kamen hintennach.


 

Heinrich Heine





Ein grausames Geräusch weckte mich am nächsten morgen, und ich stellte fest, dass ich mich dreckiger fühlte, als ich es jemals in meinem Leben getan hatte.
Mein Kopf fühlte sich an als wäre er auf die Größe von Russland angeschwollen, meine Gelenke schmerzten, mein Mund war trocken und mir war so unsagbar schlecht, dass ich Angst hatte meine Innereien demnächst neben mir auf dem Bettlacken vorzufinden.

Mein Bedürfnis an diesem morgen aufzustehen war gleich Null. Dennoch rang ich mich dazu durch die Weckfunktion meines Handys abzustellen und verloren an die Decke zu blinzeln.
Tom’s Shirt war in der Nacht irgendwann unter meinen Kopf gewandert und ich ließ es liegen als ich aufstand und mich ins Bad schleppte.
Ich brauchte eine heiße Dusche um wieder zu Kräften zu kommen.

Im Badezimmer angekommen war ich noch nicht gewillt mich mit meinem Spiegelbild zu konfrontieren und warf stattdessen meine Boxer in die Ecke ehe ich in die Dusche stieg und das Wasser aufdrehte.
Ein Seufzen entwich meinen Lippen, als das warme Wasser meine Haut berührte und ich legte den Kopf in den Nacken. Das Wasser tat gut und half mir mich teilweise zu entspannen. Warum das nicht ganz funktionierte war mir unklar.
Trotzdem raffte ich mich auf und wusch mir die Haare die das wahrscheinlich bitter nötig hatten.
Nach meinem vergeblichen Entspannungsritual schlurfte ich aus der Dusche und nur mit Handtuch bekleidet in mein Zimmer, wo ich mir meine Klamotten zusammen wühlte und damit wieder ins Bad ging.

Der Schlag traf mich als ich ungewollt in den Spiegel sah.
Nicht nur das ich aussah wie ein aufgequollener Muffin, nein ich hatte meine linke Gesichtshälfte auch noch unter dem Auge leicht bläulich.
In diesem Moment hatte ich nur noch das Bedürfnis ins Bett zu gehen und da auch zu bleiben.
Aber das würde mir auch nichts bringen. Ich kannte David und den Rest unseres genialen Teams. Sie würden gegen meine Türe hämmern, sie irgendwie eintreten, mich kidnappen und das Zimmer dann in Flammen stecken um alle Spuren zu verwischen. Der Empfangsdame würden sie mitteilen, dass es mir einfach nur nicht gut ging und dass ich leicht psychisch gestört war.
Wäre ihnen zuzutrauen gewesen.
Also zog ich mich mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte an und fixierte dann leicht planlos mein Gesicht.
Ich hatte noch nie ein blaues Auge gehabt, und wusste dementsprechend nicht was ich tun sollte. Schminken.
Das war der einzige Gedanke der in meinem Kopf umher ratterte. Also beschloss ich einfach mal das zu tun. Im Notfall würde ich mir eine Augenklappe aufsetzen und behaupten ich hatte Lust auf eine Veränderung.

Bei dem verzweifelten Versuch mein Gesicht zu retten, die Haare waren mir heute so was von egal, fluchte ich fröhlich vor mich hin, und fragte mich warum ausgerechnet ich so blasse Haut hatte.
Ich glaubte wenn ich brauner gewesen wäre, wäre das nicht so wirklich aufgefallen. Aber im Endeffekt hatte ich es doch ganz gut übertüncht und besah mich noch mal im Spiegel.
Das würde schon gehen. Und wenn einer fragte, ich war einfach gegen irgendwas gelaufen.
Außerdem sah ich mit glatten Haaren auch nicht so schlecht aus. Gewöhnungsbedürftig und nicht gerade wie eine Yukapalme aber nicht schlecht.

So gestylt und hoffentlich unauffällig was mein blaues Auge anging, spazierte ich mitgespielt fröhlicher Laune nach unten und entdeckte die Anderen schon beim Frühstück.
„Guten Morgen“ flötete ich und grinste, wofür ich mir lauter skeptische Blicke einhandelte.
Schon klar. Bill Kaulitz war morgens um 8.00 Uhr nicht fröhlich und schon gar nicht hatte er eine abartig gute Laune.

Instinktiv setzte ich mich neben Georg anstatt neben Tom und schnappte mir summend ein Brötchen das ich aufschnitt und mit vollem Elan mit Marmelade beschmierte.
„Bill? Ist alles in Ordnung?“ wurde ich von David gefragt und sah ihn kauend und mit großen Augen an.
„Klar, darf ich jetzt keine gute Laune mehr haben? Heute fahren wir doch zum Fotoshooting nach München oder?“ nuschelte ich mit vollem Mund und erntete nur ein verwirrtes Nicken.
Das fand ich gut. Ich mochte München.
Aber noch mehr mochte ich es Auto zu fahren. Obwohl ich dafür wieder Tom ignorieren musste. Allerdings war das, dass kleinere Problem, denn im ignorieren war ich wirklich gut.

Das Frühstück verlief ansonsten wirklich normal. Wenn man mal davon absah das Tom mir immer wieder heimliche Blicke zuwarf, die ich blockte.
Während ich meinen Kaffee trank schrieb ich Andy eine SMS das er mich anrufen sollte, sobald er mal Zeit hatte, da ich ein kräftiges Problem hatte und das Bedürfnis verspürte dem Song ‚Spring nicht’ eine andere Bedeutung zu verleihen.

