reflections

Seelenschrei – Kapitel 3

Beichte


 

Warum hast du einen Mund, wenn du nicht redest?
Warum hast du Augen, wenn du nicht sehen willst?
Warum hast du ein Herz, wenn du nicht lebst?





Wir hielten mitten in Jerusalem an einem Parkplatz und ich bereute es jetzt aussteigen zu müssen um einen auf glücklich zu machen.
Eventuell hätte ich Tom sagen sollen was mit mir los war, aber ich hatte meine Chance sozusagen verschissen.

Wenn ich jetzt noch mit der Sprache rausrückte dann würde Tom mir das niemals verzeihen.
Und so ließ ich es einfach bleiben und litt stumm vor mich hin.
Das was ich fabrizierte konnte man wirklich schon nicht mehr Leben nennen, denn ich lebte eindeutig nicht mehr.
Man konnte zwar unschwer erkennen dass mein Herz noch schlug und ich noch in keine Leichenstarre verfallen war, aber wenn die Seele droht zu sterben lebt man halt einfach nicht mehr.
Zumindest war ich dieser Auffassung.

Ich krabbelte aus dem Van und hätte mich wahrscheinlich vor lauter denken auf die Fresse gepackt wenn Zaki – der einzige Mensch den ich neben meinen Bandmitgliedern einfach so mal akzeptierte – mich nicht aufgefangen und wieder richtig hingestellt hätte.
Mein Gesichtsausdruck musste ziemlich resignierend gewesen sein, denn die Anderen verkniffen sich wirklich schon krampfhaft das Lachen.
Von Zaki erntete ich nur misstrauische Blicke die mit Sorge gepaart waren.

Das einzige was ich noch denken konnte war, dass ich das gefälligst zu ignorieren hatte.
Immerhin konnte ich mir nicht im Geringsten leisten auch nur irgendeinen Pups darüber zu verlieren das ich im Moment auf Tokio Hotel gut und gerne verzichten konnte und sie am liebsten für das Jahr 2008 in der Versenkung gesehen hätte um wenigstens einmal im Leben meine Ruhe zu haben.
Leider Gottes fühlte und dachte ich genauso. Und es erschreckte mich das ich sogar hoffte unsere Fans würden uns bald mal wieder abschießen und sich eine neue Band suchen.
Dabei konnte ich doch nicht riskieren das Tom vor lauter Verzweiflung dann kein – oder eher weniger – Sexleben mehr zu haben, sich von der Brücke stürzte.
Also ließ ich es eben bleiben.

David marschierte groß erklärend voran und labberte abwechselnd Georg, Gustav und Tom zu.
Ich wurde verschont weil zwischen mir und den Anderen gute drei bis vier Meter Abstand war. Und der werte Herr Produzent wollte ja keine Fanhorde heraufbeschwören indem er über den halben Platz meinen Namen brüllte.
Mein Rücken wurde von unserem Sicherheitsmenschen flankiert und ich fühlte mich um einiges sicherer.
Zum Beispiel sollte ich demnächst in Ohnmacht oder ins Koma fallen oder einfach nur irgendeinen Fußball in die Fresse kriegen der mich nach hinten kippen ließ.
Zumindest hoffte ich einfach mal das Zaki Mensch genug war den armen, wehrlosen Sänger dieser Beklopptenband aufzufangen. Er würde wahrscheinlich auch von Tom oder eben David getötet werden, wenn er es nicht tat. Von daher standen meine Chancen nicht auf dem Kopfsteinpflaster zu landen eigentlich recht gut.

„Was ist los?“
Ich musste mich wirklich stark zusammen reißen um keinen Verzweiflungsschrei loszulassen den man bis in das nächste Nachbarland hörte, was bei meinen Lungen wahrscheinlich gar nicht so unlogisch war.
Musste jetzt auch noch Zaki damit anfangen? Zuerst David und dann Tom. Und Georg inklusive Gustav betrachteten mich eh schon wie als wäre ich von einem Dämon besessen. Und jetzt fing Zaki auch noch an. Meiner Meinung nach hatten die sich alle abgesprochen.
Was ich aber schnell wieder ausklammerte da Zaki allgemein nicht wirklich sprach. Man musste ihn eher dazu zwingen…im Gegensatz zu mir im Normalzustand.

„Was sollte sein?“ gab ich zurück und meine Mine verdunkelte sich sichtbar.
„Ich will dir ja jetzt nicht zu nahe treten, aber du benimmst dich seit vier Monaten äußerst komisch. Kann sein das die Anderen das nicht merken aber…nun ja“
Soviel hatte ich ihn noch nie reden gehört und ich musste mich stark beherrschen um ihn nicht mit offener Futterluke und entgleisten Gesichtszügen anzustarren.

