reflections

It’s Showtime – Kapitel 1
Handynummernaustausch

 

 

 

 

 

 

Es fing eigentlich alles damit an das meine Mutter den genialen Einfall hatte umzuziehen. Von einem Kuhdorf in die große Stadt. Und diese natürlich möglichst weit weg. München war meiner Meinung nach zwar nicht weit weg genug wenn man bestimmten Familienmitgliedern aus dem Weg gehen wollte, aber immerhin weit weg genug um nicht mehr denselben Kühen über den Weg zu rennen. Ich empfand es als positiv.

 

Seit unserem Umzug war nun schon ein gutes Jahr vergangen und ich wagte zu behaupten dass ich mich relativ gut eingelebt hatte. Die Schule war toll und ich würde in diesem Sommer das Fachabitur machen. Was für mich hieß endlich nicht mehr sinnlos aber dekorativ auf einem Stuhl sitzen und einem alten Menschen beim Reden zuhören.

 

Das einzige Problem das sich mir in den Weg stellte die letzten Monate sorgenfrei auf meinen Abschluss hinzuarbeiten war diese verdammte Person, die sich meine Mutter schimpfte und es unheimlich toll fand mich mit dem Sohn der Nachbarin – die ihre neue beste Freundin darstellte – verkuppeln zu wollen.

Meine Mutter fand Schwule allgemein ganz toll und hätte natürlich am liebsten auch noch einen schwulen Sohn dazu gehabt. Patrick war schwul soweit ich das mitbekommen hatte, auch wenn er nicht so aussah.

Ich hatte auch nichts gegen Schwule, aber ich musste nicht unbedingt selbst einer sein. Zumindest hatte ich das nicht vor.

 

Außerdem hatte ich gar keine Zeit mich mit Patrick auseinander zu setzen. Denn ich war nebenbei auch noch mit den Proben für das Theaterstück beschäftigt das zur Abschlussfeier aufgeführt wurde. Und nein, ich spielte darin keine Rolle. Ich hatte nur die ehrenvolle Aufgabe mich um die Kostüme zu kümmern. Was an sich schon ein Problem darstellte, da meine Vorstellung von angemessener Kleidung nicht die des Theatergruppenleiters entsprach. Vor allem nicht bei einem Stück wie Romeo und Julia. Warum jeder dieses verdammte Stück aufführte war mir sowieso ein Rätsel.

Ich hatte also wirklich keine Zeit mich mit Patrick auseinander zu setzen.

Vor allem nicht da ich gerade ein ganz anderes Problem hatte.

 

„Mir tun die Füße weh verdammt. Ich brauch eigene hochhackige Schuhe, die von meiner Mutter sind mir eindeutig zu klein“ jammerte Franzi herum die vor mir auf dem Fußboden saß und verzweifelt versuchte ihre Schuhe von den Füßen zu bekommen.

 

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun? Mit dir Schuhe kaufen gehen?“

Man musste dazu erwähnen da ich mich äußerst ungern in der Damenabteilung in Sachen Schuhe herumtrieb. Nicht das mich das sonst gestört hätte aber die Verkäuferin die dort arbeitete war leider Gottes meine Nachbarin von unterhalb. Und die musste nicht alles von mir wissen. Vor allem da es in dieser Hinsicht nichts zu wissen gab.

 

„Genau das. Und hilf mir endlich diese Dinger loszuwerden“

Franzi war meine beste Freundin hier in München. Sie kam, sie sah mich und sie wich nicht mehr von meiner Seite.

Bis heute habe ich keine Ahnung warum das eigentlich so ist.

 

Mein Los bestand jetzt darin mich zu ihr auf den Boden zu hocken und an den Schuhen zu ziehen die sich mit einem –plopp-. von ihren Füßen lösten.

Gott sei Dank, noch länger hätte ich dieses Gejammer wahrscheinlich auch nicht überlebt.

Denn im Jammern war sie wirklich gut. Sogar noch besser als meine Mutter wenn sie mit ihrer Schuldtour ankam.

In diesem Zustand gab sie sich die Schuld an allem. Vom ersten Weltkrieg angefangen bis hin zur Hungersnot in der dritten Welt.

Meine Aufgabe bestand dann darin, ihr zu versichern dass nichts ihre Schuld war und dass ich mit keinem auf der Welt tauschen wollte. Was zwar nicht ganz stimmte, aber immerhin seinen Zweck erfüllte.

 

„Okay, wir gehen Schuhe kaufen nachdem ich zu Hause war und meiner Mutter mal wieder versichert habe das ich schon groß bin und auf mich selbst aufpassen kann“ gab ich mich dann einfach geschlagen was Franzi einen komischen Laut entlockte den mein Gehirn als positiv abstempelte.

