reflections

Zweisames Zerbrechen – Kapitel 12
Kein Zuhause

Wir nehmen die Zukunft voraus,
da sie zu langsam kommt,
gleichsam um ihren Lauf zu beschleunigen.
Und wir rufen die Vergangenheit zurück,
um sie aufzuhalten.

Pascal

Ich hatte wirklich keine Ahnung wie lange ich auf dem Dach von diesem beschissenen Hotel saß und mich schützend selbst umklammerte.

Hier oben war es still und man hörte nur vereinzelt ein paar Autos vorbei fahren. Was mich nicht im Geringsten tröstete. Denn somit hatte ich Zeit zum nachdenken und das bekam mir einfach nicht.

Denn ich hatte erkennen müssen, dass ich allein Schuld daran war das Tom dies tat.

Ich hatte ihn mehr oder weniger – eigentlich mehr – dazu getrieben.

Aber ich war der Auffassung er würde mir seine Wut und seine Verzweiflung mitteilen, so wie er es bei meinem Auge getan hatte. Ich konnte doch nicht ahnen dass er…zu so etwas fähig war.

Und ich konnte wahrscheinlich noch nicht einmal was dagegen tun. Tom hatte mir vorhin unverständlich klar gemacht dass er mich hasste. Das ich zu ‚meinem scheiß Shooting’ abhauen sollte und ihn und sein Leben in Ruhe zu lassen hatte.

Das ich zu verschwinden hatte.

Ich wollte das nicht, aber es tat weh. Und ich war mir nicht einmal sicher ob ich die Kraft hatte das zu ertragen.

Meine Gedanken drehten sich im Kreis und ich wünschte mich zurück ins Jahr 2003. Da war noch alles in Ordnung. Wir machten unsere Aufnahmen und Tom und ich verstanden uns blind.

Er hatte keinen Grund sich so etwas anzutun und wir waren immer noch ein Herz und eine Seele. Hätte ich die Zeit zurück drehen können, hätte ich verhindert dass wir jemals auch nur ein Studio von innen sahen. Dann wäre es nämlich nie soweit gekommen.

Aber ich elendiger Perfektionist musste es ja so wollen. Und ich glaube Tom war sich da noch nicht einmal sicher gewesen, sondern hatte nur zugesagt um mir nicht alles kaputt zu machen und für mich eine Enttäuschung darzustellen.

Mein Kopf fuhr mit einem Ruck nach oben und drehte sich nach links als ich eine Berührung an meinem Oberarm spürte die ich mir keineswegs eingebildet hatte.

Meine Augen starrten direkt in die von Gustav der mehr als besorgt aussah. Er sah aus wie unsere Mutter wenn mit mir irgendwas nicht stimmte und sie das spürte.

„Bill? Warum weinst du?“

Mit meiner linken Hand fuhr ich mir über die Wangen und hatte sofort die Spuren meines Kajals an den Fingern kleben, was mir versicherte das Gustav sich das bei der langsam eintretenden Dunkelheit aufgrund der Wolken nicht eingebildet hatte.

„Was machst du hier?“

Meine Stimme klang – wie alle verweinten Stimmen – absolut beschissen und gepresst während ich begann meine Unterlippe in die Zange zu nehmen und zum bluten zu bringen.

„Na ja…ich hab Krach gehört bei dir und Tom und wollte mal gucken. Und dann bist du schon an mir vorbeigerauscht und die Treppen hoch.“

Ich war an ihm vorbeigelaufen? Das hatte ich gar nicht mitbekommen.

„Und Tom wollte mich nicht reinlassen und dann wollte ich mal gucken. Ich hab schon gedacht du hast dir was getan, weil auf den Stufen war Blut und….scheiße Bill was hast du gemacht?“

Mein Blick folgte dem von Gustav der meine Hand fixierte und ich beobachtete kurzweilig das Blut das auf den weißen Schnee tropfte. War mir gar nicht aufgefallen das das noch blutete. War ja auch egal. Mir war heute alles egal. Ich war mir egal.

