reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 9

Komm zu mir zurück!


 

Ist die Zeit auch hingeflogen,
die Erinnerung weicht nie;
als ein leichter Regenbogen
steht auf trüben Wolken sie.


 

Ludwig Uhland





Eigentlich hatte ich damit gerechnet von diesem scheiß Leuchtball am Firmament – sprich Sonne – geweckt zu werden.
Doch als ich aufwachte starrte mir ein trüber Regen entgegen und passte auch sogleich zu meiner Stimmung.
Die Nacht war vom Schlaf her eigentlich ganz gut gewesen. Nur mein Traum hatte nicht wirklich was zu meinem nicht vorhandenen Wohlbefinden beigetragen.

Als ich meinen Traum wieder in Erinnerung hatte setzte ich mich blitzartig kerzengerade auf und mein Blick sprang durch den Raum ehe ich das gefunden hatte, was ich suchte.
Tom lag neben mir im Bett auf dem Bauch und schlief. Und er lebte auch noch.
Das schloss ich daraus das er aufgrund meiner ruckartigen Bewegung vor sich hin murrte und das Gesicht in seinem Kopfkissen vergrub.

Ich ließ mich wieder in die Kissen fallen und starrte an die Decke.
So sehr ich Tom auch dafür hasste was er mir gestern angetan hatte- wenn man es denn so nennen konnte – so sehr hatte ich auch Angst dass ich ihn verlieren könnte.
Denn ein Leben ohne Tom war so was Ähnliches wie Weihnachten ohne Schnee.
Nicht das ich Schnee mochte. Er war nass und kalt und sah auch nur toll aus wenn man seinen Arsch im trockenen und warmen hatte.

Mein Traum ließ mich einfach nicht los und ich verfluchte denjenigen der das träumen erfunden hatte dafür. Warum musste auch immer ich so eine verdammte Scheiße träumen?
Was sollte ich denn bitte ohne Tom machen? Oder war das so was wie ein Hinweis? Hatte ich es vielleicht schon so weit getrieben das Tom sich lieber von einer Halle warf als mir zu sagen was ihn bedrückte.

Ich wusste nicht mal warum aber mein Körper fing an zu zittern und meine Sicht verschwamm. Die Tränen waren mir so was von egal, nur mein aufschluchzen ging mir gewaltig auf den Sack. Konnte man denn hier nicht mal still vor sich hinflennen? Welcher Depp hatte eigentlich die Stimmbänder erfunden?

Während ich so dalag und versuchte wieder sehen zu können entschuldigte ich mich in Gedanken hundertmal oder noch öfter bei Tom.
Ich wollte doch eigentlich nur wieder mit meiner Seele an seiner andocken. Was aber nicht ging. Toms Seele war geschmeidig wie eh und je und meine war kantig geworden. Sie passten einfach nicht mehr zusammen und das ließ mich nur noch weiter verzweifeln.

Leider bemerkte ich zu spät dass Tom durch mein dämliches Geheule aufgewacht war.
Denn als ich das bemerkte klebte mein Körper schon an seinem und er strich mir über meine zerzausten Haare.
Warum tat er das eigentlich wo ich ihn doch wie ein Stück Dreck behandelte? Wie viel Geduld konnte ein einzelner Mensch eigentlich besitzen? Warum verdammt noch Mal verstieß er mich nicht einfach oder behandelte mich genauso wie ich ihn.

Ich wollte mich nicht an ihm festhalten. Ich wollte nicht dass er unterging weil er mich und sich selbst halten musste.
Und trotzdem krallte ich mich in seine Schultern und drückte mich an ihn.
Wenn man es genau betrachtete war ich ein ganz schön egoistisches Arschloch. Tom tat alles um mir zu gefallen, mir meine Wünsche zu erfüllen und ich trat ihn mit Füßen. Zwar in symbolischer Hinsicht aber ich tat es. Und das war meiner Meinung nach schlimmer als hätte ich ihn wirklich getreten.

