reflections

Seelenschrei – Kapitel 5

Unklarheit


 

Jedes Lächeln, Jedes Wort
Jeder Schnitt, Jede Träne
Jedes Schweigen, Jedes Zögern
Ist nur ein Tropfen im See des Lebens.


 

Aber der große See besteht aus vielen kleinen Tropfen,
von denen jeder Einzelne bedeutsam ist.




Der nächste Morgen war wie jeder andere auch. Ich hatte keine Lust meinen Hintern aus dem Bett zu bewegen. Und noch weniger Lust besaß ich ihn zum Flughafen zu bewegen um zurück nach Deutschland zu fliegen.
Klar, dort war meine Familie. Aber die sah ich nicht. Das erste was ich am Flughafen in Hamburg sehen würde waren haufenweise Fans die sich die Schädel einkloppten um ein Autogramm, ein Foto oder ein Lächeln von mir zu bekommen.

Es waren Mädchen die mich und die Anderen vergötterten und schon fast anbeteten. Mich hätte es auch nicht gewundert, wenn manche dieser Subjekte zu Hause einen Altar stehen hatten vor dem sie fünf Mal täglich ein Gebet runterleierten in Form eines Songs von uns der somit auf grausame Art und Weise verunstaltet wurde.

Was allerdings noch schlimmer war als eben das war, dass manche dieser Mädchen wirklich glaubten mich zu kennen und auch noch dachten sie würden mich verstehen.
Bei diesem Gedanken konnte ich einfach nur lachen. Keine von ihnen wusste wie es in mir aussah geschweige denn was ich dachte oder fühlte. Und wenn ich das genau betrachtete wusste dass nicht einmal mehr Tom, weil ich es nicht einsah für etwas die Schuld auf mich zu nehmen das er bei mir entdeckt hatte. Ich fand es einfach nur ungerecht dass jeder versuchte mich zu verstehen und meine Gefühlswelt zu teilen.

Keiner verstand dass ich einfach nur alleine sein wollte. Ich wollte nichts sehen und nichts hören. Ich wollte einfach nur alleine im Dunkeln sitzen und mir ausrechnen wie viel ich am Tag rauchen müsste um nächstes Jahr an Lungenkrebs zu sterben.
Ich fand es wirklich rührend das manche wirklich versuchten mich zu begreifen. Aber ich war froh dass sie es nicht konnten. Denn hätte auch nur ein Fan mein Innenleben oder meine Gedanken gesehen wäre für diesen nicht nur eine heile pinke Märchenwelt zusammengebrochen sondern er hätte sich wahrscheinlich vom nächst höher gelegenen Gebäude geworfen. Und das wollte ich dann doch vermeiden.

Man konnte mir nachsagen was man wollte. Ich konnte egoistisch sein – und das stritt ich noch nicht einmal ab – aber ich würde nie das Leben eines anderen Menschen in Gefahr bringen. Erstens weil ich mit Schuldgefühlen mal gar nicht umgehen konnte und Zweitens, weil ich nicht gerade darauf erpicht war irgendeinem Zeitungsfutzi mein Beileid über irgendeinen Selbstmord auszudrücken wo ich fand das der von Grund auf beschissen und sinnlos war. Was ich nicht sagen konnte wenn ich keine wütende Familie am Hals haben wollte.

Gerade als ich so schön in meinen Gedanken rum paddelte hämmerte etwas an meine Zimmertüre und ich musste mich zusammenreißen um nicht vor Schreck aus dem Bett zu fallen.
„Bill, Alter! Steh auf, wir müssen bald zum Flughafen“
Es wunderte mich ehrlich gesagt das es Georg war der meine arme Tür fast aus den Angeln hob, aber es störte mich nicht wirklich.
Mir drängte sich nur die Frage auf ob Gustav sich in seinem Zimmer erhängt hatte oder ob er entführt wurde.
Denn Gustav ließ es sich bekanntlich nicht nehmen mich aus dem Bett zu hämmern. Und wenn das nicht funktionierte dann stand er vor meiner Tür, holte tief – wirklich sehr tief – Luft und begann zu singen. Und letztes bewegte mich dann meistens dazu doch aufzustehen um mein Gehör nicht weiter leiden zu lassen.

