reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 8

In meinen Träumen wirst du bei mir sein!


 

Tugend will ermuntert sein,
Bosheit kann man schon allein!


 

Wilhelm Busch




Mein Schlaf war mir heilig. Wenn ich keinen Schlaf bekam war das so als würde man dem Irak den Krieg erklären. Ich konnte es einfach nicht leiden mit Augenringen die bis nach Afrika hingen durch die Gegend zu laufen. Und schon gar nicht so ein Konzert zu geben. Das war einfach nur noch Vergewaltigung der Weiberpsyche.

Ich bekam mit wie scharf gebremst wurde und ich dankte demjenigen der den Sicherheitsgurt erfunden hatte so das ich nicht durch den halben Van segelte. Wäre glaub ich auch nicht gut gekommen wenn ich durch die Frontscheibe geflogen wäre. Das hätte nur wieder Publicity gegeben.
Nachdem ich mich dazu aufgerafft hatte meine Augen zu öffnen stellte ich fest dass es ruhig war. Zu ruhig.
Mein mp3 Player war am Ende der Playlist angekommen und hatte sich ausgeschaltet und im Bus war niemand mehr.

Gerade als ich aus dem Fenster sehen wollte fielen mir ein paar Dinge auf die nicht stimmen konnten. Erstens lag ich irgendwie und zweitens hatte ich Jeansstoff vor meiner Nase was mich darauf schließen lies das ich auf irgendjemanden drauf lag.
Deswegen rollte ich mich so dass ich nach oben sehen konnte und blickte in die Augen meines Bruders der mich unsicher ansah.

Blitzschnell setzte ich mich wieder in eine aufrechte Position und kämpfte mit meinem Magen der mir unbedingt seinen Inhalt präsentieren wollte. Ich war jedoch strikt gegen diese Ausführung.
„Warum zur Hölle lag ich auf deinem Schoß?“ fauchte ich Tom an und er zuckte merklich zusammen.
„Du…warst nicht angeschnallt und wärst sonst vor geflogen. Hab dich gerade noch so gekriegt“ nuschelte er und wich meinem Blick aus.
Meiner Meinung nach hatte er Angst vor mir oder Angst davor etwas zu tun was mich noch wütender machen konnte. Bei mir gab es prinzipiell eine Steigerung.

Trotzdem nickte ich nur und war ihm im Stillen dankbar dafür das er dass verhindert hatte. Warum wir allerdings gehalten hatten war mir unklar. Ein Blick aus dem Fenster und ich stellte fest dass wir an irgendeiner Raststätte saßen und die Anderen wohl ihre Mägen füllen wollten. Diese verfressenen Säcke. Mein Magen knurrte und ich beschloss ihn zu ignorieren ehe vor meinem Gesicht eine Banane hin und her wedelte.
Ich wollte Tom gerade anmeckern doch begriff das er wohl ausnahmsweise mal mitgedacht hatte und mir was vom Buffet geholt hatte so das ich auf der Fahrt nicht vollkommen in schlechte Laune verfiel, weil mein Magen leer blieb.

Ich nahm die Banane kommentarlos und schälte sie ehe ich hinein biss und behände aus dem anderen Fenster glotzte. Ich wollte ihn nicht ansehen und auch nicht mit ihm sprechen. Am besten er verpisste sich ganz schnell und vor allem kommentarlos aus meinem Leben. Das Blaue Auge würde ich ihm nie verzeihen.
Jedoch fragte ich mich ob ich das nicht vielleicht verdient hätte. Immerhin war ich nicht unbedingt nett zu ihm gewesen in den letzten paar Monaten. Okay, in den letzten paar Jahren. Mitgezählt hatte ich jedoch auch nicht. Und hatte auch nicht vor das zu ändern.

