reflections

Seelenschrei – Kapitel 7
Tagtraum

 

Freunde sind Engel,
die uns auf die Beine helfen,
wenn unsere Flügel,
vergessen haben wie man fliegt!

 

 

 

Der Schlaf tat mir gut. Er war da einzige was mir überhaupt noch gut tat. Vorausgesetzt ich träumte nichts. Denn dann war wach bleiben doch noch besser.

Aber wenn ich nichts träumte, dann war es so als wäre ich ganz weit weg. Ich hörte und spürte nichts mehr. Und für mich war das gut so.

Ich hätte alles darum gegeben auch im wachen Zustand nichts mehr zu spüren.

 

Und genau deswegen spürte ich die Hand auch nicht, die mir wie ein sanfter Windhauch über die Wange strich.

Ich glaube ich hätte sie gerne gespürt um heraus zu finden ob ich dazu überhaupt noch in der Lage war. In der Lage so etwas wie Liebe zu spüren ohne das es mich umbrachte.

Aber in Wirklichkeit wollte ich diese Antwort gar nicht besitzen. Ich wollte allein sein. Normal sein und zur Schule gehen. Mir war es auch egal dass sie mich dann womöglich zum Militär gesteckt hätten. Hauptsache normal sein und alles wieder so haben wie vorher. Die Zeit zurück drehen.

 

Hätte man mich in diesem Moment gefragt was ich mir am meisten wünschte hätte ich geantwortet dass ich gern die Zeit zurück drehen würde. Bis zu dem Punkt an dem wir unseren Plattenvertrag unterschrieben hatten.

Ja, ich hatte es nur für Tom getan obwohl ich mir unsicher war. Aber Tom war mein Ein und Alles.

Er war meine Sonne, mein Mond und meine Sterne. Tom war für mich vergleichbar mit dem Universum.

 

Es gab nichts das so schön war wie er und auch nichts was mir so vertraut und gleichzeitig fremd war.

Es war eben Tom. Und es war auch gelogen das ich behauptet hatte nur der Band zuliebe alles durchzuhalten.

In Wirklichkeit machte ich das alles doch nur für ihn. Gustav und Georg waren mir in dieser Beziehung – so Leid es mir auch tat – scheißegal.

Tom aber nicht. Er war immerhin mein Zwilling. Mein Gegenstück das mich auffangen konnte. Was ich nicht zuließ.

 

Ich ließ ihn lieber in dem Glauben das mit mir alles in Ordnung war.

Und übermorgen spielten wir unser Konzert in Essen. Das konnte nichts werden. Klar, ich war Pessimist schlecht hin, aber ich hatte das im Gefühl. Denn ich hatte bald keine Kraft mehr. Wenn ich dieses Konzert geschafft hatte bedeutete das für mich erst mal Urlaub von einem Spießrutenlauf.

Ich hasste es.

 

Und das alles nur wegen der Musik. Was auch gelogen war. Die Musik lenkte mich genug ab um den wahren Grund zu verdrängen. Denn anders ging es nicht mehr.

Es machte mich verrückt. Und manchmal glaubte ich sogar dass es besser wäre mich in die Geschlossene einzuweisen. Wenn es sein musste tat ich das auch noch selbst.

Das hieß, wenn ich einen neuen und passablen Sänger gefunden hatte. Was noch ein paar Jahrzehnte dauern konnte, da ich dazu einfach keine Zeit hatte.

 

Ich liebte Tom.

Klar, das wusste jeder. Aber es wusste keiner dass ich ihn mehr liebte als ich sollte. Und das machte mich wahnsinnig. Den ganzen Tag praktisch auf ihm zu hängen und ihm nicht aus dem Weg gehen zu können machte mich irre. Aber ich wollte auch nicht weg von ihm.

Ich glaube man nannte das modernen Masochismus. Passte ja zu mir und meinem Aussehen.

Der Druck unseres Jobs verstärkte die ganze Scheiße nur noch und ich verfluchte mich immer öfter es Tom nicht gleich am Anfang gesagt zu haben. Aber die Angst das er mich hassen – oder noch schlimmer – ignorieren könnte, war einfach zu groß als das ich es ihm hätte sagen können.

 

Das Gefühl von Wärme kroch in mir hoch während ich mich wunderte woher es kam. Ich war es inzwischen gewohnt kalt zu Fremden zu sein und dass sich meine Seele anfühlte wie der Nordpol oder eben zu verbrennen drohte.

Diese angenehme Wärme war mir rätselhaft. Und genau das veranlasste mich dazu die Augen aufzuschlagen und mich irritiert umzusehen. Sprich, ich starrte die Wand an, an der mein Bett stand.