„Mich kotzt es an okay? Mich kotzt die ganz Scheiße hier so an das glaubste nicht. Die Fans gehen mir dermaßen auf den Wecker, ich krieg Ohrenschmerzen und den Brechreiz inzwischen schon bevor ich die höre oder sehe und ich bin nicht gewillt zu lächeln. Dieses Lächeln was ich immer so schön an den Tag lege ist förmlich in meinem Gesicht festgefroren und ich könnte gegen eine Betonmauer rennen und hätte es immer noch in der Fresse kleben. Außerdem habe ich bei jedem verschissenen Konzert den Wunsch meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und mal dezent in die Ecke zu kotzen“

Himmel…dumm musste man einfach nur sein.
Warum konnte ich nicht einfach meine Klappe halten? Das könnte daran gelegen haben, dass Zaki einfach so eine Psychodoktor Aura besaß. Dem musste man einfach alles sagen.
Was meistens nicht gut war.

Ich dachte eigentlich er würde jetzt ins Koma fallen oder eben gleich in den Himmel zu den Englein fliegen aber er sah mich nur ernst an und nickte. Was ich nicht wirklich verstand.
Ich machte gerade meinen Mund auf um was zu sagen doch wurde unterbrochen.

„Ich werde den Anderen nichts sagen. Aber überleg lieber mal ob das gut ist was du tust. Du zerstörst dich nämlich selbst“
Meine Augenbraue wanderte in die Höhe und ich sah meinen engsten Vertrauten – wäre ich schwul gewesen hätte ich ihm einen Heiratsantrag gemacht – fragend und nicht verstehend an.

„Anscheinend bin ich hier der einzige der es bemerkt hat. Aber glaubst du vielleicht mir ist nicht aufgefallen das du zurzeit links nur noch Wristbands trägst?“
Mein Mund wurde trocken und ich starrte auf den Boden wo ich auf meiner Unterlippe herum kaute.
Eigentlich war ich der Meinung gewesen keiner hätte bemerkt dass ich mir inzwischen schon selbst Schmerzen zufügte um ein Ventil für den Druck zu finden.
Aber anscheinend lag ich da falsch.

Die Angst die in mir hoch kroch wandelte sich in einen Panikzustand und ich konnte nicht mehr wirklich sagen ob ich schlecht hörte oder ob alles einfach nur still war.
Wenn einer der Anderen das erfahren würde hätte ich gleich meine Sachen packen und in die Klapse ziehen können.
Ich wollte nicht weg von Tom und den Anderen. Und außerdem glaubte ich dass unsere Mutter wahnsinnig enttäuscht von mir gewesen wäre. Und ich wollte doch niemanden enttäuschen. Ich wollte immer allen alles recht machen, auch wenn das meistens daneben ging.

Insgeheim ärgerte ich mich über mich selbst. Aber das Wristband war unauffälliger als wenn ich nur noch langärmlig durch die Gegend gelaufen wäre, denn das wäre ihnen wirklich aufgefallen. Und den Fans wahrscheinlich noch viel mehr.
Mein Blick huschte wieder eine Etage höher und ich sah unseren Bodyguard flehend an.
„In Ordnung…ich sag nichts. Aber tu endlich was dagegen. Hör auf alles auf dich zu laden was andere belastet und kümmer dich ausnahmsweise mal zuerst um dich.“

Das einzige was ich hervorbrachte war ein Nicken und ein leichtes dankbares Lächeln was sogar erwidert wurde.
Himmel, der Tag war einfach nur noch grausam und Zaki machte mir mittlerweile Angst. Nicht nur das er zum Hellseher mutiert war, nein, jetzt fing er auch noch an zu reden und zu lächeln. Nicht grinsen sondern LÄCHELN.
Mein Weltbild brach gerade ganz dezent und leise zusammen.

Irgendwie war ich Zaki ja dankbar. Zumindest fühlte ich mich jetzt leicht besser, wenn auch nicht berauschend.
Aber wenigstens löcherte mich jetzt einer nicht mehr mit diesen fragenden Blicken die ich am liebsten gemieden hätte aber eben nicht könnte.
War doch echt alles scheiße.

Ich wusste auch gar nicht wie lange wir durch Jerusalem gelatscht waren, aber langsam wurde es dunkel und kalt und meine Füße taten weh wie Schwein.
Das einzige was ich wollte war zurück ins Hotel, dort in die Badewanne und dann ins Bett. Und vor allem wollte ich meine Ruhe haben und kein Arschloch vor mir her rennen haben das mich über irgendwas zutextete was mich eh nicht interessierte.

