reflections

Wir haben’s einfach getan – Kapitel 4

Juhu, David in die Arme, ich will nach Hause!



Glück ist eine relative Sache.
Definiere mir Glück.
Glück ist immer das,
was der Betroffene daraus macht.
Und das ist definitiv keins.






Ich hatte so eine Panik vor Georg und seinem Augenbrauengewackel das ich einfach nur noch aus diesem Zimmer raus wollte.
Dabei hatte ich das schon so oft gesehen, dass ich dachte ich wäre immun dagegen geworden. Auch wenn er es zum Großteil bei mir anwendete, hatte ich mir keine Sorgen gemacht.
Da waren immerhin noch Gustav die Ökotante, Zaki das Schaf, David undefinierbar und Tom das Fickgestell dabei gewesen.
Aber nun war ich eben allein. Das arme, unschuldige und nach Meinung der Starflash immer noch jungfräuliche Bill.
Das war doch einfach nur grausam.

Auf meiner Flucht aus dem Zimmer, nur in Boxer wohl angemerkt, riss ich die Tür auf und achtete natürlich null auf das was da draußen im Flur rumkroch.
Und so kam es das ich jemandem in die Arme lief der mich festhielt und fragte was denn los sei.
„Georg, gestört…ich will nach Hause“ war das einzige was ich heraus gebracht hatte und blickte nach unten wo ich das Gesicht der Person vermutete. Ein Stück kleiner war sie dann ja doch als ich.
Und ich erkannte David der mich verständnislos ansah.
„Bill, komm wieder zurück. Ich kann doch nichts dafür dass du so heiß aussiehst“ rief Georg mir nach und in meiner Verzweiflung klammerte ich mich an David.

Es war bestimmt das beste Bild das die Presse abbekam sollte sie sich genau in diesem Moment in diesem Flur in diesem Hotel befinden.
Bei denen war doch sowieso alles möglich. Die konnten auch mitten in der Nacht als Zimmermädchen getarnt dein Badezimmer inspizieren und diverse Gegenstände mitgehen lassen. Dieser Meinung war ich, seit bei der Verlängerung der Schrei-Tour mein Kajal spurlos verschwunden hatte und ich ganz sicher war ihn dabei gehabt zu haben.
Ich ging sogar so weit das ich Gustav’s Koffer durchsuchte, mich in Georg’s Zimmer zu schaffen machte und dann auch noch meine persönliche Schmerzgrenze überschritt und alle von Tom’s Baggys durchforstete. Aber die Suche blieb erfolglos. Und wenn ich ehrlich sein sollte, trauerte ich meinem Heißgeliebten Manhattan Mascara immer noch nach.

Das Bild das sich der Presse geboten hätte wäre zum lachen gewesen. Ein halb nackter Bill der sich verzweifelt an seinen mindestens 7 Zentimeter kleineren und alten Manager klammerte der nur mit einem gestreiften Jogginganzug durch die Gegend lief.
Tiefer konnte ich in diesem Moment wirklich nicht sinken. Es sei denn ich rannte zu Zaki und fragte ihn ob ich bei ihm im Bett schlafen durfte. Das wäre dann wirklich schon kurz vorm Selbstmord gewesen.

Als David, Georg’s Kommentar hörte umklammerte er mich, hob mich hoch und flüchtete mit mir in sein Zimmer wo er mich auf dem Bett absetzte und zur Minibar hetzte wo er mir die Flasche mit Jägermeister reichte.
Mein Blick war mehr als skeptisch.
„Du musst das verarbeiten“ erklärte er mir sein Handeln und ich guckte die Flasche wieder an ehe ich meinen Blick wieder hob.
„Mit Alkohol?“
Hieß ich Tom oder Georg oder was war los? Irgendwas lief in diesen armen und freien Tagen verdammt schief.
„Stimmt, du bist zu jung dafür“ meinte er und nahm mir die Flasche wieder weg, ehe er sie aufschraubte und sie selbst an die Lippen setzte.
Nachdem er ein paar Züge genommen hatte hob ich eine Augenbraue und musterte ihn skeptisch.
„Warum säufst du jetzt?“
„Ich muss das verarbeiten“
„Hey, ich bin immer noch der Geschädigte“

