reflections

Seelenschrei – Kapitel 4

Dunkelheit


 

Nur der Schmerz tief in mir drin,
lässt mich wissen,
das ich noch am Leben bin!




Mein Schlaf fand erst ein Ende als ich an der Schulter gerüttelt wurde und langsam meine Augen öffnete.
Ich wollte nicht aufwachen. Ich wollte in dieser wunderbaren Dunkelheit bleiben wo kein Licht existierte das mich rief.
Vor allem wollte ich keines das von irgendwelchen Scheinwerfern auf mich hinunter strahlte und mich versuchte an die Bühne zu fesseln.
Ich wollte meine Dunkelheit wieder haben. Doch es funktionierte nicht.

Meine Sinne gewöhnten sich an das Licht im Van und ich blickte in das Gesicht von David.
Dieser musste mich aufgeweckt haben, da wir anscheinend beim Hotel angekommen waren.
Eigentlich wollte ich nicht von dieser Wärme weg. Mir war kalt und das würde auch immer so bleiben. Zumindest so lange bis ich endlich meinen Mund aufbrachte oder eben daran zu Grunde ging und starb.

Die Kälte kroch in jede Faser meines Körpers und das schon lange. Meine Seele starb und ich konnte nichts dagegen tun außer zu schweigen und keine weiteren Leben zu zerstören die sich in unserem Traum wohl fühlten.
Die Wärmequelle war natürlich Tom der seine Hände immer noch auf meinen Hüften hatte und mich besorgt ansah.

Entweder meine Lippen waren noch immer blau oder aber das Wort „Suizid“ war auf meine Stirn gestempelt worden.
Ich tippte auf die erste Möglichkeit und seufzte innerlich ehe ich mich erhob und von Tom runter ging.

Mein Weg aus dem Bus wurde von keinem einzigen Fan gezäumt und ich war mehr als glücklich darüber.
Zumindest interpretierte ich das Gefühl das ich hatte so. Und eigentlich war ich mir nicht mal sicher ob dort überhaupt eins vorhanden war. Es war mir aber auch egal.
Ich wollte nur noch in mein Zimmer und meine Ruhe haben.

Während ich den Weg zum Hoteleingang lief spürte ich einen warmen Luftzug an meiner linken Hand und kurz darauf eine andere die sich um meine schloss und diese sanft drückte.
Mein Blick wanderte über meine Schulter und ich sah in Toms besorgtes Gesicht.
Ich wusste schon warum er mich so ansah. Ich sah bestimmt nicht gerade rosig aus sondern eher wie frisch aus dem Grab gekrochen. Aber dagegen konnte ich im Moment auch nichts machen außer meinem Zwilling ein beruhigendes Lächeln zu schenken.

Als wir mit dem Aufzug nach oben fuhren lehnte ich mich an die Spiegelwand und schloss kurz die Augen.
Zum ersten Mal fiel mir auf wie warm Tom eigentlich war und das seine Nähe und vor allem seine Wärme mir gut taten.
Aber ich wollte mich auf keinen Fall darauf einlassen nur um später mir selbst zu erliegen und ihm alles zu beichten.
Ich wollte das Risiko nicht eingehen seinen Traum zu zerstören und ihn sauer auf mich zu machen.
Das schlimmste was ich mir jetzt noch vorstellen konnte war das Tom mich vor lauter Enttäuschung alleine zurück ließ.

Zwar fühlte ich mich jetzt gerade in diesem Moment auch allein und verlassen aber ich konnte ihn immerhin noch sehen.
Bei Konzerten genügte ein Blick zu ihm und ich hatte einen Grund ein Lächeln aufzusetzen und die Fans glücklich zu machen an denen Toms Glück hing.
Er war die treibende Kraft die mich immer weiter dazu anstachelte mein Spiel fortzusetzen. Es war ein Spiel bei dem ich verlieren würde aber bis dahin wollte ich durchhalten und ihn halten, auch wenn mir der Boden unter den Füßen wegbrach.

Das Geräusch das der Aufzug verursachte als wir in unserer Etage ankamen ließ mich zusammenzucken und gequält die Augen zusammenkneifen.
Dieses Geräusch war für mich genauso unerträglich geworden wie das Kreischen dieser gehirnamputierten Weiber.
Leider konnte ich weder gegen das eine noch gegen das andere etwas tun und fügte mich stattdessen.

Ich lief hinter den anderen und neben Tom her ehe ich an meiner Tür stehen blieb und diese mit der Schlüsselkarte entriegelte.
Leicht drehte ich mich in Toms Richtung und löste meine Hand von seiner ehe ich ihn ansah und lächelte.
Ich glaubte sogar dass er spürte dass mein Lächeln in diesem Moment nur gespielt war, aber er sagte nichts sondern sah mich einfach an.
Mein Gesicht kam seinem näher und ich hauchte einen sanften Kuss auf seine Wange.
„Gute Nacht“ war das letzte was ich zu ihm sagte ehe ich in meinem Zimmer verschwand und die Tür hinter mir schloss.