 

Die Wärme die ich gespürt hatte war hinter mir und auch ohne mich umzusehen konnte ich genau feststellen dass sie von Tom war.

Erstens wäre es niemandem sonst eingefallen sich einfach so mit in mein Bett zu quetschen und zweitens konnte nur er mich so dominant und doch gleichzeitig sanft umarmen.

Von daher bestand kein Zweifel das es mein Gegenstück war das mir die Wärme schenkte.

 

Leider Gottes war da immer noch die Sache mit dem verliebt sein das mich daran hinderte das alles zu genießen. Wäre ja auch noch schöner gewesen.

Meine Hand fand den Weg zu der von meinem Bruder die auf meinem Bauch lag und schob sie von mir runter.

Ich konnte das nicht haben. Diese Nähe machte mich verrückt. Und zwar im negativen Sinne. Ich bekam Panikzustände wenn mir einer zu nahe kam. Seit wann das so war wusste ich nicht mal mehr. Denn es interessierte mich nicht.

 

Unweigerlich musste ich an einen Song von den Ärzten denken. Lied vom Scheitern. Ich war gut in dem was ich tat, das wusste ich. Und seit mir alles egal war lobte David mich noch mehr als vorher da ich ja so eine Power ausstrahlte. Also vielleicht war man wirklich am besten wenn einem alles egal war.

Aber sollte mir Tom etwa auch egal sein, nur damit ich meine frühere Beziehung zu ihm hinbekam? Das konnte ich nicht.

Tom war mir nicht egal.

 

„Du bist wach?“ flüsterte es hinter mir und meine Augenbraue wanderte in die Höhe.

„Nein, ich bin schon tot“ gab ich vor Sarkasmus triefend von mir.

Was für ne blöde Frage war das denn? Allerdings bekam ich das Gefühl nicht los, dass Tom es eigentlich nur gut meinte mit seiner Fragerei.

Er machte sich Sorgen. Zumindest hatte ich das so im Gefühl.

 

An der Matratze erkannte ich dass Tom dabei war von mir weg zu rutschen. Anscheinend hatte ich so geantwortet wie ich es eigentlich nicht wollte.

Aber was sollte ich denn machen? Mich weiter quälen und hoffen das ich nicht irgendwann den Elan aufbrachte mich von der nächsten Brücke zu werfen?

Die Antwort war ja wohl klar. Natürlich würde ich mich weiter quälen, wenn ich Tom somit seine Sorgen nehmen konnte, tat ich alles.

 

Also drehte ich mich zu ihm um und schlang meinen Arm um ihn ehe ich meinen Kopf auf seine Schulter legte.

„Sorry“ nuschelte ich und kratze ein Lächeln zusammen.

„Bin einfach nur müde. Keine Ahnung warum“ nuschelte ich weiter und sah zu ihm hoch wo mir natürlich Unglaube entgegen schwappte.

Warum wusste ich zwar nicht aber ich ahnte es. Er war es einfach nicht mehr gewohnt mich so nah bei sich zu haben. Ich hatte mich unweigerlich distanziert, wollte das aber eigentlich gar nicht.

 

Und genau deswegen registrierte ich mit Wohlgefallen das er ebenfalls seine Arme um mich legte nachdem er sich zu mir gewandt hatte.

Gefiel mir doch schon besser. Wenigstens konnte ich so in meinen Tagträumen umher fliegen und ihnen dabei auch noch einen Hauch Realität vermitteln.

 

Tom fing automatisch an mir über den Rücken zu streichen und ich bekam sogar ein ehrliches Lächeln auf die Lippen während ich zu ihm hoch schielte.

„Na endlich“ grinste Tom mich an und ich sah ihn verwirrt an.

Wirklich verstanden was er gemeint hatte, hatte ich nicht.

„Ich dachte du kannst das nicht mehr“

Seine Stimme war leise und sein Zeigefinger stupste meinen Mundwinkel an was mein Lächeln zu einem Grinsen wachsen ließ.

 

Ich glaube es war gut dass Tom zu mir ins Zimmer gekommen war. Sonst hätte ich bestimmt nach dem Aufwachen das getan, was ich immer tat wenn es mir schlecht ging.

Meinem Körper Schmerzen zufügen. Egal wie, Hauptsache es tat weh. Das war für mich das einzige was zählte.

„Soll ich hier bleiben?“

Ein Nicken von mir folgte.

„Die ganze Nacht aber“ hängte ich hinten dran und erntete ein amüsiertes Glucksen von meinem Zwilling.

Ja, ja. Ich war anhänglich. Manchmal aber nur. Denn immer konnte ich das auch nicht haben. In der Hinsicht waren Tom und ich wieder absolut gleich. Wir konnten keine Klammeraffen außer uns selbst leiden.

Thats life.

 

 



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