reflections

Lovefool – Kapitel 3
Best Friends

 

 

 

 

 

„Warum können wir nicht bleiben?“

Hilfesuchend sah ich zu Strify der genauso dumm zurück guckte. In solchen Situationen wünschte ich mir so diplomatisch wie Luminor oder wenigstens so ein feiges Aas wie Yu zu sein. Obwohl….das mit Yu konnten wir getrost wieder streichen.

 

„Weil….“

Scheiße. Warum fiel mir eigentlich nie was ein wenn ich es dringend brauchen konnte? Das war doch einfach nur noch unfair.

„“Weil sie sich bestimmt nicht anstecken wollen“ gab Strify von sich und ich versuchte nicht die Frage los zu lassen, an was meine tolle Family sich anstecken konnte.

 

„Ach so eine Grippe macht uns doch nichts. Nicht wahr Mama?“

Ich hatte noch nie erlebt dass meine Eltern sich mit Namen angeredet hatten. Und wenn dann war das garantiert vor meiner Zeit. Um ehrlich zu sein war es verdammt peinlich wenn sie sich Mama oder Papa nannten. Das war ja immer noch mein Privileg oder das meiner verdorbenen Schwester die als Bürokauffrau arbeitete und ein Verhältnis mit ihrem Chef hatte. Natürlich musste ich auch noch versprechen unseren Alten nichts davon zu sagen. Und ich Arsch hielt mich auch noch dran.

 

„Ich hab keine Grippe“

Meine Augenbrauen wanderten in die Höhe und ich war sehr gespannt darauf was nun kommen würde.

„Ich hab mich vor einiger Zeit mit HIV angesteckt und das wollen sie nicht“ sprachs und fuchtelte mit dem Finger vor der Nase meiner Eltern rum wo sich anscheinend ein Schnitt befand.

Meine Eltern machten einen Satz rückwärts und ich musste aufpassen dass ich nicht das Lachen anfing.

 

„Ich glaube wir sollten Elfi besuchen. Junge du kommst mit“

„Nur über meine Leiche“

Elfi war eine Tante von mir die mir mit Vorliebe die Wangen in die Länge zog und darauf ihren ekligen, roten Lippenstift hinterließ den ich wieder stundenlang nicht abbekam.

Außerdem war sie der Meinung dass ich perfekt zu der Tochter ihrer Nachbarin passen würde die Mathe studierte und aussah als hätte sie ein blinder Mönch angezogen. Und darauf konnte ich getrost verzichten wenn ich das mal so sagen durfte.

 

Ich fand es wahnsinnig faszinierend wie schnell meine Eltern ihre Sachen packten und zur Tür hechteten.

„Uns besuchst du erst nach nem Test wieder. Wer weiß was du mit dem Typen treibst?“

„Hemmungslosen, wilden Sex. Das treib ich“

Schön wär’s gewesen ey. Ich war sexlos, beziehungsunfähig und würde es auch immer bleiben.

Nachdem meine Eltern aus meinem Sichtfeld verschwunden waren ging ich zurück ins Wohnzimmer und lehnte mich an den Türrahmen.

 

„Strify! Über HIV macht man keine Witze. Andererseits ist das diesmal gerechtfertigt. Aber mach den Scheiß nie wieder ne?“

Er nickte nur und grinste mich an. Wie er auf die Idee gekommen war, war mir sowieso ein Rätsel und irgendwie wollte ich das auch gar nicht wirklich wissen.

„Was haben sie noch gesagt?“

„Sie sind jetzt der Meinung ich steig mit dir ins Bett“ gab ich todernst von mir und das Sofakissen fing das Lachen an. Was auch gerechtfertigt war.

 

„Was würdest du eigentlich machen wenn ich wirklich HIV hätte?“

Die Frage warf mich dann doch aus der Bahn und ich setzte mich neben ihn aufs Sofa wo ich die Sektflasche anstarrte. Eigentlich war das eine gute Frage.

„Ich denke ich würde trotzdem mit dir befreundet bleiben. Is ja egal. Deswegen änderst du dich ja nicht“

Was allerdings wahr war. Okay, ich müsste mehr aufpassen, aber das war mir eigentlich relativ egal. Wie gesagt, ich hatte einen Hang zu Strify. Man konnte mich auch getrost als Bodyguard bezeichnen.

 

„Du bist gestört. Und was wäre wenn ich dich anstecken würde?“

„Ich weiß dass ich gestört bin und bin stolz darauf. Und wenn du mich anstecken würdest könnte ich eh keinen damit anstecken, weil ich so was wie ein Sexleben im Gegensatz zu Yu nicht besitze“

 

Eine Weile schwiegen wir und brachen dann in Gelächter aus.

