reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 10

Angebrochene Grenze


 

Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen.
Man muss sie die Treppe hinunterboxen, Stufe für Stufe.


 

Mark Twain





Die Zeit verflog für mich wie im Flug auch wenn Tom und ich kein einziges Wort mehr gewechselt hatten.
Mir schien es eher als genossen wir die Stille in der unsere Seelen sich wieder aneinander schmiegen konnten. So, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatten.
Viel zu lange, dank mir und meinem Ego das bei genauem hinsehen gar nicht so groß war.
Denn ohne Tom war ich nichts. Ohne ihn war ich nur eine Hülle.

Ich hätte ewig so neben meinem Gegenstück sitzen und schweigen können, doch leider musste mir das ein gewisser Jemand der schon die Verfallsgrenze überschritt zu Nichte machen. Denn mein Handy klingelte und ihn den schwarzen Buchstaben die auf so einem Gerät nun mal üblich waren leuchtete das Wörtchen ‚David’ auf.
Genervt seufzend angelte ich danach und hielt es mir ans Ohr ehe ich die Stimme unseres Produzenten vernahm der versuchte autoritär zu klingen. Was nicht wirklich funktionierte.

„Du hast ein Interview, ein Shooting und darfst dich danach mit mir unterhalten. Also komm aus dem Bett“
Meine Gesichtszüge verdunkelten sich automatisch und ich fragte mich in diesem Moment ob nicht mal ich allein die Schuld daran trug das ich mich von Tom entfernt hatte.
Denn so weit ich mich erinnern konnte hatte David mir immer mehr Dinge aufs Auge gedrückt die ich allein zu bewältigen hatte und irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt.

Vielleicht suchte ich die Schuld jedoch einfach nur bei jemand anderem um mir selbst wieder zu gefallen, was ich seit einigen Wochen schon nicht mehr tat.
Das Feilchen machte die Sache auch nicht wirklich besser.
„Und hör auf zu Rauchen das schadet deiner Stimme“ kam es aus dem Hörer als ich mir die nächste Zigarette angezündet hatte und ich hob eine Augenbraue.
Woher zur Hölle wusste er das? Konnte er durchs Handy gucken oder wie?

„Ich kann dich sehn Billy, also zieh nicht so ein Gesicht.“
Gerade als ich etwas sagen wollte vernahm ich eine weibliche Stimme im Hintergrund die ich definitiv nicht kannte.
Und da sollte noch mal einer sagen dass mein Bruder absolut schlimm war.
Die Stimme labberte mir irgendwas von lecker, Hintern und tollen Ausblick in die Gehörgänge und ich drehte mich um wo ich feststellte das mein werter Zwilling soeben aufgestanden war und seine Boxer sich hinten leicht verflüchtigt hatte.

Bei allem Respekt den ich hatte gegenüber unserer unsichtbaren Grenze wie nah wir uns kommen konnten und wie nah nun mal nicht.
Aber das ich diese Grenze im Moment überschritt war mir so scheißegal wie wenn in China einer alten Oma ein Reissack in die Fresse gefallen wäre.

Meine Zigarette fand den Weg in den Aschenbecher und meine Hände rutschten im Rekordtempo von Toms Hüfte um seinen Körper und auf seinen Hintern ehe ich ihn an mich drückte und angepisst aus dem Fenster zu David hinüber starrte.
Mein Handy lag irgendwo am Boden und ich legte meinen Kopf an Toms Seite ab.
Das war ja wohl die Höhe dass man versuchte uns hier zu bespannen. Als ob es nicht schon reichte haufenweise Reporter und Fans am Hintern zu haben.

„Bill?“ kam die mein Name als Frage steif über die Lippen meines Zwillings und ich sah nach oben wo ich seinen angespannten Gesichtsausdruck bemerkte.
„Glaubst du ich lasse es zu das du von Davids Tussi bespannt wirst“ knurrte ich zurück und Tom drehte seinen Kopf wo seine Gesichtszüge entgleisten und er sich aufs Bett warf und die Decke über seine Hüften zog.

Das er damit dezent auf mir landete und ich meine Hände immer noch auf seinem Hintern hatte schien er erst kurz danach zu bemerken als er mir in die Augen sah und schluckte.
„Ähm“ kam es von uns beiden gleichzeitig und meine Hände rutschten auf die Matratze wo ich sie liegen ließ und einfach meinen Zwilling betrachtete der über mir lag.