Nachdem ich meine Banane verspeist hatte warf ich die Schale achtlos aus dem Fenster und lies es offen um wenigstens ein bisschen frische Luft zu bekommen.
Zum rauchen hatte ich keine Lust. Mir ging es immer noch nicht besser und irgendwie hatte ich das Gefühl das sich das demnächst nicht ändern würde.
„Bill?“
Als mein Zwilling mich ansprach sank meine um 0,1% gestiegene Laune wieder auf den Nullpunkt und ich sah ihn strafend an was ihn dazu brachte meinem Blick auszuweichen.
„Tut mir leid dass ich…dich geschlagen hab“ nuschelte er dann und ich musste aufpassen dass meine Gesichtszüge nicht entgleisten.
Dieser Volltrottel hatte sich allen Ernstes gerade bei mir entschuldigt dass er mich entstellt hatte? Ich glaubte dass es hackte.
Der hatte sie doch nicht mehr alle. Das wollte ich auch gerade zum Ausdruck bringen als er mich reumütig ansah und ich es einfach nicht konnte.

Ich hätte es gern getan. Das gab ich zu und wollte es auch gar nicht abstreiten. Allerdings konnte ich es bei diesem Blick einfach nicht und seufzte geschlagen.
„Schon gut“ nuschelte ich deswegen und verfluchte mich dafür dass ich es einfach nicht hinbekam ihn zusammen zu schreien oder gar zu verprügeln. Das hätte ich weiß Gott gern getan.
Gerade wollte ich noch was sagen als seine Hand auf meinem Wangenknochen zum liegen kam und sanft darüber strich.
Meine Augen sahen wahrscheinlich aus wie wenn man zu lang vorm Fernseher sitzt. Groß und Rechteckig.

Gerade wollte ich meine Klappe aufreißen um ihm mitzuteilen er solle gefälligst seine Flossen aus meiner geheiligten Visage nehmen als auch schon die Tür vom Van aufgerissen wurde und Georg und Gustav fröhlich lachend rein kamen.
Dafür hätte ich sie schlagen können. Wenn ich schlechte Laune hatte, hatten diese Schwachmatten gefälligst keine gute zu haben.
Tom zog seine Hand ruckartig weg und sah aus dem Fenster was ich mit einem verwirrten Seitenblick zur Kenntnis nahm.

Als auch unsere Opas eingestiegen waren fuhren wir weiter Richtung München und ich bekam am Rand mit wie Georg uns dazu verdonnerte heute noch in irgendeinen Club zu gehen.
Ich hatte gewaltig was dagegen aber keine Kraft um Einspruch zu erheben. Also nickte ich nur und startete meinen mp3 Player wieder ehe ich meinen Kopf an die Scheibe lehnte und nach draußen blickte.
Als ich die weißen Striche der Autobahn musterte wurde mir schlecht und ich drehte mich angewidert weg ehe ich kurz würgte und sofort alle Blicke auf mir hatte.
„Bill, geht’s dir nicht gut?“
Wahnsinnig intelligente Frage David wirklich.
„Dem geht’s schon die ganze Zeit nich gut“ knurrte mein Zwilling und ich fragte mich woher er das wusste. So offensichtlich war das nun auch wieder nicht gewesen.
Das alle mich anstarrten war mir irgendwie peinlich und ich trat Georg gegen den Sitz.
„Der redet Müll mir geht’s gut. Glotzt was anderes an“ knurrte ich und wie auf Kommando schnellten alle Köpfe wieder nach vorne.
War auch besser so für ihre Gesundheit. Ich wäre in diesem Moment auch noch dazu fähig gewesen irgendwem die Birne einzuschlagen, das konnte man mir glauben.

Ein giftiger Blick traf Tom und dieser sah nur traurig zurück ehe er den Blick abwendete.
Mein Blick huschte ebenfalls wieder nach draußen und kurz darauf schloss ich die Augen um noch etwas zu schlafen.
Kurze Zeit später befand ich mich auch schon im Land der Träume. Nur eben ohne Träume, was ich als gut empfand. Noch mehr zu verarbeiten brauchte ich nicht.

Aufgeweckt wurde ich als ich von Georg geschüttelt wurde der meinte dass wir in München angekommen wären. Also stieg ich hinter Tom aus – der Mal wieder nicht richtig aus dem Arsch kam was mich rasend machte – und schnappte mir meine Tasche ehe ich hinter den Anderen her ins Hotel wackelte.
Gehen konnte man das nicht mehr nennen was ich veranstaltete. Ich wackelte nur noch. Wie ne Ente. Das war furchtbar. Aber meine Mutter hatte ja schon immer gesagt, dass ich was für meine Körperhaltung tun sollte. Aber wer hörte schon auf seine Mutter? Die kam gleich hinter den Lehrern. Und auf die hörte man nun mal auch nicht.