Allgemein war David aber immer so emotional das er das Leid anderer sehr gerne auf sich nahm und sich dann bei wiederrum einer dritten Person über sein Leid beschwerte.
Das war genauso wie seine eingebildete Pollenallergie. Es hatten ihn mindestens schon vier verschiedene Ärzte getestet. Und sie waren alle der Meinung dass David keine hatte. Und doch bekam er angeblich unglaublich nässenden Ausschlag wenn der Frühling begann.
Wovon ich und der Rest unserer Band komischerweise nie etwas gesehen hatten, denn David lief weiß Gott nicht langärmlich rum. Nein, sogar im Winter musste ein Shirt her.
Zwar war das bei Tom und mir auch so aber wir litten einfach nur an überdurchschnittlichem Wärmeausfluss.
Sprich wir waren eine laufende Heizung. Konnte allerdings auch nicht so wirklich gesund sein.

„Ich werde mal deine Sachen holen gehen“ meinte er zu mir und ich nickte benommen ehe ich zusah wie David in seinem – außerordentlich hässlichen – Jogginganzug wieder das Zimmer verließ um meine Habseeligkeiten – die aus drei Koffern, einer Tasche und vier Tüten bestanden – zu holen.
Was für ein mutiger Mann, dachte ich sarkastisch und schnappte mir doch die Jägermeisterflasche und nahm einen Schluck.
Beim besten Willen, ich konnte nicht ahnen was man dem Zeug abgewinnen konnte das so penetrant nach irgendwelchen Kräutern stank. Aber zu diesem Zeitpunkt wurde mir einiges klar.
Es schmeckte einfach sau geil. Dooleys ade.

Während ich auf meine Sachen wartete sah ich mich im Zimmer auf und inspizierte alles. Wenn David es auch nur einmal wagen würde mir Vorträge über meine nicht vorhandene Ordnung zu halten die immerhin ein System besaß würde ich ihn töten.
Dieser Mann hatte weder Ordnung noch ein System. Wie er was wie und warum fand konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Als ich bei dem Sofa angekommen war entdeckte ich ein paar Zeitschriften darauf wo ich mich daneben fallen ließ und sie durchwühlte.
Bei einer hielt ich inne und starrte darauf als würde sie versuchen mich abzustechen. Was auch noch realistisch genug für mein armes und angeknackstes Hirn gewesen wäre.

Wird Max der neue Bill? lächelte mir die Überschrift entgegen und ich zog scharf die Luft ein.

Ich hatte keinen Schimmer warum man mich mit jemand anderem verglich oder warum jemand so sein sollte oder wollte wie ich.
Und dann noch die alles entscheidende Frage.
Wer zur Hölle war eigentlich Max?

Ich hatte von dem noch nie gehört und hatte es auch nicht vor. Allerdings interessierte es mich brennend mit wem oder was ich genau da verglichen wurde.
Also entschloss ich mich mir eine von David’s Zigaretten zu schnorren und den Jägermeister in reichweite zu lassen, während ich todesmutig die Yam! öffnete.
Man sollte ja meinen ich hätte dazu gelernt. Pustekuchen, ich doch nicht. Ich war allgemein suizidgefährdet. Zumindest behauptete das Zaki aufgrund meiner Vorliebe bei Videodrehs auf diverse Dächer zu klettern.

Nachdem ich Seite 18 aufgeschlagen hatte kam nur eines in meinen Gedanken vor:
Wuhahahahahah!
Reine Verzweiflung. Was zur Hölle war das?
Meiner Meinung nach war das was da riesig abgebildet war nicht mal ein Mensch. Aber anscheinend sollte es einen darstellen, auch wenn ich es nicht identifizieren konnte.
Bei aller Liebe, aber sogar Georg sah eher aus wie ein Mensch. Und das war dann schon wirklich gruslig.
DAS war also Max. Himmel, wenn ich mit so was verglichen wurde, wollte ich gar nicht wissen worum es ging.
Um unsere und meine angebliche Jungfräulichkeit?

Trotzdem stürzte ich mich auf den Text und hoffte stark dass ich nicht noch mehr traumatisiert wurde.

„Ich konnte das bei ‚DSDS’ nicht mehr verantworten. Musikalisch war das nicht mehr meins. Ich will wieder bei meiner Band sein. Ich will wieder eigene Songs schreiben. Ich will wieder Charlie Crawford sein. Ich will wieder rocken!“

Meine Fresse, Alter. Dann wärst du bei deiner Band geblieben. Und ob du rocken kannst, darüber lässt sich jetzt bei deiner Fresse streiten.