„Sag mal, Bill? Rasierst du dich eigentlich ganz?“
Meine Gesichtszüge entgleisten und ich sah meinen Zwilling sprachlos an.
Diese Frage allein war ja wohl schon die Höhe aber sie dann auch noch gerade in diesem Moment zu stellen übertraf wirklich alles.
„Sag mal geht’s noch?“ zischte ich ungläubig und meine Augen bohrten sich in die von Tom.

„Ja man, ich merks halt gerade“
Mein Blick huschte zur Decke und mir fiel etwas auf.
Das wir nah zusammen lagen war mir klar bei dieser Position. Aber dass wir uns gezwungenermaßen auch etwas weiter unten berührten hatte ich vergessen…oder eben verdrängt, wie man es nimmt.

Und mir fiel auch auf das meine Boxer bei der ganzen Aktion wohl ebenfalls leicht ihren Platz verlassen hatte. Anders konnte es Tom gar nicht bemerken.
„Na wenn du es eh schon merkst muss ich ja nicht mehr antworten“ war mein einziger Kommentar darauf und ich blickte wieder nach oben.

Diese Situation hier war so verdammt peinlich dass ich hätte schreien können.
Andererseits konnte ich mich jetzt auch schlecht bewegen, auch wenn ich den Drang hatte diese Position zu verlassen und wieder eine normale einzunehmen.
Tom hatte anscheinend denselben Gedanken wie ich denn er hob sein Becken leicht an und rutschte so dass er sich gefahrlos neben mich fallen lassen konnte.
Dafür war ich ihm wirklich mehr als dankbar denn noch länger hätte ich es wahrscheinlich nicht ausgehalten.

Dass zwischen uns jetzt peinliche Stille herrschte musste ich nicht extra erwähnen.
Nicht nur das wir so komisch aufeinander gelegen hatten, nein ich hatte mich auch noch dazu hinreißen lassen meine Hände auf Toms Hintern zu legen.
Und als ob das nicht schon reichen würde wurden wir dabei auch noch bespannt.
Aus dem Handy am Boden drang Davids Stimme ob alles okay sei und ich verfluchte ihn.
Immerhin war er der Ursprung des Übels gewesen. Und ich weigerte mich zu glauben dass ich diese Aktion sonst freiwillig gestartet hätte.
Meinen Bruder sahen immerhin mehr Weiber nackt als mich mein ganzes Leben lang. Was nicht wirklich aufbauend war aber zumindest konnte ich sicher sein das nicht jeder das Muttermal auf meinem Arsch kannte.

Davon wussten wirklich wenige. Mama, Gordon, Papa, Oma, Opa, Georg, Gustav, unser Hausarzt Kurt, Tante Gisela und Tom.
Okay, vielleicht waren es doch mehr als ich dachte. Aber immerhin nicht so viele wie bei Tom. Der hatte nämlich das seltene Glück mit mir dieses Muttermal zu teilen. Nur das es bei ihm auf der anderen Arschbacke saß.

Mein Bruder angelte mit einer Hand auf dem Boden herum und reichte mir das Handy. Ich war sogar so frei und drückte auf die rote Taste was ihn die Augenbraue anheben ließ.
„Spanner elendiger“ maulte ich auch sogleich los und Tom fing das lachen an.
„Ah ja…und du bist dann ein Grabscher ja?“

Dass mir augenblicklich die Röte ins Gesicht schoss muss ich nicht extra ausführen.
Wahrscheinlich sah mein Kopf in diesem Moment aus wie ne rote Ampel ehe ich den Mund aufmachte um etwas zu sagen, ihn jedoch gleich wieder zuklappte weil mir nichts Sinnvolles einfiel.
Tom währenddessen lachte einfach munter weiter und ich wünschte mir dass sich der Erdboden auftun möge und mich doch bitte verschluckte. Auch wenn ich der Meinung war von mir bekam man Magenschmerzen.

„Ich finds ja süß das du meinen Arsch vor ungebetenen Blicken schützen willst“ gab Tom nach seiner Lacharie seinen Senf dazu und meine Mine verfinsterte sich wieder.
„Dein Arsch ist mein Arsch. Du hast denselben Arsch wie ich. Natürlich muss ich ihn da schützen, sonst weiß ja jeder wie meiner aussieht obwohl…ne doch nicht. Meiner sieht knackiger aus“ konterte ich dann und meinem werten Bruder fiel die Klappe nach unten.