Trotzdem mochte ich Gustav. Gustav war so etwas wie meine Mutter. Nur eben ohne diese Lockenwickler und den komischen geblümten Bademantel. Aber vom Verhalten und der Fürsorge her, waren die Beiden wirklich identisch.

Mit einem Knurren verließ ich mein weiches und warmes Bett und schleppte mich ins Badezimmer wo ich mich nach dem auskleiden unter die Dusche stellte und erst mal einen Schrei losließ.
Nein, das Wasser war weder zu kalt noch zu heiß. Und nein, es war auch keine Spinne vor Ort die mich dümmlich angrinste.
Es war schlicht und ergreifend die Tatsache das ich Vollidiot vergessen hatte was ich gestern meinem Unterarm angetan hatte. Und dieser revanchierte sich mit einem höllischen brennen der Schnitte.

Ich hüpfte in der Dusche hin und her und wedelte mit meinem Arm in der Luft um ihm etwas Kühlung zu verschaffen.
In diesem Moment wusste ich auch das mein Tag gelaufen war. Wenn dieser Scheißdreck wegen jedem Mist so brannte konnte ich mir gleich die Stimmbänder entfernen lassen damit die Anderen nichts merkten. Und darauf war ich eigentlich noch nie wirklich scharf.

„Bill? Alles okay? Bill?“
Ich sprang aus der Dusche und schlüpfte in einen Morgenmantel ehe ich ins Zimmer hechtete und die Tür aufriss wo mir auch gleich Tom entgegenfiel.
„Was war denn bei dir los?“
Gustav stand da und sah mich misstrauisch an während ich Zaki einen flehenden Blick zuwarf er möge sie doch bitte alle ablenken oder mir eine Ausrede liefern.

„Er wird wahrscheinlich das Wasser zu kalt aufgedreht haben“ meinte dieser dann auch und ich zwang ein Lächeln auf die Lippen ehe ich nickte und Tom die Hand hinhielt.
Was machte der da auch auf dem Boden?

Nachdem ich lang und breit erzählt hatte das einfach nur das Wasser zu kalt war und ich ja noch lebte und weder meinen Kopf noch ein anderes Körperteil unterm Arm trug hatte ich auch endlich wieder meine Ruhe.
Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht dass sich alles und jeder um mich Sorgen machte.
Aber ich schob es einfach mal darauf dass sie nicht mehr so schnell einen so talentierten und geil aussehenden Frontmann herbekamen.
Manchmal musste ich halt ein bisschen mein Ego pushen.

Ich verschob das Duschen auf den Abend und zog mich stattdessen an ehe ich mich stylte und meine Mütze wieder über die Ohren zog.
Ich hatte halt einfach null Bock einen auf ‚Gabel in Starkstromsteckdose’ zu machen. War auch mal verständlich. Außerdem wollte ich bloß in die Studiowohnung zurück und weiter schlafen.

In der Lobby war die Hölle los. Überall Crewmitglieder die nicht wussten wohin sie sollten, verrückte Fans vorm Hotel die sich bald einen Sonnenstich holten und ein überforderter David in der Mitte der nicht mehr wusste wo ihm der Kopf stand da er von vier Menschen gleichzeitig zugelabbert wurde. Einer davon war mein werter Bruder der wild mit den Händen gestikulierte und ziemlich angepisst aussah.

Mein Sozialismus überwog mal wieder und ich ging zu ihm wo ich ihn fragend ansah. Egal was es war, es war nichts Gutes. Denn wenn Tom meinte es wäre nicht gut dann war es das auch nicht. Soviel zu unserer Aufteilung der Dominanz.
Ich musste nicht einmal ein Wort über die Lippen bringen um Toms Aufmerksamkeit zu bekommen, er wandte sie mir sogar freiwillig zu.