 

Kaum hatte ich meinen Hintern in der Haustür wurde ich auch schon von meiner Mutter begrüßt die komischerweise nicht in ihrer Schuldphase steckte. Was für mich schon bedeutete dass irgendwas anderes im Busch war. Kaum im Wohnzimmer angekommen wusste ich auch genau was es war. Bettina und Patrick. Warum ich nicht schon im Flur auf die Idee kam war mir schleierhaft. Normalerweise waren die Anzeichen nicht zu übersehen. Von den Schuhen ganz zu schweigen die im Flur dekorativ rum standen. Ich Trottel.

 

Natürlich wurde ich sofort auf den freien Sofaplatz neben Patrick gequetscht und sah bestimmt total begeistert aus. Ungefähr so begeistert wie wenn vor deinen Augen dein Auto abgeschleppt wird.

Zu allem Überfluss meines Daseins wurde mir auch noch ein Teddy mit einem roten Lätzchen vor die Nase gehalten auf dem ‚Ich mag dich’ stand.

 

Ich nahm den Teddy entgegen vermied es allerdings Patrick in die Augen zu sehen um dort von Fragezeichen überschwemmt zu werden.

Magst du den Teddy?

Magst du, dass auf dem Teddy ‚Ich mag dich’ steht?

Magst du mich, weil du den Teddy magst, weil auf dem ‚Ich mag dich’ steht?

 

Nein! Und wenn du mich mit Teddybären zuschmeißen würdest wie eine Horde Fans die Bühne eines Boygroup-Konzertes, würde ich dich immer noch nicht mögen!

 

Was für Signale sollte ich denn noch aussenden? War es nicht genug, dass ich mich verleugnen ließ, wenn er anrief? Das ich es eilig hatte, wenn wir uns zufällig auf der Straße begegneten? Dass ich Brechdurchfall vortäuschte, wenn wir bei Patricks Eltern zum Kaffee eingeladen waren? Musste ich vor seinen Augen ein Messer zücken und es dem Teddy in den Bauch rammen? In den kratzigen Bauch! Nicht mal den Schubbertest musste ich machen, um zu erkennen, dass dieser Teddy kratzt.

 

„Ach Patrick da fällt mir ein. Herzlichen Glückwunsch zum Präsidententitel im Debattierclub“ lächelte meine Mutter ihren Schwiegersohn-Wunschkandidaten an und mir kam fast das Kotzen.

„Ich finde es so toll wenn sich junge Menschen für Probleme interessieren“

 

Und ich fand es wirklich gut, wenn Mütter die Augen aufsperrten, um zu erkennen, dass das Opfer ihrer Kupplungsversuche einen Seitenscheitel hatte. Dass es karierte Hemden trug, die es in die Hose steckte deren Bund sich unmittelbar unter seinen Achseln befand. Dass es die Spaghetti in mundgerechte Häppchen schnitt, statt sie sich wie jeder normale Mensch um die Gabel zu wickeln. Und vor allem das es keine Ahnung hatte wie sehr ich es hasste.

 

Während Patrick von seinem Club erzählte langweilte ich mich zu Tode und war mir eigentlich relativ sicher das man die Schimmelflecken in meinem Gesicht sehen konnte die ich während der letzten Minuten angesetzt hatte.

Meine Mutter schickte mir immer wieder tödliche Blicke die ich gekonnt mit gelangweilten parierte.

 

„Kiro hast du heute Nachmittag schon was vor?“ wurde ich auf einmal von links angesprochen und überlegte fieberhaft was für eine Ausrede ich noch nicht gehabt hatte bis mir einfiel das ich heute gar keine brauchte.

 

„Schuhe kaufen! Mit Franzi! Tschüss!“

Damit war ich auch schon aufgesprungen und hatte förmlich fluchtartig die Wohnung verlassen um mich auf den Weg zu meiner Lebensretterin zu machen.

Das wenigste worauf ich in meinem Leben Lust hatte war mit Patrick über etwas zu diskutieren wovon er sowieso null Ahnung hatte. Mein Make up!

 

Eigentlich wollte ich Franzi ja zu Hause abholen aber das Problem hatte sich erledigt als ich sie schon am Schaufenster des Schuhgeschäfts kleben sah und sie von hinten antupfte, was sie dazu veranlasste quietschend rumzuspringen.

Nachdem sie allerdings meinen Gesichtsaudruck gesehen hatte hob sie nur eine Augenbraue und grinste.

