reflections

Lovefool – Kapitel 1
Skihütten und Liebeskummer

 

 

 

 

Müde blickte ich auf die Piste und wünschte mir im Moment nichts sehnlicher als das einer dieser Skifahrer das Gleichgewicht verlieren und mit dem Kopf voran in einen Schneehaufen fahren würde wo er dann bitte stecken blieb. Ich brauchte nämlich ganz dringend was zum Lachen.

Und das hier auch niemand nur ansatzweise an seinem Bier erstickte half mir nicht gerade weiter. Die Menschheit heut zu Tage hatte einfach viel zu gute Manieren und die Mütter brachten ihren Kindern schon seit ein paar Jahrhunderten bei wie man trank ohne daran zu ersticken. Das war meiner Meinung nach einfach nur unfair, aber etwas dagegen tun konnte ich auch nicht.

 

Der Grund warum ich hier im Schwarzwald bei einer Skihütte saß war der, dass alle in Urlaub gefahren waren und ich nichts Besseres zu tun hatte als zu Hause Schimmelflecken zu bekommen. Und meiner Meinung nach wäre Strify nicht gerade begeistert darüber gewesen, da er bei Schimmelflecken entweder imaginären Ausschlag oder Ekelanfälle bekam.

Also blieb mir nichts anderes übrig als mich anderweitig zu beschäftigen. Da ich aber nicht wie Yu sexgeil war, waren die Möglichkeiten drastisch eingeschränkt. Also war ich halt zum Skifahren gefahren. Hier draußen fror man sich zwar die Eier ab aber so schlimm empfand ich das auch nicht. Was auch daran gelegen haben könnte das vor mir gerade eine Kellnerin gelaufen war die sich eben mal mitsamt den Bierkrügen auf die Schnauze gelegt hatte. Jetzt zu lachen erschien mir zwar boshaft aber ein Grinsen konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen. Und es tat mich nicht mal leid. Muha.

 

Mein Grinsen allein brachte mir zwar schon böse Blicke ein, aber dagegen war ich ja aufgrund meines Styles abgehärtet. Von daher juckte mich das auch nicht sonderlich.

Gerade als ich mir ein neues Weizen bestellen wollte klingelte ein Handy. Aufgrund der Blicke war ich mir sogar sicher dass es meins war und wühlte es umständlich aus meinem Skianzug ehe ich den Namen aufblinken sah und seufzte.

 

Sofakissen ruft an“

 

Der wollte mir bestimmt nen Vortrag halten warum ich zu Hause nicht zu erreichen war. Dann würde ich ihm aber was erzählen. Andererseits hatte ich mir das schon so oft vorgenommen und es dann doch immer wieder gelassen. Denn solche Wutausbrüche wollte ich auf keinen Fall gegen mich gerichtet haben.

 

„Strify verdammt! Du hast schon wieder meinen Klingelton geändert“ zischte ich ins Handy und bekam komischerweise keine schnippische Antwort.

Um genau zu sein bekam ich gar keine. Vielleicht war auch die Verbindung flöten gegangen. Als ich schon auflegen wollte hörte ich ein Schluchzen am anderen Ende und war natürlich sofort ganz Ohr. Denn wenn Strify heulte dann war es ernst. Ungefähr so ernst wie wenn Luminor auf einmal aufhören würde uns Frühstück zu machen und uns zu erzählen dass wir mehr Vitamine und Calcium bräuchten.

 

„Strify?“

„Sie hat mich verlasseeeeeeeeeeeeeeeeeeeen“ brüllte es aus dem Hörer den ich vor Schreck fast fallen gelassen hätte.

Okay, das war dann natürlich ernst.

Mir war klar dass mit Sie natürlich Natasha gemeint war. Hätte mich auch gewundert wenn nicht. Denn Strify war weiß Gott kein Typ der zweigleisig fuhr.

„Ähm….das ist ganz schlecht. Ich sitze hier nämlich auf ner Skihütte. Kannst du warten bis ich im Hotel bin?“

 

„Das ist mir klar das du nicht zu Hause bist du Zapfnase. Ich hock nämlich gerade in unserem Wohnzimmer. Wärst du da wäre mir das garantiert aufgefallen“ heulte er bockig ins Handy und ich seufzte.

Herrgott warum war ich jetzt eigentlich gestraft?