Max Buskohl (18) klingt entspannt und selbstbewusst, als er nur einen Tag nach seinem spektakulären Abgang bei ‚DSDS’ am 21. April aus freien Stücken bei Yam! anruft. „Sagt den Leuten da draußen, dass ich einfach auf mein Herz gehört habe. Ich hatte Zweifel, ob ich bei ‚DSDS’ noch richtig aufgehoben war. Und mein Kumpel Martin war so depri, weil er gerade rausgeflogen war. Als er seine Koffer packte, stand mein Entschluss fest: Okay, ich gehe und gebe Martin somit eine zweite Chance!“

Ah, Deutschland sucht den Superstar. Mich wundert es dass der da überhaupt aufgenommen wurde. Aber Menschen leiden nun ab und zu an Geschmacksverirrungen. Wenn man nicht weiß ob man in der Musik gut aufgehoben ist sollte man es lassen. Und zu dem Punkt das du anscheinend null egoistisch bist Junge. Pech gehabt. So schaffst dus eh nie. Und das ist auch gut so. Weichei!

Wow! Max hat definitiv mehr Rückrat als viele andere Typen. Weil er den Mut hat, für seine Gefühle einzustehen. Und das in einer Zeit, in der andere dem Teufel ihre Seele für einen Plattenvertrag verkaufen würden. Wer, wenn nicht Max, hätte eine Megakarriere wie die von Tokio Hotel verdient?

Jeder, von mir aus auch der Papst und die Zillertaler Schürzenjäger, aber doch nicht der. Da wird einem ja übel.

Witzig: Max hatte bereits vor Wochen TH-Frontman Bill – mit dem ihn erstaunliche Parallelen verbinden – im Yam! Interview seinen Respekt gezollt. Max: „Der Sound ist Geschmackssache. Aber was Bill & Co auf die Beine gestellt haben – Wahnsinn! Und das, obwohl ich glaube, dass Bill noch auf der Suche nach sich selbst ist.

WTF? Parallelen? Wo denn bitte? Der Junge ist naiv und strohdoof.
Auf der Suche nach sich selbst. Genau, ich hab auch nichts Besseres zu tun. Ich will ja mal meinen das ich selbst ich selber bin und das auch so bleibt. Mehr geht nicht. Soll er sich doch mit Tom auseinandersetzen.

Wer weiß, wie er erst abgeht, wenn er sein inneres Ich gefunden hat?“

Wahrscheinlich tret ich dir in deinen beschissenen Hintern du Mistviech.
Mein inneres Ich, soll ich jetzt kotzen oder was? Wie er abgeht? Himmel, ich hab meinen eigenen Stalker.

Max, der Castingrebell: Die Fans lieben ihn, Stefan Raab liebt ihn – und jetzt, wo sich der erste Rauch verzogen hat, wollen ihn auch alle Plattenfirmen. Mit Band! Max hat gepokert – und gewonnen. Wetten?

Das Stefan Raab ihn liebt war mir klar. Ich hab doch gewusst dass er schwul ist. Und die beiden passen zusammen wie die Faust aufs Auge.
Solang der Depp mich und unsere Plattenfirma in Ruhe lässt ist mir das egal.

Missmutig, aber noch nicht tot oder noch mehr traumatisiert klappte ich die Zeitschrift wieder zusammen und starrte das Cover an.
Noch ein hässlicheres Bild hätten die nicht nehmen können oder? Bin ich froh das wenigstens die Bravo mich liebt. Das sind normale Menschen. Wenigstens eine Zeitschrift kann ich lesen ohne Angst haben zu müssen das Bedürfnis zu verspüren mich von unserem Tourbus überrollen zu lassen.

Gerade wollte ich die Zeitschrift weglegen als ich mir das Cover genauer ansah und nervös auf meiner Unterlippe herum kaute.
Würde David es merken wenn ein Teil der Zeitschrift fehlen würde?
Ich dachte nicht viel darüber nach und klappte die Zeitschrift in der Mitte auf wo ich vorsichtig das Riesenposter heraustrennte.
Ich mochte Avril Lavigne einfach. Sie war cool.
Aber noch mehr interessierte mich die Rückseite des Posters.

Eigentlich war er ja gar nicht so schlimm. Auch wenn ich ihm am liebsten den Hals umgedreht hätte, nachdem was er immer für Scheiße verzapfte.
Trotzdem mochte ich seine Augen. Und sein Grinsen. Und überhaupt seine Gestik. Eigentlich alles an ihm.
Er war ja auch mein Zwillingsbruder.