Nachdem ich das Licht angeschaltet hatte ließ ich meine Tasche auf den Boden fallen und seufzte ehe ich mich ins Badezimmer begab und mir die Wanne voll laufen ließ.
Das was ich jetzt brauchte war Wärme und Entspannung.
Zweites würde nicht wirklich funktionieren, dass hatte ich schon zu oft ausprobiert.

Mein Weg führte zurück ins Zimmer und ich wühlte mir eine neue Shorts aus dem Koffer ehe ich mich wieder ins Bad begab und aus meinen Klamotten schlüpfte.
Diese waren genauso kalt wie mein Körper den ich langsam in das heiße Wasser sinken ließ ehe ich den Wasserhahn ausdrehte.

Eine Weile sah ich mich im Badezimmer um ehe ich meinen Kopf in den Nacken auf den Wannenrand sinken ließ und ausatmete.
Meine Schnitte brannten und eigentlich hätte ich vor Schmerz heulen müssen. Aber irgendwie konnte ich nicht. Ich hatte schon oft versucht zu weinen, aber es kamen keine Tränen.
Vielleicht hatte ich auch schon längst keine mehr oder sie waren gestorben, wer wusste das schon?

Ich hatte schon gehofft vielleicht doch entspannen oder zumindest abschalten zu können. Doch dann war er wieder da.
Dieser Druck von dem ich mir wünschte er würde endlich aufhören mich zu quälen und sich jemand anderen suchen.
So sehr ich es auch versuchte ich schaffte es wieder einmal nicht ihn zu ignorieren.
Und so kam es das meine Hand automatisch in den Kulturbeutel griff und die kleine, silbern schimmernde Klinge heraus nahm.
Ich betrachtete sie eingehend und fragte mich insgeheim warum so ein kleiner Gegenstand eine so große Erleichterung hervorrufen konnte, auch wenn diese nur kurzzeitig war.

Ich wanderte mit ihr automatisch zu meinem Handgelenk und setzte sie an ehe ich leicht lächelte und sie sanft über meine Haut gleiten ließ.
Der Schmerz tat gut und ich verspürte wie meine Seele kurz aufhörte zu schreien.
Zumindest das hatte ich erreicht.
Die Prozedur wiederholte sich einige Male ehe ich die Klinge zurück legte, mich in der Wanne lang machte und die Augen schloss.

Keine Ahnung wie lange ich bewegungslos dalag aber als ich die Augen wieder öffnete färbte sich das Wasser bereits rot und ich entschloss mich dafür lieber ins Bett zu gehen.
Meine Beine trugen mich automatisch aus dem weißen Keramik und ich wickelte mir ein Handtuch um ehe ich den Stöpsel zog und zusah wie das Wasser in die unendlichen Tiefen der Kanalisation gesaugt wurde während ich mich an den Heizkörper setzte.

Meinen Rücken durchströmte eine angenehme Wärme und ich lächelte wieder ehe ich aufstand, mich abtrocknete und meine Shorts anzog.
Ich griff wieder in den Kulturbeutel und zog meine Wattepads heraus mit denen ich mich abschminkte. Auch meine Haare wurden wieder durchgekämmt und ich fand das ich reichlich scheiße aussah.
Meine Lippen waren zwar nicht blau aber ich fand trotzdem dass ich tot wirkte.

Das linke Handgelenk wurde mit einem Verband provisorisch und geübt verbunden und ich fühlte mich bereit zu schlafen.
Im Moment war es einfach so das mich der Schmerz in meiner Haut ablenkte vor dem was meiner Seele angetan wurde.

Also legte ich mich ins Bett und löschte das Licht ehe ich meinen Handywecker auf 7.30 Uhr stellte.
Morgen ging es zurück nach Deutschland. Und schon Übermorgen musste ich wieder auf der Bühne stehen und so tun als ob ich unsere Fans über alles liebte.
Wie mich das ankotzte. Mein Kampfgeist schrie nur danach endlich mal allen zu geigen das sie mich ankotzten…vor allem diese dämlichen Weiber, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.

Solang ich die Schmerzen in meiner Haut spürte und auch sah konnte ich beruhigt sein. Denn so wusste ich dass ich noch am Leben war und auch bluten konnte wie jedes andere lebendige Wesen.
Mit diesem Gedanken schlief ich ein und war froh als mich die Dunkelheit wieder umarmte und es schien als wolle sie mich nie mehr gehen lassen.


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