Keine Ahnung wie lange wir so lagen, aber irgendwann hatte ich mich wieder beruhigt und rutschte von ihm weg wo ich meinen Zwilling betrachtete.
Ein leichtes Lächeln huschte auf meine Lippen und ich streckte meine Hand aus die ich ihm auf die Wange legte ehe ich sanft darüber strich.

In mir hatte sich ein Entschluss geformt. Der Entschluss endlich wieder ich selbst zu werden und diese leere Hülle die ich war endgültig zu verbannen.
Ich wollte wieder mit Tom umgehen können wie sonst auch. Und vor allem wollte ich endlich wieder ein Gefühl zum Leben entwickeln.
Ich wollte meine Hand nicht mehr nach dem Mikro und den Fans ausstrecken und Tom alleine auf einer einsamen Insel aus zersplitterten Hoffnungen und verletzenden Worten meinerseits zurück lassen.

„Komm zu mir zurück“ flüsterte ich deswegen und sah ihm in die Augen um dort eine Antwort zu finden.
Toms Augen verschleierten sich und er schüttelte den Kopf was mir den Atem in der Brust hängen ließ.
Wollte er nicht? War ich wirklich so scheiße gewesen? Hatte ich es wirklich nicht bemerkt das es meinem Tom so furchtbar schlecht ging das er es aufgegeben hatte zu mir zurück zu kehren?

„Ich kann nicht. Du bist zu weit weg. Ich komm einfach nicht an dich ran, egal wie sehr ich es versuche, es klappt einfach nicht“
Seine Worte schlängelten sich grazil in meine Gehörgänge und ich biss mir automatisch auf die Lippe.
„Egal was ich versuche. Du siehst mich nicht“

Mein Gegenstück setzte sich auf und strich sich durch die Dreads ehe er sie wieder zu einem Pferdeschwanz zusammen band.
Ich wollte ihn zurück. Ich wollte ihn so nicht sehen. Und ich wollte nicht daran Schuld sein das sich mein Traum bewahrheitete.

„Bitte Tom. Ich will nicht…mehr alleine sein. Ich versuch doch hier raus zu kommen. Und ich will es aber ohne dich schaff ich es nicht“
Sein Blick huschte durch den Raum ehe er an meinen Augen haften blieb die ihn flehend musterten.

So verzweifelt wie wir Beide waren bezweifelte ich es wirklich das einer von uns es schaffen würde wieder so wie früher zu werden.
Da ich aber schon immer eine Kämpfernatur war wollte ich auch dieses Mal nicht aufgeben. Ich wollte nicht schon wieder Schuld daran sein das irgendwas zerbrach was mir wichtig war.
Und wenn Tom zerbrechen würde, könnte ich mein Leben gleich aufgeben.

Weil Tom einfach ich war. Er war genauso stur, perfektionistisch und dämlich wie ich. Genau deswegen lagen wir uns so oft in den Haaren.
Weil wir gleich waren und aufeinander prallten wie die Wellen des Meeres an ein Riff.

Mein Bruder nickte nur und zuckte dann unbeholfen mit den Schultern ehe er sich eine Zigarette ansteckte und aus dem Fenster sah.
„Ich versuchs Bill. Aber ich weiß nicht ob ich es hin kriege. Ich bin nicht so stark wie du“
Mein Blick wandelte sich in Unglauben und ich fragte mich wirklich ob Tom an Minderwertigkeitskomplexen litt. Was verständlich gewesen wäre, so wie ich ihn behandelt hatte.

„Dafür hast du aber eine gute Linke“ nuschelte ich und bereute es eine Sekunde später als ich seinen traurigen Blick sah und er seine Unterlippe massakrierte.
„Was nichts macht, ich finde blau steht mir ganz gut“

Was natürlich gelogen war. Ich hasste blau. Aber man konnte ja mal so tun als ob. Und wenn es sein musste kaufte ich mir eben ein blaues Shirt nur damit er keine Schuldgefühle bekam und sie ihn überrollten wie ein russischer Schützenpanzer das arme Land Polen.
„Lila“
„Was?“

Ich sah ihn fragend an und strich mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Es ist heute lila“
Mein Gefühl sagte mir das es hier gerade um mein Feilchen ging und ich kramte nach dem Handspiegel ehe ich mich darin musterte und erschrak.
Es war wirklich…lila.

