reflections

Seelenschrei – Kapitel 2

„Mir geht es gut!“


 

Schweigen ist oft
der lauteste Schrei.
Aber es hört ihn niemand.





Ich hatte keine Ahnung wann ich eigentlich eingeschlafen war, doch als ich aufwachte war es bereits acht Uhr morgens und ich lag zusammengerollt mit meinen Klamotten am Leib auf meiner Bettdecke.
Das was mich geweckt hatte war die Sonne gewesen die sich ihren Weg durch mein Zimmerfenster und somit in mein Gesicht suchte um mir sanft über die Wange zu streichen.

Es war ein schönes Gefühl so berührt zu werden und sich kurz geliebt zu fühlen. Auch wenn es keine Hand war sondern lediglich ein paar Sonnenstrahlen.
Das gute Gefühl in mir verschwand aber sogleich als ich die Stimmen von Zaki und David auf dem Flur wahr nahm und feststellte, dass ich aufstehen musste.
Wir begaben uns heute auf eine Sightseeingtour durch Jerusalem. Allgemein fand ich das ziemlich toll. Ich wusste schon gar nicht mehr wann ich das letzte Mal dazu kam mir eine Stadt in der ich mich aufhielt genauer anzusehen.

Und doch war da wieder dieser Druck der mir auf die Lungen drückte um mich langsam und qualvoll ersticken zu lassen.
Denn ich wusste genau dass früher oder später sowieso wieder unser Terminkalender diskutiert wurde und man ziemlich viel auf meine Meinung zählte damit wir alle bloß zufrieden waren.
Ich hasste es Tom und die anderen Beiden anzulügen und doch blieb mir einfach nichts anderes übrig als meinem Instinkt zu vertrauen das ich es schaffen würde nicht bei unserem nächsten Konzert tot von der Bühne zu fallen oder mich mit dem Fönkabel im Bus zu erhängen.

Langsam stand ich auf und ging zu meinem Koffer wo ich lustlos ein paar Klamotten hervor kramte um mich mit ihnen ins Bad zu verziehen und erst einmal heiß zu duschen.
Ich musste ganz dringend wieder lockerer werden und eine bessere Möglichkeit fiel mir beim besten Willen nicht ein.

Unter der Dusche angekommen ließ ich mich vom Wasser berieseln und lehnte mich an die kalte Fliesenwand.
Keine Lust zu haben irgendein Konzert zu geben war eine Sache. Eine andere war es wenn man sich dabei fühlte als würde man ersticken.
Eigentlich war ich schon immer der Typ gewesen der sich trotz schlechter Laune auf die Bühne geschleppt hatte, aber neuerdings kostete es mich beinahe genauso viel Überwindung wie in einem Zelt zu übernachten.

Von weit weg nahm ich ein Hämmern wahr und zwang mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Somit stellte ich auch fest dass irgendwer dabei war mir meine Zimmertüre aus den Angeln zu heben. Worauf ich ehrlich gesagt genauso wenig Bock hatte wie heute noch irgendeinen Fan zu sehn um dem ein sinnloses Autogramm irgendwo drauf zu kritzeln.

Diese Weiber konnte ich einfach nicht mehr sehen. Sie gingen mir dermaßen auf die Leitung, dass ich jedes Mal hätte schreien können vor lauter Verzweiflung.
Aber da ich das nicht bringen konnte setzte ich mein eingefrorenes Lächeln auf und schrieb fleißig bis mir fast die Finger abflogen.
Noch schlimmer als diese Teenies waren jedoch die Mütter die dabei standen und jede meiner Bewegungen verfolgten als ob sie Angst hätten ich könnte ihre arme Tochter in die nächste Ecke schleifen und dort über sie herfallen.

Das einzige was mich bei solchen Aktionen überhaupt noch aufbauen konnte war wenn ich irgendwo einen männlichen Fan sichtete. Denn das waren die Fans mit denen man normal reden konnte ohne einen Hörschaden zu bekommen.
Inzwischen war ich auch der Überzeugung das dass mit dem schönen und einfachen Heteroleben bei mir nichts würde.
Denn so wie ich das sah war es schlicht und ergreifend einfach unmöglich eine Freundin zu finden die mir nicht meine Gehörgänge strapazierte.

Das Hämmern nahm immer noch nicht ab und so stieg ich tropfnass aus der Dusche, band mir ein Handtuch um die Hüften und ging zur Tür die ich elanlos öffnete und sofort in die Gesichter meiner lieben Bandkollegen blickte.
„Ich will die Tür nicht ersetzen“ nuschelte ich nur und verschwand wieder ins Bad.

Am Türknallen machte ich aus das sie ihre Ärsche wohl in mein Zimmer bewegt hatten und das eindeutig Tom die Tür geschlossen hatte.
Ich konnte mich nämlich beim besten Willen nicht daran erinnern wann er mal eine Tür normal geschlossen haben sollte.

Ich trocknete mich ab und zog mich an und das auch noch rechtzeitig. Denn schon wurde die Badtüre aufgerissen und mein Bruder stand darin ehe er die Tür hinter sich zuknallte.
Mir war auch klar was jetzt kommen würde. Aber ich würde nichts sagen und wenn mich vorher der Sensenmann besuchen würde um mir seine knochige Flosse zu schütteln.

„Was ist eigentlich in letzter Zeit los mit dir?“
„Was sollte sein? Ich bin müde, habe Augenringe bis nach China und meine Poren sehen in diesem Vergrößerungsspiegel aus wie Krater“ nuschelte ich und betrachtete mich im Spiegel.