„Ihr braucht nur Klamotten für morgen. Wir schlafen in München und fahren morgen früh wieder her“
Ah…okay, doch keine Koffer schleppen wie ich im Unterbewusstsein geflucht hatte.
Das war noch etwas Positives an diesem Tag, der so beschissen angefangen hatte.
Fröhlich stand ich auf und marschierte mit den Anderen nach dem Frühstück hoch zu unseren Zimmern, wo ich Tom’s Blick mied und ihn komplett ignorierte.

In meinem Zimmer packte ich nur schnell meine Tasche, stopfte Ersatzklamotten rein und zog meine Jacke an. Das was ich dringend brauchte befand sich da sowieso drin, und der Rest in der Tasche.
Von daher musste ich zum Glück nicht lange umher suchen und machte mich auf den Weg in die Lobby wo wir uns generell immer trafen.
Leider nahm mein Tag eine tragische Wendung und der Gedanke wieder in mein Bett zu gehen und mich tot zu stellen klang jetzt doch recht verlockend.

Denn das einzige menschliche Wesen das dort auf den Sesseln in der Lobby saß war mein ignorierter Zwillingsbruder Tom. Und eben diesen konnte ich jetzt mit meiner abartig guten Laune am wenigsten gebrauchen.
Ich fragte mich sowieso warum ich nicht gleich aus der Band ausstieg. Andererseits wäre kein Sänger so blöd, sich mit dieser Band auseinander zu setzen, und ich war halt der Einzige der genauso bekloppt war wie der Rest.
So folgte das Eine auf das Andere und ergab einen wunderbaren Teufelskreis den ich mit Missachtung strafte.

Stumm wie ein Fisch ließ ich mich auf einen anderen Sessel fallen und guckte in die Luft. Ich hatte eh nichts Besseres zu tun. Und mit Tom wollte ich mich weiß Gott nicht unterhalten.
Ich hatte nämlich keine Lust noch eine gefangen zu bekommen und schon gar nicht mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln.
Das war das erste Mal, wo ich einen von Tom’s Wünschen würdigte wie keinen Anderen.
Er wollte mich nicht mehr als Bruder haben, also benahm ich mich eben so als würde ich Tom nur flüchtig kennen.
Jeder weitere Kontakt hätte schon wieder etwas auf Bruderliebe schließen lassen, also begrub ich alles was Tom betraf unter einer dicken Decke Schnee tief in der letzten Kammer die in mir noch übrig war.

Nach einer Weile wurde mir das in die Luft starren auch zu blöd und ich kramte meinen mp3 Player aus meiner Jackentasche den ich mir in die Ohren stöpselte und aufdrehte.
Leider konnten mich in diesem Moment weder Nena, Green Day noch die Rolling Stones trösten oder gar beruhigen und ich tickte immer weiter.
Irgendwann blieb ich an einem Lied von ‚Sugarcult’ hängen das sich ‚Made a mistake’ schimpfte und das hob meine Laune doch etwas an.

Ein Blick auf mein Handy bestätigte meine Vermutung dass die Anderen mal wieder überfällig waren. Was dachten die sich eigentlich? Das ich große und unbändige Lust hatte mit meinem Bruder hier rum zu sitzen und ihn anzuschweigen?
Vielleicht sollte ich mir auch ein Schild um den Hals hängen mit der Aufschrift ‚Lasst mich mit diesem penetranten Arschloch nicht allein!’, oder so was in der Art wie ‚Lasst mich mit Tom allein und ich gebe ‚Spring nicht’ eine völlig neue Bedeutung’.
Wobei das Zweite wohl effektiver sein dürfte, da sie ihren Sänger eventuell noch gebrauchen konnten.

Gerade als ich dabei war meinem Wunsch richtig schön Ausdruck zu verleihen indem ich Georgs Nummer wählte und kurz davor war rein zu brüllen das sie ihre fetten und mit Orangenhaut beseelten Ärsche endlich hier her schwingen sollten, tanzten sie schon aus dem Aufzug und meine Laune besserte sich wieder um einiges.
Na ja, sie hing zumindest nicht mehr am Boden fest, wie gerade eben.

Tom und ich standen auf und folgten den Anderen vier schweigend. Oder zumindest ich folgte, während Tom mit Georg und Gustav herum alberte.
Es war okay so, und ich war den Beiden auch nicht böse. Es war allgemein so dass ich mich immer zurückzog wenn es mir nicht gut ging und sie mich dann in Ruhe ließen. Und so war das auch heute.
Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben und vor mich hinvegetieren.

Im Van setzte ich mich an meinen Platz und Tom sich natürlich neben mich. Den mp3 Player hatte ich so laut gedreht das ich die Anderen nicht verstand und stattdessen meinen Kopf an die kühle Scheibe lehnte.
Nach einer Weile flatterten meine Augen zu und ich bekam nur noch verschwommen mit ob wir eine Kurve machten oder gerade fuhren.
Und nach ein paar Minuten bekam ich nicht mal mehr das mit, da ich eingeschlafen war.

Ich fühlte mich einfach nur noch kaputt und wünschte mir für einen kurzen Moment das Tom mich in den Arm nahm, damit es mir wieder besser ging.
Aber das blieb aus…ich war ja nicht mehr sein Bruder.


In meinem Halbschlaf hätte mir auffallen müssen, wie Tom mich die ganze Zeit über ansah.
In meinem Halbschlaf hätte mir auffallen müssen, dass Tom das unmöglich ernst meinen konnte.
In meinem Halbschlaf hätte mir auffallen müssen, dass ich mich gar nicht so schlecht fühlte wie ich sollte.

Eigentlich hätte mir in diesem Moment auffallen müssen, dass ich das verloren hatte was mir am wichtigsten war.
Und eigentlich hätte mir in diesem Moment auffallen müssen, dass meine Gefühle für Tom garantiert nicht aus Hass und auch nicht aus Freundschaft bestand.


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