Nachdem David unsere Zimmerschlüssel geholt hatte drückte er mir einen in die Hand und grinste.
Ich verstand nicht was er von mir wollte, wusste es aber sogleich als ich bemerkte das Tom keinen hatte.
Himmel, nein. Ich sollte mir mit Tom auch noch ein Zimmer teilen. Konnte ja sein das wir im Moment nicht gut aufeinander zu sprechen waren – oder eher ich auf ihn – und das ich das auch nicht einrenken wollte, aber musste man da gleich nachhelfen und uns zusammen pferchen? Ich war absolut dagegen und machte schon den Mund auf ehe mir Tom das Wort abschnitt.

„Ich schlaf aufm Boden“
Okay, das war dann doch noch zum aushalten. Das hieß wenn er nicht noch ewig das Bad blockierte konnte ich gut mit ihm auskommen.
Warum ich immer noch  so einen Hass auf meinen Bruder hatte war mir unklar. Aber ich beschloss ihn auszuleben und ihm einen Todesblick zu schicken ehe ich zum Aufzug marschierte und mit ihm im Schlepptau – wie nen Köter ey – zu unserer Etage nach oben fuhr.
Dort angekommen schloss ich unser Zimmer auf und durfte feststellen dass dieses Ding wirklich ein Doppelbett hatte.

Ein Blick auf mein Handy und mir wurde klar das die Fahrt länger gedauert hatte als ich dachte. Um 20 Uhr wollte Georg in diesen Club. Und wir hatten 19:30 Uhr. Das hieß ich sollte meinen Arsch ins Bad bewegen und mein Make up auffrischen wenn ich nicht wollte das man im laufe des Abends mein Feilchen sah.
Das tat ich auch, nachdem ich Tom angezickt hatte, er sollte es bloß nicht warten seinen hässlichen Arsch ins Bad zu bewegen während ich mich darin befand.

Im nächsten Moment tat es mir zwar schon wieder leid, aber mein Stolz lies sich einfach nicht zu einer Entschuldigung durchringen und so verwarf ich die ganze Sache einfach wieder.
Nachdem ich mein Make up gerettet hatte beschloss ich dass das reichen musste, da ich eh keine Lust auf diesen Club hatte und kam wieder ins Zimmer wo Tom auf dem Bett saß und auf mich wartete.
Ich hätte am liebsten wieder etwas gesagt, aber ich schluckte es runter und bewegte mich zur Tür wo ich erfreut registrierte das er mir freiwillig folgte und ich somit keine meiner kostbaren Worte an ihn verschwenden musste.

In der Lobby trafen wir auf die anderen und stiegen wieder in den Van um zu diesem ach so tollen Club zu fahren.
Während der ganzen Fahrt redete Georg nur von Weibern und das er heute schon was finden würde das er flachlegen konnte.
Zum Glück ersparte mir Tom jeglichen Kommentar dazu und sah auch nicht so aus als würde er sich mit Georgs Idee besonders anfreunden.
Beim Club angekommen stiegen wir wieder aus und wurden Aufgrund unseres Promibonus sogar ohne Ausweiskontrolle rein gelassen.
Mich freute das mehr als alles andere und somit steuerte ich auch gleich auf die Bar zu.

Der Club war voll und stickig. Aber Gott sei Dank fehlte jegliche Art von Fans oder Hatern. Das hieß für mich ein fast ruhiger Abend. Wenn man eben von der lauten Musik absah. Aber laute Musik war nun mal für mich so etwas wie Entspannung. Zumindest so lange bis ich mit 40 Fieber im Bett lag und einen Kopf hatte der Brasilien in seiner Größe übertraf.
An der Bar angekommen bestellte ich mir ein Wodka Red Bull und verzog mich damit zu den Anderen wo natürlich wieder mal nur ein Platz neben Tom frei war.

Die Jungs unterhielten sich über alles Mögliche und ich schwieg. Ich hörte ihnen sowieso nicht zu und von daher war es mir egal dass mich keiner beachtete. Es war sogar eine schöne Abwechslung.
Nach einer Weile sah ich wieder zu ihnen und stellte fest das nur noch Gustav da saß den ich auch gleich fragend musterte.
Er nickte nur hinter sich und ich wandte meinen Blick in besagte Richtung ehe ich das Gefühl bekam mich a) besaufen zu müssen oder b) einfach nur noch flüchten zu wollen.