Mein Blick wanderte im Minutentakt auf mein Handy um die Uhrzeit zu überprüfen und meine Hände fühlten sich an wie Eisklumpen.
Am liebsten hätte ich ja einen Aufstand gemacht, aber das ging immerhin schlecht. Vor allem nicht in aller Öffentlichkeit wo die Paparazzi wahrscheinlich schon auf Strommasten saßen und als Elektriker getarnt Fotos von uns machten.

Frustriert starrte ich auf den Boden vor mir um mich heute nicht wirklich noch auf die Fresse zu packen. Denn die Beleuchtung in dieser Straße war alles andere als berauschen.
Außerdem hatte ich das ungute Gefühl das David – und somit auch wir – uns verlaufen hatten. Himmel und Arsch.

Ich ließ meinen Blick nach oben schießen als eine andere Hand meine nahm und somit wärmte und blickte in Toms Gesicht.
Oder eben das was man erkennen konnte.
„Er hat sich verlaufen…ganz sicher“ gab mein Bruder leicht gereizt von sich und ich nickte nur ehe ich meine Hand so drehte das unsere Handflächen sich berührten.

Und erst jetzt merkte ich eigentlich wie kalt es wirklich war. Wenn man nämlich nicht mehr in seinem Gedankentümpel feststeckte dann merkte man doch mehr.
Es gefiel mir nicht und ich begann unweigerlich zu zittern.
Meine Schnittwunden am Handgelenk brannten durch die Kälte und ich hätte heulen können, hielt mich jedoch zurück.

„David verdammt jetzt frag gefälligst nach dem Weg“ schnauzte mein Bruder und ging einen Schritt auf mich zu ehe er seine Hand von meiner löste und mich in den Arm nahm.
Seine Arme schlängelten sich grazil um meine Hüften und hoben mich leicht hoch was ich mit einem tiefen einatmen kommentierte da ich darauf nicht vorbereitet war.
Außerdem hatte ich immer schiss das mich irgendwann mal wer runterfallen lassen würde.

Meine Hände krallten sich automatisch in die Schultern meines Zwillings was diesen das Gesicht verziehen ließ, da meine Fingernägel auch nicht gerade kurz und geschmeidig waren.
Seine Hände wanderten flink unter meine Oberschenkel kurz unter dem Hintern und da kapierte ich auch was er von mir wollte.
Er wollte mich hier durch die Gegend tragen, aus welchem Grund auch immer.

Nach der ersten Schrecksekunde ließ ich Toms Schultern los und schlang meine Arme stattdessen um seinen Nacken.
„David…verdammt. Kann hier mal einer nach dem Weg fragen?!“
„Was hast du es eigentlich so eilig wir kommen schon noch ins Hotel“ gab Herr Pseudo-Produzent zurück und Tom verdrehte die Augen.

„Weil Bill keine Körpertemperatur mehr hat außer die von einem Toten. Außerdem sind seine Lippen blau und ich wüsste nicht seit wann er Lippenstift in dieser abartigen Farbe benützen würde“ zischte mein Bruder gefährlich ruhig zurück und ich hob eine Augenbraue.

Mir war eigentlich gar nicht so furchtbar kalt. Aber ich hatte auch gehört das wenn der Körper keine Temperatur mehr hatte man auch nicht mehr wirklich was gegen die Kälte hatte und sie eben nicht wirklich bemerkte.

Gustav fasste sich irgendwann ein Herz und sprach einen älteren Herrn an dem er mit Händen und Füßen erklärte wohin wir eigentlich wollten.
Und nach langem hin und her kapierten wir auch den Weg den wir gehen mussten. Wir waren die ganze Zeit im Kreis rum gelaufen und Tom kotze diese dämliche alte Oma an die immer noch am Fenster saß als wir angeblich schon das fünfte Mal daran vorbei liefen. Ich hatte nicht auf den Weg geachtet von daher wusste ich davon auch mal gar nichts.

Georg ließ einen Freudenschrei los als er unseren Van erblickte und von Zaki der hinter mir und Tom lief, vernahm ich nur ein ‚Na endlich’ ehe er die Zentralverriegelung löste und wir somit einsteigen konnte.
Keine Ahnung wie, aber mein lieber Zwilling schaffte es sogar mit mir auf dem Arm einzusteigen und lehnte sich ans Fenster damit ich mich auf der Bank ausstrecken und ihn als Kopfkissen missbrauchen konnte.
Durch das Geruckel das die Kopfsteinpflastersteine verursachten schlief ich auch relativ schnell ein und checkte nicht das jemand seine Arme um meine Taille schlang und ich auf eben jenen gezogen wurde.


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