Wer auch immer diesen Spiegel erfunden hatte gehörte geschlagen. Das war garantiert ein verheirateter Mann mit sieben Kindern und einer Ehefrau die sich benahm wie Godzilla. Er hatte diesen Spiegel sicher erfunden um ihr unverblümt mitzuteilen dass sie ihre besten Jahre auch schon vor Eiszeiten hinter sich gebracht hatte.

„Ich hab das Gefühl es stimmt was nicht. Irgendwas ist am anrollen und das macht mir Angst Bill“
Meine Augenbraue lüpfte sich nach oben und ich betrachtete meinen Bruder durch den Spiegel ehe ich ein Lächeln aufsetzte.
„Du spinnst. Ich bin nur überarbeitet das vergeht wieder“

Während ich mir meinen Kajal schnappte um wenigstens einigermaßen menschlich auszusehen und nicht wie ein Alien räusperte sich Tom und nahm auf dem Badewannenrand platz.

„Gustav und Georg haben das auch schon mitgekriegt. Warum sagst du uns nicht einfach was los ist? Ich dachte wir würden uns alles sagen?“
Seine Stimme klang verletzt und ich rang in diesem Moment wirklich mit mir es ihm zu sagen. Ich wollte dass er mir half mich wieder zu normalisieren.
Andererseits wollte ich nicht mein ganzes Seelenleben auf sein Schultern laden denn mein Zwilling hatte weiß Gott etwas Besseres verdient als unter meiner Last zusammen zu brechen.

„Es ist okay. Du weißt dass ich zu dir komme wenn was nicht stimmt. Ich bin einfach dauermüde und hab nicht mehr soviel Elan. Ich wünsch mir nur das wir bald in Urlaub fahren – nur wir Beide – und wir uns wieder richtig erholen“
Ich sprach sanft was mich selbst überraschte und ging vor Tom in die Hocke um wenigstens Blickkontakt zu haben.

„Versprichst du mir dass du es mir sagst wenn etwas nicht stimmt?“
„Ja, ich verspreche es dir“ lächelte ich und schnappte mir Toms Hände die ich mit meinen verhakte.
Das Grinsen das Tom an den Tag legte verwirrte mich etwas. Es war ein sanftes und vielleicht auch leicht verlegenes Grinsen, nicht dieses Machogehabe. Und mir gefiel es ziemlich gut.
Denn jetzt war ich wieder der festen Überzeugung dass Tom doch kein potentielles Arschloch war.

Ich stellte einige Minuten nach dem Tom gegangen war sogar fest, dass ich dieses Grinsen an ihm liebte. Ich hatte es schon öfter, wenn auch zu selten gesehen.
Und ich fand das es Tom das gewisse etwas verlieh das man haben wollte wenn man in einer Beziehung steckte.
Mehr oder weniger führten wir immerhin eine Beziehung. So oft wie ich mit Tom in einer Badewanne gesessen oder in einem Bett geschlafen hatte, hatte ich das mit den wenigen Ex-Freundinnen von mir nie getan.

Zwar wahr das jetzt schon ein paar Jahre her aber ich erinnerte mich noch gut daran das es mir immer besser ging sobald Tom zu mir ins Bett gekrochen kam oder umgekehrt.
Leider Gottes waren wir aus diesem Alter raus und Tom sein Stolz war zu der Größe des Grand Cannion gewachsen.
Von daher machte ich mir auch keine Hoffnung jemals wieder ruhig schlafen zu können, wenn man mal von der Grabesruhe absah aber das dauerte dann leider ja doch noch ein paar Jahrzehnte.

Nachdem ich mit dem Ergebnis meiner wieder hergestellten äußerlichen Menschlichkeit zufrieden war bewegte ich mich aus dem Bad und sah in die Gesichter meiner Bandkollegen. Zwei davon musterten mich misstrauisch und Tom schenkte mir ein Lächeln ehe er aufstand und verkündete wir könnten langsam unsere Ärsche in die Lobby bewegen um David keinem Kollaps auszusetzen.

Nachdem ich die Idee als gut befunden hatte schnappte ich mir meine Jacke und meine Tasche und verließ mit den Anderen mein Zimmer und folgte ihnen stillschweigend nach unten in die Empfangshalle wo David und Zaki schon warteten und Gesichter zogen als hätten sie dreiundvierzig Millionen im Lotto gewonnen.
Was ich bezweifelte. Denn David verdiente mit uns ja schon längst mehr.
Und langsam fragte ich mich ob er mich nicht als Sänger, guten Freund oder gar Menschen betrachtete sondern als Geldesel der das Geld auf Kommando auskotzte.

Die Fahrt mit dem Van verlief schweigend. Zumindest für mich. David quatschte Zaki mit irgendeinem Müll zu den dieser ruhig und gelassen ertrug. Gustav hörte Musik und trommelte auf seinen Oberschenkeln herum während Georg und Tom sich über das weibliche Geschlecht unterhielten.
Ich starrte derweil behände aus dem Fenster und versuchte mich auf die Landschaft zu konzentrieren. Was mir nicht wirklich gelang.

Nicht nur das meine Lunge von diesem verdammten Druck zerquetscht wurde. Nein, ich hatte wieder Schmerzen. Aber das konnte ich kaum jemanden erzählen.
Denn so wie ich meine Kollegen und Chefs kannte würden die mich gleich ins nächste Krankenhaus fahren um dann festzustellen dass ich absolut Selbstmordgefährdet war.
Und das wollte ich mir und vor allem ihnen ersparen.
Schweigen ist zwar oft der lauteste Schrei, aber keiner außer man selbst kann ihn hören.


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