„Warum bist du nach Hause gefahren?“

„Weil ich dachte das du nichts vorhast und deswegen Schimmel ansetzt. Hättest mir auch sagen können das du nicht da bist“

„Warum bist du nicht zu einen von den anderen?“

„Yu ist zu nem Kumpel nach Wien gefahren um mit ihm zu ‚angeln’. Luminor ist mit seiner Mutter auf Hawaii und Shin besucht seine Oma auf dem Land die gerade mal ne Eieruhr hat.“

 

Okay, das war einleuchtend das dann leider nur noch ich übrig blieb. Aber ich war doch weiß Gott nicht sensibel genug um ihm dabei zu helfen. Außerdem war ich zu weit weg.

„Ah ja“

„Und deswegen wirst du sofort deinen Arsch hier her bewegen und mich gefälligst trösten“

„Und was wenn nicht?“

„Dann siehst du deinen Bass nie wieder“

„Gib mir 2 Stunden“

Das war das letzte was ich sagte ehe ich auflegte meine Ski schnappte und die Piste ins Tal runter sauste wie eine gesenkte Sau.

Im Hotel rannte ich mit diesen langen Teilen unterm Arm, dem Zimmerschlüssel im Mund und mit Skistiefeln an den Füßen die Treppen zu meinem Zimmer hoch – was mit diesen fuck Stiefeln sehr schwierig ging – und hopste fröhlich aus dem Anzug ehe ich meine normalen Klamotten anzog.

Das war doch weiß Gott ein schlechter Witz mich jetzt nach Hause zu holen. Zwar fror ich mir da nicht die Eier ab, aber das tat ich hier mit nem Liter Glühwein auch nicht.

 

Trotzdem kratzte ich den Rest meiner Solidarität zusammen und quetschte alles in meinen Koffer. Auch den Bademantel des Hotels. Da Strify die Dinger sammelte und es dem Hotel bestimmt nicht auffiel machte ich wenigstens und hoffentlich einen damit glücklich.

Mit Koffer und Skiern bewaffnet checkte ich aus und stopfte mehr gewaltsam als liebevoll alles in meinen heiß geliebten Peugeot Filu 207 ehe ich mich ans Steuer setzte, die Musik auf volle Pulle drehte und ordentlich Gas gab. Bis nach Berlin brauchte ich doch ne Weile.

Bei meinem Fahrstil allerdings doch nur geschätzte 2 Stunden. Es war halt sehr praktisch wenn man etwas mehr PS unterm Arsch hatte als man dem Auto von außen zutrauen würde.

 

Nachdem ich meine vier Reifen auf der Autobahn hatte wählte ich Luminors Nummer und wartete dass irgendeine Sau abnehmen würde. Was nach dem 47ten Mal klingeln auch geschah.

„Kiro? Was ist das du Klingelterror veranstaltest?“

„Wenn du weißt das ich es bin müsstest du das wissen und jetzt sieh zu das du deinen Hintern in den Flieger bewegst und nach Hause kommst“

„Warum hast du die Küche in die Luft gejagt, das Fenster zerworfen, dich ausgesperrt oder ist deine Familie zu Besuch?“

„Nichts von alledem“

Also bitte, der tat so als würde ich keine 2 Wochen alleine überleben können. Tat ich zwar auch nicht aber um das zuzugeben war mein Ego einfach zu groß. Ungefähr doppelt so groß wie meine Körpergröße.

 

„Dann stehen bestimmt Yu ganze Verflossenen vor der Tür“ gluckste es durch die Freisprecheinrichtung und ich fing das Lachen an.

Das wären dann sehr viele und ich bezweifelte auch das sie alle in den Hausflur gepasst hätten.

„Weder noch. Natasha hat Strify verlassen und ich bin auch grad auf dem Weg nach Hause weil er mir die Ohren zugeheult hat.“

„Wie kannst du auch wegfahren wenn er verlassen wurde?“

„Verdammt! Ich kann noch nicht hellsehen und als ich weggefahren bin war er noch nicht verlassen. Kann ich doch nicht wissen ey“

 

„Okay, ich schnapp mir morgen den nächsten Flieger und komm nach Hause“

Guuuuut.

„Und warum nicht heute?“

„Weil ich meiner Mutter versprochen hab sie mit diesem Jens von der Bar bekannt zu machen“

 

Nachdem ich aufgelegt hatte starrte ich aus der Scheibe und überholte zwei LKWs und einen Porsche.