Verträumter als ich es eigentlich mitbekam guckte ich mir das Poster von Tom an und beschloss mir das bei nächster Gelegenheit in mein Zimmer zu Hause zu kleben. Am besten da wo er es niemals entdecken würde.
In meinem Kleiderschrank.
Warum ich auf einmal das Bedürfnis hatte Tom in mein Zimmer zu hängen, verstand ich nicht so wirklich, und ich wollte die genaueren Gründe auch gar nicht aus meinem Unterbewusstsein heraus wühlen.

Als die Tür aufging fuhr ich aufgeschreckt hoch und versteckte das Teil hinter meinem Rücken als David wieder eintrat und keuchte wie Tom nach dem Sex.
Zumindest dachte ich das Tom so keuchen würde. Obwohl ich mir dann eigentlich Sorgen machen müsste, weil sich das eher nach einem Erdmännchen das gerade an einer Lungenembolie starb anhörte.

„Du hast ganz schön viel Zeug“
„Ich muss auch gut aussehen“
„Tust du das nicht?“

Dieser Satz machte mir Angst und ich guckte David misstrauisch an ehe er mit den Schultern zuckte.
„Ich dachte nur du wärst zufrieden mit dir“
Meine Muskeln lockerten sich wieder. Die Alarmglocken hatten falsch geläutet.
Also schlich ich mich zu meinem Koffer und packte das Poster unauffällig hinein, ehe ich mir ein Schlafshirt anzog.
Es musste keiner wissen und auch nicht mitbekommen, das ich der Dieb war der Tom’s Lieblingsshirt entwendet hatte.
Eigentlich war es nur die Rache dafür, das Tom ein Einzelzimmer verlangt hatte. Aber inzwischen hatte ich mir angewöhnt darin zu schlafen.
Das war irgendwie krank.

Müde setzte ich mich auf das Bett und gähnte.
Das ich jetzt allerdings mit David ein Bett teilen musste behagte mir gar nicht. Ich fand immer das kam so pädophil rüber. Unser Altersunterschied war auch nicht gerade klein.

„Also weißt du Bill. Wir müssen jetzt mal reden“
Hilfe!
Ne, David verstand den Begriff ‚Reden’ garantiert nicht so wie Tom. David war anders. David war der nette Opa von nebenan.
Zumindest hoffte ich das.
Ich würde Kratzen, beißen und treten, nur um das mal klargestellt zu haben.

„Ich finde ja, du bist jetzt 17, und wir können ernsthaft reden. Hast du schon mal über Verhütung nachgedacht?“
WTF?

Ich starrte David mit großen Augen an und begriff nicht was der eigentlich genau von mir wollte. Da war sogar Gustav ja noch erträglich. Und ich hätte mir jetzt auch freiwillig Georg’s Baggersprüche angehört.

„Äh…?“
„Ja, also wenn du mit einem Mädchen schläfst. Egal ob sie die Pille nimmt oder nicht, du musst unbedingt mit Kondom verhüten, du könntest dich mit was anstecken.“
Meine Augen wurden immer größer und ich fragte mich ob David wirklich dachte das ich…
„Irgendwann musst du deine ersten sexuellen Erfahrungen machen“
…Jungfrau war. Die Frage hatte sich erübrigt.

„Und sie könnte schwanger werden. Du müsstest dich dumm und dämlich zahlen“
Hallo?
„Am besten du hast keinen Sex in der Missionarsstellung, keinen Sex im stehen oder irgendwie anders. Denn du wirst sie schwängern und gehst zu Grunde. Am besten du hast gar keinen Sex“
Mami, ich will nach Hause!

„So und nun….hier. Ich hab dir was mitgebracht“
Ich glotzte ungläubig die Pornohefte an und mein Mund klappte auf.
Das ging ja jetzt wohl zu weit. Warum dachte jeder ich war a) noch Jungfrau, oder b) so sexuell frustriert das ich ins Kloster einsteigen wollte?

„Waaaaaaaaaahhhhhhhhhhh“
Das war das einzige was ich raus bekam ehe ich zur Tür flüchtete um die nächste Flucht anzutreten.
Wir sollten uns theoretisch von Tokio Hotel in Flüchtlingslager umbenennen. Das wäre irgendwie passender gewesen.


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