Ich quittierte das mit einem Schulterzucken und ließ die Rasierklinge los die lautlos in den Schnee unter ihr fiel.

Meine Hand wischte ich an meiner Jeans ab die sofort rote Spuren zierten und ich griff in meine Hosentasche ehe ich mir eine Zigarette anzündete und in den Himmel starrte.

„Billy, woher hast du das blaue Auge?“

Ach scheiße, warum musste Schminke auch verschmieren und somit gleich verschwinden können?

„Hab mich heute früh aus Versehen mit dem Fön geschlagen“ nuschelte ich deswegen nur und zog wieder an meiner Zigarette ehe ich mich mit einem Arm wieder selbst schützte.

Mir war kalt, aber ich wollte nicht wieder rein.

Geschah mir doch ganz recht wenn Tom mich nicht wollte. Immerhin hatte ich ihn zu etwas gezwungen das er nicht wollte. Zwar indirekt aber immerhin.

„Von Tom richtig?“

Automatisch schüttelte ich den Kopf und bemerkte zu spät das Gustav mich hochzog und wieder ins Gebäude, was ich partout nicht wollte.

Warum verstand das denn bitte keiner?

„Ich hab ihn“ kam es von Gustav und ich hob den Kopf wo ich David, Zaki und Georg im Flur stehen sah. Die sahen aus als hätten sie einen Geist gesehen.

Und hinter Georg stand Tom der mich ansah als würde er mich jeden Moment töten. Und es tat weh.

„Bill wo….was zur Hölle hast du gemacht?“

Anscheinend war den anderen auch das Blut aufgefallen und ich verstand mich darin zu schweigen und nur mit den Schultern zu zucken.

„Der hatte bestimmt wieder Aggressionen und will Mitleid haben. Gebt es ihm halt sonst schneidet er sich bald die Pulsadern auf um es zu kriegen“

Mein Blick schoss in den von Tom und ich war nun der festen Überzeugung dass er mich kaputt machen wollte, aus Rache weil er es schon war.

„Ich? Du hast sie doch nicht alle“

Meine Stimme war laut. Lauter als sonst wenn wir uns stritten und ich hatte auch keine Lust mehr sie zu kontrollieren.

Ich warf die Zigarette auf den Teppichboden und trat schwungvoll darauf ehe ich mit großen Schritten auf meinen Zwilling zuging und ihn am Handgelenk packte was ihn zischen ließ.

Aha…tat was weh?

„Ich also ja? Dann erklär den anderen doch bitte was das da ist“ fuhr ich ihn an und riss ihm wenig fürsorglich das Schweißband herunter wo einige der Schnitte wieder aufrissen.

Auf dem Flur wurde es still und ich ließ Toms Handgelenk los wo ich ihn anblitzte und er dasselbe bei mir tat.

„Du bist doch nur so ne kleine Diva. Das geht dich verdammt noch Mal nichts an. Verzieh dich aus meinem Leben, ich will dich nicht mehr sehen. Ich hasse dich, wann checkst du das endlich?“

Meine Welt war schon aus den Fugen geraten. Aber nun zersplitterte sie in tausend kleine Stücke und mit ihr mein Herz das bis eben noch versucht hatte Tom zurück zu gewinnen. Auch wenn ich das nicht wirklich zeigte.

Ich schloss die Augen und atmete einmal tief durch ehe ich rückwärts zu unserer Zimmertüre ging und das Zimmer betrat ehe ich die Tür zuknallte und abschloss.

Toms Schlüsselkarte entdeckte ich auf dem Tisch neben mir und lächelte leicht.

„Bill, mach die Tür auf“ wetterte David von draußen und ich tat das was ich am besten konnte.

Ignorieren. Ich hatte es früh lernen müssen und diese ungewöhnliche Kunst inzwischen perfektioniert. Ich konnte alles und jeden ignorieren. Solange mir genug wehgetan wurde.

