reflections

Seelenschrei – Kapitel 1

Unglücklich!


 

Ich habe gelernt…
Leid zu ertragen,
Schmerz zu verbergen
und mit Tränen in den Augen zu lachen.


 

Nur um den Anderen zu zeigen
dass es mir „gut“ geht
und um sie glücklich zu machen!





Mein Blick schweifte durch den Raum und ich verstand beim besten Willen nicht wie die Anderen sich so auf dieses Konzert freuen konnten.
Schon klar, Israel war was geiles, vor allem als deutsche Band. Aber irgendwie schaffte ich es heute nicht Begeisterung zu empfinden.

Und um ehrlich zu sein empfand ich diese schon lange nicht mehr. Mit der Zeit war alles zu einem Druck geworden. Dieser verschonte mich zwar körperlich aber er drückte auf meine Seele und ich hatte immer öfter das Gefühl zu ersticken. Auch kam manchmal in mir die Angst auf den anderen Dreien ihren Traum zu zerstören.
So schaffte ich es einfach nicht ihnen zu sagen dass ich einfach nicht mehr konnte. Ich riss mich einfach zusammen und tat so als wäre nichts, aber der Druck blieb nun einmal.

„Bill, alles klar?“
Einen Moment lang blinzelte ich orientierungslos und mein Hirn versuchte die Stimme zu zuordnen die durch meine Gehörgänge in eben jenes gelangt waren bis sie darauf kamen das es mein werter Bruder war.

„Ja, klar“
Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit und ich drehte meinen Kopf um ihn ansehen zu können.
„Aber das sogar hier in Israel so viele Fans kommen ist doch einfach nur Wahnsinn“

Eigentlich war das nicht mehr Wahnsinn sondern schon geistesgestört. Wenn ich einer dieser Fans wäre hätte ich mich niemals dazu aufraffen können mich in die erste Reihe zu stellen nur um mir auf den Füßen rumtrampeln zu lassen. Oder eben klinisch tot umzufallen.
Das war doch wirklich nicht mehr normal. Ich verstand sowieso nicht woher diese Mädchen ihren Elan und vor allem ihr Stimmorgan nahmen.

Am Anfang hatte es mich nicht gestört das diese Mädchen versuchten mein Trommelfell zum platzen zu bringen. Aber seit 4 Monaten war das einfach nur noch unerträglich. Noch schlimmer war es allerdings wenn man deswegen auch noch grinsen oder eben lächeln musste. Entweder damit man den Fans das Gefühl gab Willkommen zu sein oder eben um seine Bandmitglieder zu beruhigen die schon die wildesten Theorien aufstellten aber komischerweise nicht auf den Grund kamen. Was wahrscheinlich auch ganz gut so war.

„Is doch geil“
Tom sah mich verständnislos an und ich rollte genervt mit den Augen.
„Genau das hab ich auch damit gemeint du Schlumpf“

Inzwischen hatte ich es sogar schon so gut drauf einen auf unbekümmert zu machen, dass ich es sogar schaffte Tom hinters Licht zu führen und er es mir abkaufte.
Für mich war das einfach nur noch erschreckend. Entweder wir hatten uns so weit von einander entfernt das er es nicht merkte oder aber meine Mauer war zu groß geworden als das er darüber hätte blicken können.

Zaki kam zu uns in die Garderobe und uns wurde somit ohne ein Wort mitgeteilt das wir unsere Ärsche gefälligst auf die Bühne zu bewegen und tausende von Mädchen symbolisch zu beglücken hatten.
Was hätte ich nur darum gegeben in unserem Scheißkaff in meinem Bett zu liegen und keinen sehen und hören zu müssen.
Leider konnte ich das keinem mitteilen da ich sonst nicht nur Schuldgefühle bekam sondern auch noch die miese Laune diverser anderer Menschen ertragen musste die sich Produzenten nannten. Und darauf hatte ich noch weniger Lust als wenn ich mit einem Nervenzusammenbruch von der Bühne in die Fanmenge gekippt und zerfleischt werden würde.

Kaum waren wir auf der Bühne und die ersten Töne von ‚Übers Ende der Welt’ setzten ein schon wurde ich wieder halb taub. Das schöne daran war immer noch das es nach guten zehn Sekunden ausgeblendet wurde damit man unsere eigene Musik deuten konnte um einigermaßen vernünftig dazu zu singen.

Im Ganzen glaube ich war das Konzert ganz gut, auch wenn ich das nicht wirklich beurteilen konnte. Dafür fehlte mir nicht nur der Nerv und die Konzentration sondern auch die Freude. Ich war froh wenn ich im Hotel saß und den restlichen Abend im Bett verbringen konnte.

Dazu musste ich einfach mal erwähnen dass ich Hotels liebte. Ich konnte mich dort einfach viel leichter zurückziehen als im Bus. Denn da war immer jemand um mich rum der mich mit fragen löcherte. Und ich fragte mich insgeheim ob ich mir ‚Verpisst euch und lasst mich in Ruhe’ auf die Stirn tätowieren lassen sollte. Wäre eine Option gewesen.

