reflections

Seelenschrei – Kapitel 6
Pissed of

Wenn Seelen Tränen weinen
Schreien sie stumm
Suchen einen Weg
Sich auszudrücken
Verfassen Texte
Von schwarzer Schönheit
Unter Schmerz und Qual

Der Van fuhr für meine Verhältnisse viel zu schnell zum Flughafen. Ich hatte keine Lust nach Deutschland zu fliegen um dort noch mehr Konzerte, Interviews oder weiß was ich zu geben. Und ich hatte keine Lust wieder Horden von hysterisch kreischenden Weibern über mich ergehen zu lassen. Am liebsten hätte ich mich mal dezent in die Ecke gekotzt. Konnte ich allerdings schlecht bringen wenn ich nicht am nächsten Tag mir bei der Presse den Mund fusselig reden wollte.

Seitdem die anderen im Van waren hatten Tom und ich nicht mehr miteinander geredet. Und ich empfand das als gut so. Denn ich wollte nicht weiter darüber nachdenken wie Tom sich vorhin verhalten hatte. Und vor allem wollte ich überhaupt nicht denken. Mir ging das hier alles auf die Nerven und mein Arm tat weh das ich am liebsten geschrieen hätte. Aber das konnte ich nicht tun wenn ich nicht in die Klapse wollte. Und dort wollte ich garantiert nicht hin.

Mein Blick wanderte durch das Fenster nach draußen und ich beobachtete die an uns vorbeiziehenden Häuser und Menschen.

Was hätte ich alles darum gegeben um wieder so wie früher von der ganzen Klasse gehänselt und verspottet zu werden. Ich hätte alles dafür getan um wieder ein normaler Mensch zu sein der ganz normal lebte.

Doch diesen Traum konnte ich einfach mit niemandem der hier Anwesenden teilen. Alle freuten sich über unseren Erfolg und waren froh dem normalen Alltag entgangen zu sein.

„Hey Bill, wir sind da“ kam es links von mir und ich identifizierte die Stimme meines Bruders woraufhin ich nur gespielt enthusiastisch nickte und die Tür aufschob.

Meine Nerven waren wirklich nicht mehr die Besten. Dafür war mein Schauspielvermögen bis ins Unendliche gewachsen. Ungerechte Aufteilung irgendwie. Andererseits war letzteres ziemlich praktisch.

Ich trottete hinter den anderen her zum Check-In und wartete gelangweilt bis wir endlich mal in den Wartebereich gehen konnten. Dort ließ ich mich auch sogleich auf einen der dämlichen Plastikstühle fallen und starrte vor mich hin. Allgemein hatte diese Tätigkeit etwas sehr praktisches. Andere Menschen dachten ich würde nachdenken oder etwas beobachten was sie dazu veranlasste mich in Ruhe zu lassen.

Insgeheim fragte ich mich wie dämlich ein einzelner Mensch eigentlich sein konnte wenn er nicht merkte was mit mir los war.

Andererseits war das auch nicht verwunderlich so wie ich mich benahm. Ich benahm mich wie immer und zeigte mein schönstes Lächeln a lá „Ich liebe euch alle und mir geht es super duper gut“. Von daher gab es nicht wirklich was zu bemerken.

Und in diesem Moment war ich auch ausgesprochen froh das Tom anscheinend sein Hirn verloren hatte. Sonst hätte der wahrscheinlich doch was gemerkt.

Als alle aufstanden tat ich das ebenfalls um wieder hinter ihnen her zu trotteln und in den Flieger zu steigen der uns nach Hamburg beförderte. Das Konzert in Essen war Übermorgen. Und gelinde gesagt hatte ich einfach keinen Bock da drauf. Ich hasste diese verdammte Bühne auf der wir – oder besser gesagt ich weil die anderen bewegten sich ja kaum – rumturnen mussten. Und noch schlimmer empfand ich die Angst dass der In-Ear-Monitor wieder ausfallen und ich somit diese dämlichen Tussen hören würde. Was für mich einfach nur grausam war.

„Geil, endlich geht’s wieder nach Hause“ textete Tom mich auch gleich an kaum das wir auf unseren Plätzen saßen.

Oh ja, und wie ich mich freute. Hörte man meinen Sarkasmus?

„Ja, ich freu mich auch schon“ gab ich von mir und musste mich stark zusammenreißen um nicht das Gesicht zu verziehen.

„Alles klar? Du klingst nicht gerade sehr begeistert?“

„Alles bestens ich bin nur todmüde und würde am liebsten jetzt in nem Bett liegen“

Gute Ausrede. Das ich immer müde war, war ja nichts neues.