Wir waren eindeutig nicht mehr ganz dicht.

„Das Hirn von Yu liegt ja auch weiter unten“ feixte Strify und ich nickte grinsend ehe ich aufstand und in der Küche verschwand.

Zurück kam ich mit einer zweiten Flasche Sekt die ich auf dem Tisch abstellte.

 

Ich hatte keine Ahnung wie lang wir noch rum saßen, scheiße quatschten und Sekt tranken. Auf jeden Fall war es dunkel draußen und ich glaube es war auch etwas später.

„Und die Anderen kommen wirklich? Wie hast du Yu dazu gekriegt?“

„Ihm angedroht seiner Mutter seine Verflossenen vom letzten Jahr aufzuzählen“

Strify lag lachend auf dem Sofa und ich zuckte nur mit den Schultern ehe ich mir eine Zigarette ansteckte. Hatte immerhin schon lange keine mehr und irgendwie musste ich ja meine Sucht befriedigen.

 

Als das Telefon klingelte rannte ich raus in den Flur und stellte fest…dass es nicht auf der Ladestation stand.

„Strify wo is das Hallofon?“

„In meinem Zimmer“

 

So hechtete Klein-Kiro – also ich – in Strifys Zimmer und krachte erst mal über einen Koffer. Wer auch immer behauptete Strify wäre ordentlich gehörte erschlagen. Ich erschlug mich auch jedes Mal wenn ich sein Zimmer betrat.

Das Telefon lag auf dem Bett und ich grabschte danach ehe ich abnahm und den Hörer an mein Ohr presste.

„Kiro?“

….

….

….

„Shin, was ne Überraschung. Ich dachte deine Oma hätte kein Telefon?“

„Hat sie auch nicht. Ich steh im Nachbardorf in ner Telefonzelle und es regnet“

Okay, das war böse. Hatten die in dem Kaff nicht mal ne Telefonzelle oder was? Armer Shin. Aber was fuhr er da auch hin? Das war ja die reinste Folter. Zumindest für mich.

„Ich hab deine Nachricht gekriegt. Wie geht’s ihm?“

„Er betrinkt sich gerade und lacht wie ein Bekloppter“

 

Am anderen Ende der Leitung rauschte es kurz und ich stand auf um mal nach unserem Blondie zu sehen.

„Also ich komm hier nicht weg. Hier fährt kein Bus hab ich festgestellt“

„Und wie bist du hin gekommen“

„Mit nem Taxi“

Lasst mich raten. Es gab dort keine Taxis?

„Kannst du mich vielleicht abholen?“

„Wenn du mir sagst wo ich hin muss?“

„Bis nach München runter und dann einfach Richtung Weilheim abbiegen du findest das dann schon“

 

Ich war einverstanden und verklickerte ihm das ich nicht so lange brauchen würde. Bei meiner Fahrweise war das auch nicht wirklich ein Wunder. Die andere Frage war was zur Hölle ich mit unserem Sänger machen sollte der gerade auf dem Boden rumrollte.

 

„Strify? Wir fahren Shin abholen“ gab ich deswegen von mir und ging vor ihm in die Hocke.

Das hätte ich übrigens nicht tun sollen, denn schon hing er mir am Hals.

„Okay“

„Ja, lass mich los“

„Mhm“

Er tat es sogar wirklich – was mich wunderte  aber nicht störte – und schaffte es sogar aufzustehen.

Vielleicht war er auch gar nicht so besoffen sondern litt einfach noch unter Natasha. Das erschien mir als logisch.

 

„Willst du jetzt noch fahren? Du hast doch auch was getrunken“

„Ja, aber nicht ne ganze Flasche. Viel haste mir eh nicht übrig gelassen“ grinste ich und Strify bekam den Rotton den ich so an ihm liebte. Er sah aus wie ne Ampel.

„Muss mich noch stylen“

„Shin wird es verkraften dich so zu sehen. Er sieht dich jeden Morgen so“

Das leuchtete anscheinend sogar der Sofakissenampel ein und er ging mit mir brav nach unten wo ich ihn auf dem Beifahrersitz meines Autos bugsierte und anschnallte.

 

Nachdem ich an meinem Platz saß wühlte ich unter dem Sitz herum bis ich eine braune Papiertüte zu Tage beförderte.

„Wenn du kotzen musst bitte da rein und nicht auf meine Sitze“ gab ich grinsend von mir und drückte Strify die Tüte in die Hand.

Kotztüten hatte ich immer dabei. Komischerweise wurde es immer allen Leuten schlecht die mit mir fuhren. Und um ehrlich zu sein konnte ich mir das nicht im Geringsten erklären.

Genauso wenig wie warum ich immer noch meinen Führerschein hatte.