„Dieser Vollidiot will, dass wir nach dem Essenkonzert noch 4 spielen und dafür unseren Urlaub verkürzen“ schoss es aus ihm heraus und ich wusste nicht ob ich jetzt heulend zusammenbrechen oder mich doch lieber aufregen sollte.
Allerdings bekam man davon Falten…was eh egal war wenn ich mal das Zeitliche gesegnet hatte.

„Tom, beschimpf mich nicht. Ich bin mir sicher Bill hat nichts dagegen das wir noch ein paar Konzerte nachschieben“
David war genauso angepisst…man sah es ihm förmlich an.
„Oh nein, vergiss es. Bill braucht ne Pause. Das geht so nicht“
„Der Junge verkraftet das schon“
„Und wenn er dann an nem Telefonkabel von der Decke baumelt bin ich Schuld dass ich dich davon nicht abgehalten hab. Vergiss es kein Konzert mehr und keine Pressetermine. Punkt“
„Tom“
„Nein verdammt ich weigere mich. Und wenn ich Bill kidnappen muss dann wird ich das tun“

Ich verfolgte die Debatte stumm und sah von einem zum Anderen.
Einerseits hatte Tom recht aber andererseits…
Ich hatte keinen Peil was ich tun sollte und was nicht. Das brachte ich auch zum Ausdruck indem ich mich an Toms Schulter festklammerte und merkwürdige Geräusche von mir gab. Eine Mischung aus lachen, heulen, quieken und einem leidenden Etwas.
„Siehst du? Wir machen keine“

Mein Bruder schnappte mich und visierte die Türe an vor der die Fans uns anstarrten wie das Weltwunder schlecht hin.
„Wie schnell kannst du rennen?“
„Ähm…das weißt du doch“
„In deinem jetzigen Zustand“
„Wird schon gehen warum?“
„Dann lauf“ teilte mir mein Zwilling mit und packte mich am Handgelenk ehe er seine Baggy ein Stück hochzog und festhielt ehe er begann zu laufen und quer durch die Fanmasse durch.

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch nur ich wäre Selbstmordgefährdet. Aber anscheinend war ich doch nicht der einzige aus unserer kleinen Familie.
Zu meinem Erstaunen klappte das auch ganz gut bis zum Van in den Tom mich reinzog. Hinter mir knallte er die Türe zu und verriegelte sie ehe er sich schwer atmend in den Sitz fallen ließ.
In Sachen Kondition waren wir Beide nun mal noch nie die Besten gewesen.

Ich ließ mich neben Tom fallen und schloss die Augen. Allerdings nicht für lange. Der Grund dafür war die Hand die ich an meinem Schlüsselbein spürte und die dieses leicht nachfuhr. Mein Blick wanderte zu Tom der mich ebenfalls ansah und leicht lächelte.
„Was machst du?“ brachte ich die Frage leise heraus und war in diesem Moment froh das die Scheiben des Vans getönt waren. Sonst hätte ich wahrscheinlich gleich vor den nächsten Zug springen können.

„Nichts“ war die schlichte Antwort die mich eine Augenbraue heben ließ während ich meinen Zwilling weiterhin beobachtete.
Mir kam das doch recht komisch vor das er mich so antatschte. Das letzte Mal hatte er das getan da waren wir neun. Und da hatte es auch einen Grund über den ich hier nicht reden will.
Tom rutschte näher und ich begann flacher zu atmen. Wenns hart auf hart käme konnte ich mich immer noch tot stellen. Das half meistens…nicht immer, aber meistens.

Ich spürte den Widerstand von Toms Schulter an meiner und wollte gerade den Mund aufmachen als was gegen den Van hämmerte das ich als Gustav identifizierte. Tom war auch so nett und entriegelte die Türen damit die anderen Grazien nicht noch zerfleischt wurden.
Und trotzdem hatte ich jetzt keinen Peil davon was Tom eigentlich genau von mir wollte.
Stattdessen legte ich meinen Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen.
Ich würde es schon noch rauskriegen.


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