„Na ja, lila gibt mir einen unglaublich tuntigen Touch. Außerdem passt es zu dem neuen Tanga den ich mir letztens gekauft habe“ gab ich gespielt schwul von mir und registrierte erleichtert Toms prusten ehe er grinste.

Wenigstens hatte ich es noch einigermaßen drauf ihn zum lachen zu bringen.
„Du bist blöd“
„Findest du etwa lila steht mir nich?“ fragte ich dann gespielt traurig und sah betroffen auf die Bettdecke.

Nicht das ich mir jetzt ernsthaft vorstellen konnte in lila durch die Welt zu wackeln, aber es war immerhin einen Versuch wert Tom wieder zu einem ehrlichen Lachen zu bewegen.
„Doch…steht dir hervorragend“ flüsterte es und guckte bedröppelt auf die Bettdecke.

Das hier an dieser Szene was nicht stimmte musste mir nicht mal einfallen. Es kam einfach so über mich gerollt.
Und es lag auch nicht daran, dass ich vor hatte wieder ein normaler Mensch zu werden.
Eher war es so das ich mich tief in meinem Inneren fragte ob ich mir das eingebildet oder ob Tom wirklich eine sanfte Röte durchs Gesicht geschlichen war.

Für diesen Gedanken alleine hätte ich mich schlagen können. Da ich aber –immer noch – an meinem Ruf hing unterließ ich das und nickte ehe ich die paar Zentimeter zwischen uns überbrückte und Tom sanft die Zigarette aus der Hand nahm.

Ich selbst genehmigte mir einen Zug ehe ich sie ihm wieder reichte und sanft lächelte dass er erwiderte.
Und schon allein damit hatte er mich wahnsinnig glücklich gemacht.
Wie es war wenn Tom mich so ansah wie er es eben in diesem Augenblick tat wusste ich schon lange nicht mehr und es tat einerseits weh.
Andererseits war da dieses warme und vertraute Gefühl in meinem Bauch das jeder Blick, jedes Wort und jedes Lächeln von ihm in mir auslöste.

Und ich glaubte mich daran zu erinnern das es eben dieses Gefühl war das mich dazu bewogen hatte Tom zu meiden. Ihn anders zu behandeln als ich es gewohnt war und eben das zur Gewohnheit zu machen.
Aber was genau es war daran konnte ich mich leider nicht erinnern. Was auch vielleicht gut so war. Denn ich glaube hätte ich es damals gewusst wäre ich niemals auf die Idee gekommen Tom zurück haben zu wollen.


Damals, in diesem Bett, hätte ich bemerken müssen das Tom sich wirklich anstrengte mich nicht ganz zu verlieren.
Damals, in diesem Bett, hätte ich bemerken müssen das Tom all seine Kraft brauchte um mich zu halten und sich dabei selbst aufgab.
Damals, in diesem Bett, hätte ich bemerken müssen das Tom seinen Überlebensdrang von Bord warf um mich wieder rauf zu ziehen.

Zwischen den ganzen Bettlaken hätte mir auffallen müssen das Tom überhaupt nicht die Absicht hatte wieder zu mir zurück zu kehren.
Zwischen den ganzen Bettlaken hätte mir auffallen müssen das Tom Angst davor hatte das ich ihm das Gleiche noch einmal antun würde.
Zwischen den ganzen Bettlaken hätte mir auffallen müssen das Tom nicht nur wie ein Bruder auf mich achtete sondern mich liebte wie es eigentlich nicht üblich war.

Und mir hätte auffallen müssen das er schon bald zerreißen würde und ich nichts dagegen tun konnte.


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