 

Die erste halbe Stunde Fahrt verlief ruhig. Keiner von uns sagte einen Pieps und es dröhnte The Gazette mit „Filth in the Beauty“ durch die Boxen.

„Natasha war aber schon süß“

Auf diesen Satz hatte ich den ganzen Abend gewartet. Warum er ausgerechnet jetzt kam wo ich nicht weglaufen konnte fragte ich mich wirklich. Irgendwas machte ich anscheinend echt falsch im Leben.

 

Ich sagte auch nichts darauf. Denn noch weniger Lust wie auf dieses kommende Gespräch hatte ich darauf, mich mit Strify zu streiten. Auch wenn er immer derjenige war der sich zuerst entschuldigte. Es ging ums Prinzip.

 

„Allerdings nicht so süß“ sprachs und meine Augenbrauen wanderten nach oben.

„Wie wer“

„Och, nich so wichtig“ grinste er und ich hatte das Gefühl gerade ganz dezent verarscht zu werden.

„Sag schon“

„Sie war eifersüchtig“

 

Okay, auf was bitteschön? Streifchen war nun wirklich nicht der Typ der anderen Weibern hinterher schaute, sich Pornohefte reinzog oder sonst irgendetwas in der Richtung.

„Sie hat gemeint du machst dich an mich ran“

„HAT DIE SIE NOCH ALLE?“ kreischte ich und Strify fing das lachen an.

Ich fand das ja weniger witzig.

„Das hab ich sie auch gefragt.“

Wenigstens waren wir da einer Meinung. Mir war noch nie aufgefallen das ich mich an Strify ran gemacht hätte. Und man konnte mir in diesem Fall glauben. Das wäre mir aufgefallen.

 

Eigentlich wollte ich gerade was sagen aber da klingelte sein Handy und der Depp nahm auch noch ab. Allerdings hätte ich wirklich gelacht wenn das jetzt auch noch seine Eltern gewesen wären.

An seinem Gesichtsausdruck erkannte ich allerdings dass es besagte Tussi sein musste.

Ich wollte ja nicht behaupten ich hätte ihn nicht vor ihr gewarnt aber…ich hatte ihn gewarnt.

Man konnte mir also weiß Gott keinen Strick daraus drehen das er meinen guten Rat missachtet hatte.

Das lag zum Großteil wahrscheinlich daran das ich ebenfalls null auf ihn hörte. Ich war halt einfach stur und das würde sich in den nächsten Jahrhunderten nicht ändern. Obwohl ich stark annahm das ich eh keine Dreißig werden würde, da ich vorher an Lungenkrebs krepierte.

 

„Moah du Wichser!“ keifte ich los als mir ein LKW auf der Autobahn einfach vor die Schnauze fuhr ohne zu blinken.

Ich hatte wirklich nichts gegen einen rasanten Fahrstil, aber das war ja nur noch scheiße. Vor allem wenn der hier einfach so mit 120km/h vor sich hin kroch. Jede Schildkröte hätte den überholt. Sogar Luminor.

Ich hasste es allgemein wenn jemand so langsam fuhr. Das war auch meine Ausrede in der Schule gewesen: „Sorry, aber diese Schwachmatten vor mir sind nur 100 gefahren“

Die Ausrede entsprach auch meistens der Wahrheit.

 

Ich entschied mich trotz starkem Regen der gerade angefangen hatte auf der rechten Spur zu überholen – was man eigentlich nicht tun sollte, ich rate davon ab – und schaffte es auch noch gerade so vor dem LKW rüber zu ziehen das ich nicht in diesen scheiß BMW krachte der auf der rechten fuhr.

600 PS unterm Arsch haben aber das Gaspedal nicht finden, das hatte ich ja gerne.

 

Strify legte auf und warf das Handy auf den Rücksitz.

Ich wollte gerade fragen was los war aber da hatte ich seinen Kopf auch schon auf meiner Schulter und seinen Kajal wahrscheinlich gerade in meiner weißen Jacke.

„Was ist?“

„Sie sagt sie holt nächste Woche ihre Sachen ab“ schluchzte es und ich bekam mitleid weswegen ich meine Finger mit denen von unserem Sänger verhackte und sie wieder auf die Schaltung legte.

„Das wird schon“

„Hab dich lieb“

 

Okay, ich brauchte einen Termin beim Ohrenarzt. Ich hatte ja schon voll die Hallus. Oder aber in den Zigaretten war was drin. Vielleicht waren das ja gar keine Zigaretten sondern irgendwas anderes zum Rauchen und mir war’s einfach noch nicht aufgefallen.

„Geht’s dir gut?“

„Du bist mein bester Freund“

Ich gebs zu. Das war mir definitiv noch nicht aufgefallen. Und ich dachte man merkt so was.



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