Und das war heute passiert. Mir wurde nicht nur wehgetan, ich wurde seelisch abgestochen. So musste sich das dann bestimmt auch körperlich anfühlen.

„Wir unterhalten uns“ hörte ich von draußen und David zog anscheinend alle mit sich in sein Zimmer.

Er war immer noch der Meinung dass ich nicht dumm war und nichts tat was mich in Gefahr bringen könnte. Und er hatte Recht.

Nur heute war es nun mal anders.

Meine Beine trugen mich ins Bad wo ich meine Hand unter kaltes Wasser hielt und mit der anderen den Verbandskoffer öffnete.

Mehr schlecht als recht versorgte ich die Wunde auf meinem Oberarm und auf meiner Handfläche ehe ich einfach alles stehen und liegen ließ und mein Make up nur notdürftig nachzog und das Feilchen überschminkte.

Danach wandelte ich ins Zimmer zurück und steckte mir eine Zigarette an.

Ob der Flurteppich wohl ein Loch hatte? Bestimmt.

Ich ging zu meinem Koffer und klappte ihn auf ehe ich meine Sporttasche ausleerte und diverse Klamotten, Schminke und andere Utensilien hinein stopfte.

Mein Handy nahm ich mit. Sollte irgendwer abkratzen oder ich zu ner Beerdigung müssen – vielleicht zu der von meiner Mutter – dann war es besser erreichbar zu sein.

Mir blieb nur übrig von hier zu verschwinden. Tom hasste mich. Und nein, ich tat das nicht aus Selbstmitleid.

Ich wollte Tom noch immer schützen. Nur diesmal vor etwas das ihm gefährlich werden konnte.

Vor mir.

Ich setzte meine Sonnenbrille auf und eine Mütze auf den Kopf und spähte nach draußen auf den Flur der verlassen dalag.

Wenn ich es bis zum ersten Treppenabsatz schaffte war ich nicht mehr zu sehen. Eine Ersatzkarte für das Zimmer konnten sie an der Rezeption kriegen, also war das auch kein Ding.

Mit schnellen Schritten ging ich auf Zehenspitzen zu den Treppen und ab dem ersten Treppenabsatz fing ich das rennen an und rannte danach durch die Lobby auf die Straße wo ich das erst Beste Taxi anhielt und mich auf den Rücksitz flüchtete.

„Zum Flughafen“ gab ich dem Fahrer als Antwort auf die Frage wohin ich denn wollte.

Nach Hause konnte ich nicht. Ich hatte keins mehr. Wenn Tom mich hasste war gar nichts mehr ein zu Hause.

Tom war meine Heimat gewesen. Wenn er dabei war fühlte ich mich überall wohl. Aber so war es halt einfach nicht mehr.

Außerdem war Loitsche das erste wo sie nach mir suchen würden. Und das Ziel das ich mir ausgesucht hatte würden sie wahrscheinlich nicht in Betracht ziehen.

Und wenn doch brauchten sie eine Weile um mich zu finden, in der ich das bestimmt schon längst von irgendwelchen Eingeborenen wusste und mich vom Acker machen konnte.

Mein Ziel waren die Malediven. Um genau zu sein der Bungalow den Tom und ich immer bezogen hatten.

Der Fahrer holte mich aus meinen Gedanken zurück als wir am Flughafen angekommen waren und ich bezahlte ehe ich ausstieg und er mir noch ein ‚Viel Glück, wohin die Reise auch geht’ nachwarf.

Glück konnte ich wirklich gebrauchen wenn ich nicht erkannt werden wollte. Vielleicht hätte ich mir eine Glatze rasieren sollen, aber dazu hing ich einfach zu sehr an meiner Frisur.

Im Gegensatz zu Georg hatte ich wenigstens eine. Er hatte nur Haare.

Es war gar nicht so schwer wie gedacht einen Last Minute Flug zu bekommen und gleich einchecken zu können.

Und ich muss sagen, dass ich erleichtert war als ich im Flieger saß und durch das Fenster nach draußen sehen konnte.