Von daher auch sehr glaubwürdig.

„Ich glaubs dir nicht. Wir waren gestern doch so früh im Bett. Was hast du gemacht?“

„TV geglotzt bis keine Ahnung wann.“

„Ah ja?“

„Ja verdammt und jetzt nerv mich nicht. Wenn ich sag ich bin müde dann bin ich müde kapiert? Kümmer dich um deinen Scheiß“

Ich klapperte mit den Augenlidern und guckte Tom entschuldigend an der mich fassungslos anstarrte genauso wie der Rest des Flugzeugs.

Man…musste ich denn jetzt so austicken?

Es nervte mich doch bloß das mich alle fragten ob es mir gut ging. Was war an dem Satz „Mir geht es gut“ bitte so schwer zu verstehen?

„Sorry“ würgte ich hervor und drehte meinen Kopf in die andere Richtung.

Das die jetzt erst Recht was rochen konnte ich mir schon vorstellen. Denn wenn es mir ja angeblich so blendend ging hatte ich keinen Grund so auszurasten. Aber das war jetzt nun mal passiert. Und ich konnte es weder rückgängig machen noch was dagegen tun. Also beschloss ich erst mal alles auf sich beruhen zu lassen um mir im Hinterkopf einen Plan zu überlegen wie ich sie möglichst von meiner fröhlichen Botschaft dass es mir gut ging überzeugen konnte.

Irgendwann war ich wohl eingeschlafen den wach wurde ich durch ein Gerüttel das von Gustav ausging.

Anscheinend hatte Tom ihm diese tödliche Aufgabe übertragen.

Ein strahlendes Lächeln schlich auf mein Gesicht als ich die Frage ob wir schon da wären stellte und ich erntete nicht nur ein eingeschüchtertes Lächeln von Gustav sondern auch merkwürdige Blicke vom Rest der Mannschaft.

Was mich nicht störte.

Deswegen stand ich auf und spazierte aus dem Flieger Richtung Ostausgang wo – ach ein Wunder – schon ein Van wartete in den ich mich reinlümmelte und auf die anderen wartete die freundlicherweise meine Koffer mitschleppten.

Irgendwas konnten diese Spacken immerhin auch mal erledigen. Meiner Meinung nach tat ich sowieso schon mehr als genug. Ich schlug mich mit David und den restlichen Deppen rum und außerdem musste bei Interviews immer ich reden weil die anderen zu blöd dafür waren.

Herrlich war das.

Es fiel jetzt natürlich überhaupt nicht auf das ich angepisst war. Und zwar gewaltig. Das lag einfach nur daran das ich es nicht abkonnte wenn man mich aufweckte. Und außerdem hatte ich keine Lust mich mit irgendwem über mein Seelenleben zu unterhalten. Meine Seele gehörte mir. Und sie war gerade dabei zu sterben.

Ihr Schreien wurde immer leiser und ich empfand das gerade als mehr als angenehm. Den Grund warum sie vor Schmerzen schrie kannte ich schon lange. Und es lag nicht nur an der Musik und dem Druck. Aber das konnte ich nicht mal mir selbst eingestehen. Denn dafür – tut mir Leid – war mein Ego einfach zu groß.

Der Weg zur Studiowohnung verlief schweigend. Was mir nichts ausmachte, den anderen anscheinend schon.

Die waren es gewohnt zu quatschen. Und meine derzeitige Laune sorgte einfach dafür dass ihnen die Worte im Hals stecken blieben. Was ich als gut empfand. Wenigstens etwas was ich mir wünschte war mir vergönnt. Und nicht nur das…Tom saß sogar nicht neben mir. Was für mich diese zehn Minuten Fahrt noch mehr verschönte.

Der Van hielt und ich stieg aus wo ich in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel wühlte und mich schon mal die verdammten Treppen in den dritten Stock hochquälte. Warum wir so weit oben wohnen mussten verstand ich immer noch nicht. Wahrscheinlich hatten diverse Menschen auch einfach nur Angst dass irgendwer bei uns durchs Fenster kriechen könnte. Was ich persönlich ja für absolute Paranoia hielt. Aber man sagte ja nichts um andere nicht als absolut geisteskrank gelten zu lassen.

Reichte ja wenn ich es war.

Mein Weg in der Wohnung führte direkt zu meinem Zimmer bei dem ich die Tür zuknallte und mich aufs Bett schmiss.

Ich war einfach nur müde und wollte schlafen. Das war noch nicht mal gelogen.

Und so kam es auch das ich einschlief und den Schrei meiner Seele nicht hörte als sich die Zimmertüre öffnete.



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