Tom stand da mit einer prallen Blondine und steckte ihr gerade dezent die Zunge in den Hals. Dass die Tussi ihm ihren ganzen Speichel in den Mund kippte befand ich als eklig und mein Zwilling schien das nicht mal mitzukriegen. Oder es störte ihn einfach nur nicht. Wo Georg war interessierte mich im Moment herzlich wenig.
Ich starrte Tom bestimmt gute 10 Minuten an ehe er meinen Blick erwiderte und grinste ehe er die Tussi zu den Toiletten zog.

Um ehrlich zu sein wäre ich gern hinterher gegangen und hätte ihn eigenhändig kastriert.
Aber irgendetwas verhinderte das und ich stand nur auf wo ich Gustav deutete das ich zum Hotel zurückgehen würde und er irgendetwas protestierte was ich jedoch ausblendete.
Es interessierte mich nicht. Wahrscheinlich war es sowieso nur wieder etwas wie „Du kannst nicht allein zum Hotel zurück, was ist wenn du abgestochen wirst?“
Ganz ehrlich? Das war mir sogar egal.
Ich wollte nicht noch einmal mit ansehen müssen wie Tom jemanden seine ganze Liebe – okay, Korrektur, seine ganze Aufmerksamkeit – schenkte und mich einfach fallen lies.
Obwohl ich das wohl verdient hatte nachdem ich ihn so schlecht behandelte.

Nachdem ich genug meine Gedanken verdrängt hatte ging ich zum Ausgang und quetschte mich an der hereinkommenden Menge vorbei ehe ich die Straße entlang lief und nach einer guten Stunde sogar unser Hotel fand.
Willenlos ging ich sogar die Treppen nach oben und ging in unser Zimmer wo ich mich auf mein Bett fallen ließ.

Vielleicht hatte ich überreagiert. Aber ich konnte es nicht mit ansehen dass Tom jedes Mal eine andere Tussi im Arm hatte. Warum nahm er nicht mich?
Woher gerade dieser Gedanke kam wusste ich nicht mal. Klar, ich liebte ihn. Als Bruder. Aber mehr auch nicht. Vielleicht. Ich wusste es nicht mal. Vielleicht war ich deswegen so zu ihm. Ich wusste es nicht, aber ich wusste dass er mich damit verletzte. Mehr als sonst.

Nachdem ich mich wieder aufgerafft hatte zog ich mich aus und schminkte mich ab wo ich mein Feilchen besah und seufzte.
Wieder im Bett kuschelte ich mich in die weiche Decke und in die Kissen und schloss die Augen.
Den Wecker hatte ich mir nicht gestellt, da es mir egal war ob ich noch einmal aufwachte oder nicht. Für heute hatte ich genug ertragen. Das wollte ich auch nicht noch morgen durchmachen.
Nach einer Weile war ich auch endlich wieder eingeschlafen und freute mich darüber. Denn dort konnte mir wenigstens keiner etwas anhaben. Zumindest wiegte ich mich gern in dieser Illusion.
In meinen Träumen würde Tom bei mir sein…und leiden. Definitiv.


Im Schlaf hätte ich merken müssen, wie die Zimmertür geöffnet und leise wieder geschlossen wurde.
Im Schlaf hätte ich merken müssen, dass sich jemand neben mir aufs Bett setzte.
Im Schlaf hätte ich merken müssen, dass mir jemand über mein Blaues Auge strich und einen sanften Kuss darauf hauchte.
Im Schlaf hätte ich merken müssen, dass dieser Jemand mich traurig musterte.

Ich hätte merken müssen, dass Tom neben mir saß und eine Entschuldigung über seine Lippen kam.
Ich hätte merken müssen, dass Tom mit diesem Mädchen gar nicht geschlafen hatte.
Ich hätte merken müssen, dass Tom mir ein ‚Ich liebe dich’ zuflüsterte.
Und ich hätte merken müssen wie er sich neben mich legte und mich in den Arm nahm.


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