Ich hätte es auch nicht verkraftet wenn es mir jetzt nicht wenigstens etwas besser gegangen wäre.

Mein Entschluss während des Fluges zu schlafen war sowieso schon lange klar und so tat ich das auch.

Meine Träume suchten mich nicht heim. Weder Albträume noch feucht fröhliche Träume.

Und dafür war ich wirklich sehr dankbar. Denn so etwas hätte ich nicht ertragen können.

Dafür dass ich geschlafen hatte, war ich natürlich umso angepisster als eine Stewardess mich weckte und mir mitteilte dass wir angekommen wären.

Ein Blick auf mein Handy versicherte mir dass ich inzwischen 27 Anrufe in Abwesenheit hatte – wahlweise von David, Georg oder Gustav – und das es nach deutscher Zeit genau 20 Uhr war.

Direkt meine Zeit zum aufstehen stellte ich leicht belustigt fest und holte mir mein Gepäck.

Der Weg zum Bungalow war eigentlich nicht weit. Wir brauchten nur immer ein Taxi weil Tom und ich regelrecht pro Person gute 3-4 Koffer mit uns führten.

Aber so war das heute ja nicht und ich hatte auch nicht vor das zu ändern bis ich ins Gras beißen würde. Vorzugsweise morgen.

Der Weg war angenehm und die Sonne ging hinter dem Meer unter als ich den Strand erreichte und auf eine große gelbe Kiste zusteuerte. Diese Kiste stellte das Haus dar in dem ich den Schlüssel abholen und bezahlen konnte. Und eigentlich hätten nur noch die Löcher gefehlt und es hätte ausgesehen wie ein Stück großer Käse.

Die Schlüssel bekam ich auch und alles lief wie geschmiert. Ich teilte dem Besitzer mit das er keinem Auskunft zu geben hatte wo ich war. Auch nicht meinem werten Produzenten und überhaupt nicht mal einer Kakerlake. Ich war in diesem Moment froh das er deutsch sprach. Was auch kein Wunder war. Er war Deutscher. Man war ich wieder lustig.

Im Bungalow angekommen warf ich meine Tasche in das Zimmer das ich immer bewohnte und ließ mich daneben darauf fallen.

Der Tag war einfach nicht meiner. Und ich hatte das trügerische Gefühl das es sich demnächst auch nicht ändern würde. Scheiße auch.

Mir hätte es nicht entfallen dürfen, dass ich Tom wütend gemacht hatte mit meiner plötzlichen Reaktion.
Mir hätte es nicht entfallen dürfen, dass ich Tom in große Schwierigkeiten brachte indem ich sein kleines Geheimnis vor anderen preisgegeben hatte.
Mir hätte es nicht entfallen dürfen, dass ich Tom nicht wirklich zu schützen versuchte sondern eher mich selbst.

Ich hätte bemerken müssen, dass Tom sich tierische Sorgen um mich machte als er feststellte dass ich weg war.
Ich hätte bemerken müssen, dass Tom sich die Schuld für mein Verschwinden gab.
Ich hätte bemerken müssen, dass Tom fast Amok lief als er feststellte dass die anderen mich nicht erreichen konnten.
Und ich hätte bemerken müssen, dass Tom eigentlich die ganze Zeit Andeutungen gemacht hatte, dass er mich liebt.

Während ich beschloss duschen zu gehen, da es hier doch abgefuckt heiß war vibrierte mein Handy unaufhörlich auf dem Bett bis die Mailbox ansprang.

Und wer auch immer es war der mich anrief bekam folgenden Text zu hören.

„Hier ist die Mailbox von Bill Kaulitz. Ich bin nicht mehr erreichbar. Hinterlasst mir liebe Grüße und wenn ihr schon dabei seit: Geht einfach, lasst die Schatten auf mich fallen und mich in Ruhe sterben.

Und Tom? Reicht dir mein Herz nicht? Willst du auch noch meine Seele? Dann komm und hol sie dir“


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