„Heißt das du findest meinen Arsch nicht knackig?“
„Ne, nicht die Bohne. Jetzt weiß ich auch warum du solche Müllsäcke trägst“
„Boah du Arsch ey. Mein Arsch ist immer schön knackig…du hast halt nicht richtig hingeschaut“
„Ja wie denn wenn du den Arsch zum Fenster drehst?“
Wie oft wir noch das Wort Arsch verwenden wollten wollte ich gar nicht wissen. Wahrscheinlich bestand bald unsere ganze zukünftige Konversation aus diesem Wort.

Tom schnaubte nur neben mir und stand auf wo er die Vorhänge zuzog.
Schon klar…die Spanner standen vielleicht immer noch da. Ich konnte das nicht bezeugen da er mir immerhin die Sicht zu Davids Zimmerfenster versperrte. Aber dem würde ich heute noch was geigen.

Ich zündete mir derweil eine Zigarette an und inhalierte genüsslich den blauen Rauch ehe ich das Husten anfing und mit der Faust auf die Matratze trommelte.
Das lag nicht daran das ich zu blöd zum rauchen war. Ich tat das immerhin schon länger und hätte auch im Schlaf rauchen können genauso wie ich alle unsere Songs von vorn und rückwärts singen konnte.

Es lag einzig und allein an Tom der mir gerade seinen Hintern entblößt hatte und mich auffordernd ansah.
„Und jetzt sag noch mal das der nicht knackig is wenn du schon erstickst“

„Moah Tom! Ich war nie scharf drauf deinen Arsch zu sehen“ wetterte ich los als ich wieder Luft in meinen Lungen hatte.
Tom zog eine Schnute und seine Shorts wieder nach oben ehe er sich auf die Bettkante fallen ließ und den Vorhang anstarrte.
Und irgendwie hatte ich das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben.

So robbte ich zu meinem Zwilling und legte meine Hände vorsichtig um ihn auf seinen Bauch wo ich ihn eindringlich musterte.
„Hey…ich hab’s nicht so gemeint…ehrlich“
Anscheinend konnte ich mein Arschlochgen doch noch nicht vollkommen abschalten.

Von Tom kam nur ein Nicken während er seine Unterlippe malträtierte und weiter den Vorhang betrachtete.
Ich hatte keine Ahnung was mich dazu getrieben hatte aber es war einfach so das ich die blödeste Aktion startete die mir einfallen konnte.
Ich klemmte mir meine Kippe zwischen die Lippen und fuhr mit den Händen zu Toms Hintern wo ich leicht meine Fingernägel hinein krallte und er somit zusammen zuckte.

Nachdem ich meine Pfoten da weggenommen hatte und die Kippe wieder aus meinem Mund lächelte ich leicht als er mich verstört ansah.
„Schwachkopf! Du bist mein Zwilling…natürlich mag ich deinen Arsch“

Auf Toms Lippen breitete sich ein Lächeln aus das in ein Grinsen wucherte.
„Ich wusste es…du bist einfach nur scharf auf mich“
WTF?
Meine Augen mussten aussehen wie Suppenteller ehe mir der Mund aufklappte.
„Du tickst wohl nicht mehr richtig“ zickte ich los und zog einen Schmollmund.
„Na angepackt haste meinen Arsch ja schon“
Unter welchen Umständen musste man sich mal angucken. Wären diese Umstände nämlich nicht da dann hätte ich das nie getan.

Ich beschloss einfach gar nichts mehr zu sagen und stattdessen zu schweigen. Funktionierte auch ganz gut.
Während Tom neben mir hergrinste fragte ich mich was dass eigentlich alles sollte. Ich wollte ihn doch bloß zurück haben und nicht flachlegen. Wir redeten hier von Tom und nicht von Angelina Jolie.


Mir hätte in diesem Moment auffallen müssen, dass mein Unterbewusstsein dabei war etwas auszugraben was ich nie mehr wieder sehen wollte.
Mir hätte in diesem Moment auffallen müssen, dass es das erste Mal war das mir nicht einfiel was ich sagen konnte.
Mir hätte in diesem Moment auffallen müssen, dass mein Herz nicht wegen meines Ärgers so schnell schlug.

Als ich Tom neben mir spürte, hätte mir auffallen müssen das er ruhiger war als sonst.
Als ich Tom neben mir spürte, hätte mir auffallen müssen das sich in ihm eine Angst aufstaute.
Als ich Tom neben mir spürte, hätte mir auffallen müssen das Tom sein Handgelenk hielt das von einem Schweißband bedeckt war.
Und mir hätte auffallen müssen das Tom mich nicht mit demselben Blick ansah wie sonst.


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