In der Garderobe angekommen ließ ich mich einfach nur in einen Sessel fallen und zündete mir eine Zigarette an.
Die brauchte ich jetzt auch ganz dringend. Inzwischen war sogar mir schon aufgefallen das ich mehr rauchte als sonst. Und ich glaubte dass es an den Anderen vorüber gegangen war. Zumindest hoffte ich das denn ich hatte keine Lust auf Fragen die ich nicht beantworten wollte.

Die misstrauischen Blicke die mir Tom zuwarf bemerkte ich zum Glück nicht, denn sie hätten mich noch tiefer in das Loch geschubst in dem ich mich gerade befand.
Und das wollte ich vermeiden. Ich wollte nicht als chronisch depressiv enden.
Auch wenn ich das Gefühl hatte das dazu nicht mehr viel fehlte wenn ich nicht endlich mit der Sprache rausrückte und irgendjemanden – von mir aus auch der Putzfrau – davon erzählte was zur Zeit mit mir abging.

Meiner Meinung nach war mir zurzeit sowieso alles egal. Vom Wetter angefangen bis hin zu meiner Frisur. Eigentlich hatte ich sie nur noch glatt geföhnt, weil ich keinen Nerv hatte so früh schon wieder aufzustehen. Und das würde meiner Meinung nach auch so bleiben. Um nicht komplett verwahrlost auszusehen setzte ich mir einfach merkwürdige Mützen auf was bei den Fans auch ziemlich gut ankam. Sollte mir recht sein, denn ich hatte keinen Nerv schon wieder meinen inzwischen zum Lebensmotto verinnerlichten Standardsatz runter zu leiern ‚Ich hatte Lust auf eine Veränderung’.

„Bill, wir fahren“
Mein Blick wanderte eine Etage weiter nach oben und ich sah Georg mit der Hand vor meinem Gesicht rumwedeln.
Himmel, wie das aussah wollte ich gar nicht beschreiben. Einfach nur noch lächerlich. Hoch lebe die Kamera freie Zone.

Trotzdem raffte ich mich auf und drückte meine Kippe im Aschenbecher aus ehe ich hinter Gustav her zum Van trottelte.
Ich hatte weiß Gott keinen Elan mehr mit irgendwem eine Konversation zu vollführen oder auch nur so was ähnliches.
Doch kaum im Van wurde mein schöner Plan auch schon zunichte gemacht indem David sich ruckartig im Sitz umdrehte und mich mit diesem Psychodoktorblick ansah.

„Was ist denn los mit dir hm?“
„Gar nichts“ grummelte ich ihm entgegen und starrte behände aus dem Fenster.
„Junge, jetzt sag schon“

Was war eigentlich an meiner abwehrenden Haltung falsch zu verstehen?
Langsam fragte ich mich wirklich wie viel Autorität ich überhaupt noch ausstrahlte. Wahrscheinlich gar keine.

„Verdammt, es ist nichts und ich bin müde. Also piss mich nicht an sonst piss ich zurück“ zischte ich Richtung Vordersitz und verengte meine Augen zu Schlitzen.
Das Georg und Gustav seltsame Blicke austauschten und Tom mich ansah als würde ich durchsichtig werden, bekam ich nicht wirklich mit.

David drehte sich wieder nach vorne – anscheinend reichlich angepisst – und ich drehte mich in die andere Richtung.
Auch als wir beim Hotel ankamen würdigte ich ihn keines Blickes. Denn ich konnte mir was Besseres vorstellen.
Nämlich ganz schnell ein paar Autogramme hinkritzeln und dann nach oben verschwinden um mein Zimmer zu einem Panic Room umzubauen.

Daraus wurde nichts, denn wir brauchten bei den Fans länger als geplant. Ganze 20 Minuten und so schlich ich ziemlich ausgelaugt in den Aufzug und danach zu meinem Zimmer.
Die Blicke im Rücken ignorierte ich gekonnt und blieb vor meiner Tür stehen die ich mithilfe der Zimmerkarte aufschloss.

Einmal drehte ich mich noch um und lächelte Tom an der es etwas verwirrt erwiderte.
Der Junge konnte mal gar nichts dafür dass ich mich einfach nicht mehr wohl fühlte. Also sollte ich es unterlassen an ihm die Wut auszulassen.

In meinem Zimmer überkam mich wieder einer Welle des Drucks und ich fiel förmlich auf meinem Bett zusammen.
Ich wollte nicht alleine sein und doch war es so, dass sobald jemand bei mir war ich ihn nur noch loswerden wollte.
Ein verdammter Teufelskreis wie man das so schön und treffend benannte.
Es war auch unfair das ich meine Wut über mich selbst an den Anderen ausließ, aber ich fand sonst einfach kein Ventil mehr…außer eben dem einen.
Und von diesem durften die Anderen niemals etwas erfahren und schon gar nicht unsere Mutter.


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