Kam dem seine Mutter nicht alleine zurecht?

Auf den Schock brauchte ich erst mal eine Zigarette die ich mir unterm fahren anzündete und danach tief seufzte.

 

Genug gefangen rief ich die Auskunft an und verlangte nach der Nummer des Rathauses. Die erhalten rief ich dort an und richtete der überaus freundlichen und schleimigen Rezeptionistin aus sie solle doch bitte Shin folgendes per Eilbrief ausrichten.

 

„Schwing deinen Arsch nach Hause oder ich mach dich dafür verantwortlich wenn Streifenhörnchen sich vor Liebeskummer das Leben nimmt. Ich brauch was Sensibles hier. Herzlichste Grüße aus dem Kriegsgebiet! Kiro“

 

Das würde wirken. Manchmal fand ich es durchaus praktisch dass man unserem Kleinen so schnell ein schlechtes Gewissen einreden konnte und dafür noch nicht mal mit ihm reden musste. Das funktionierte schriftlich oder per Blick genauso gut. War vielleicht gemein aber der Zweck heiligte bekanntlich die Mittel.

 

Als letztes wählte ich die Nummer von Yu der erstaunlicher Weise ziemlich schnell dran war.

„Komm nach Hause. Strify braucht jede Ablenkung die er kriegen kann. Da tust dus auch“

„Geht nicht ich hab Monique versprochen mit ihr auf diesem Riesenrad zu fahren.

 

Irgendwann würde ich zum Massenmörder werden, das wusste ich jetzt schon.

„Komm nach Hause du notgeiles Viechgetier“

„Geht nicht hab ich schon gesagt.“

Andere Taktik.

„Wenn du nicht nach Hause kommst erzähl ich deiner Mutter was du letztes Jahr für Weiber hattest und das alle nur eine Affäre waren“

„An die kannst du dich doch eh nicht mehr erinnern.“

Smiiiiiiiile

„Stimmt, aber ich hab deinen Terminkalender vom letzten Jahr“

„Okay ich bin spätestens morgen früh da. Muss erst nen Zug finden“

„Brav“

„Arsch“

„Lieb dich auch“

 

Man konnte behaupten dass ich jetzt ein gutes Gewissen hatte. Allerdings bekam ich schon das Grauen wenn ich daran dachte dass ich als erster zu Hause sein würde und somit einen gestressten, heuligen und quengelnden Strify an der Backe hatte.

Irgendwas machte ich im Leben eindeutig falsch denn sonst müsste ich mir jetzt keine Gedanken darüber machen was denn nun sensibel war und was nicht.

 

Als ich in Berlin ankam hatte ich schon ein komisches Gefühl im Magen und wäre am liebsten wieder umgedreht. Leider Gottes konnte ich das nicht.

Sogar ich war sozial genug um Strify nicht allein in seinem Kummer zu lassen. Auch wenn ich nicht verstand warum es ihn so mitnahm. Aber wie gesagt war ich unsensibel und noch nie in meinem Leben eine Beziehung die länger als 4 Stunden gedauert hatte. Und die hatte ich auch nur im Suff und das ausgerechnet mit Yu.

Diesen Fehler möge man mir dann doch bitte verzeihen.

 

Ich parkte mein Baby vor dem Haus und schliff mich mit Koffer und Skiern in den 4. Stock da unser Aufzug anscheinend mal wieder das zeitliche gesegnet hatte. Ich hasste ihn dafür. Immer wenn man mehr zu tragen hatte funktionierte dieses scheiß Ding mal wieder nicht. Und langsam regte mich das auf. Kaum hatte ich den Schlüssel im Schloss und meinen Arsch in unserem Flur wurde ich schon von einem mit Kajal verschmiertem Gesicht begrüßt das eindeutig zu unserem süßen und Dauerlachenden Sänger gehörte.

Dieser warf sich mir auch gleich um den Hals wo ich natürlich doof wie ich bin das Gleichgewicht verlor und rückwärts umkippte.

 

Mein Rücken tat weh da sich meine Skier reinbohrten und mein Kopf hatte Bekanntschaft mit der Türklinke gemacht.

Und da sollte man noch einmal sagen ich war nicht sozial. Jeder andere hätte ihn dafür schon längst geschlagen.



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