„Das alte Problem?“

Natürlich wusste sie von den vergeblichen Versuchen meiner Mutter. Immerhin war sie oft genug live dabei gewesen um diese peinlichen Szenen genau zu kennen.

Mein Nicken brachte ihr die Bestätigung ein ehe sie eine ernste Mine aufsetzte.

 

„Aber nun zu meinem Problem. Ich muss Strify bei der Aufführung federleicht in die Arme springen können“

Dass ihr Blick dem von Herzchen glich musste ich nicht wirklich erwähnen. Das Franzi auf Strify stand wusste und bemerkte jeder. Jeder außer eben dem angebeteten Objekt. Das lustige an Strify war meiner Meinung nach die Tatsache dass er gar nicht wusste wie gut er eigentlich aussah und die Weiber somit dazu brachte ihn noch geiler zu finden.

Und sogar ich durfte behaupten dass er gut aussah. Immerhin sah ich ihn täglich und das nicht nur bei den Proben. Der gute Junge war zu allem Überfluss auch noch mein Banknachbar was mir nicht wirklich weiterhalf wenn ich Franzi die Ausrede auftischen wollte das ich ihn eh fast nie sah.

 

„Ich will dir ja jetzt nicht deine Illusionen rauben, aber du stirbst in dem Stück“ gab ich deswegen nur trocken von mir und verdrehte die Augen während ich mich in den Laden schleifen ließ.

„Na und Strify – also Romeo – stirbt doch auch. Wir sterben zusammen mit unserer Liebe im Herzen“ philosophierte sie vor sich hin während sie sich das erste paar Pumps schnappte und diese anprobierte.

Meine Nerven lagen wegen diesem Typen eh schon blank. Ich mochte ihn echt gerne, er war gut drauf und so. Aber wenn man von seiner besten Freundin die ganze Zeit nur über ihn zugeschwatzt wurde dann fragte man sich wirklich ob man ihn noch leiden wollte.

 

„Was sagst du zu denen?“

Mein Blick wanderte zu Franzis Füßen und ich hob eine Augenbraue.

„Vergiss es. Diese komischen Punkte passen null zu deinem Bühnenoutfit“ murrte ich dann nur und ließ mich auf den Hocker sinken der da so dümmlich rum stand. Dafür konnte man dieses undekorative Ding wenigstens gebrauchen.

 

Nach endlosen vierzig Minuten in einem Geschäft voller Kartons, einer Freundin die das Theaterstück ach so toll fand und mich zusülzte während sie Schuhe anprobierte und mit den Blicken der Verkäuferinnen im Nacken war meine Geduld vorbei. Zwar nicht endgültig aber nahe dran.

„Weißt du was? Ich warte draußen und rauch eine“ war mein Kommentar ehe ich mich erhob und meinen Arsch Richtung Ausgang bewegte.

Franzis ‚Du Süchtling’ kommentierte ich nur mit gehobenem Mittelfinger und lehnte mich dann draußen an die Mauer wo ich mir genüsslich eine Kippe ansteckte.

 

„Kiro, na endlich“

Mein Kopf hob sich wieder und ich blickte in alle Richtungen ehe ich die Stirn runzelte. Hatte ich neuerdings schon Hallus oder so was ähnliches? Das war eindeutig nicht mehr gesund. Kam aber eindeutig von der psychischen Folter die ich tagtäglich über mich ergehen lassen musste.

 

„Vor deiner Nase du Schlaubi“ prustete es dann und ich blickte geradeaus wo ich kurz davor war einen Schrei loszulassen.

Da stand das Objekt von Franzis Begierde in einem pinken Shirt und grinste mich an als wäre ich bekloppt dekorativ vor einem Schuhgeschäft zu stehen.

 

„Strify?“

„Ja?“

„Du trägst pink!“

„Ich weiß, ich finde das steht mir“

 

Dazu sagte ich jetzt lieber nichts. Mir wäre wahrscheinlich nur die Wahrheit herausgerutscht. Ja verdammt, es stand ihm. Und schwul war ich heute schon genug. Also konnte ich das jetzt getrost bleiben lassen.

„Deine Mutter hat gesagt dass ich dich bestimmt hier finde“

Meine Mutter? Achso…okay, Moment mal, das würde ja heißen….

„Du warst bei mir zu Hause?“

„Ja und ein komischer Typ mit Hemd hat mir aufgemacht. Dein Bruder?“

„Um Gottes Willen, nein“

 

Strify smilte nur und legte dann seinen Kopf schief wobei ihm einige seiner blonden Strähnen ins Gesicht rutschten.

„Ich wollte eigentlich fragen ob du so frei wärst mein Leben zu retten“

Oh Gott, darin war ich ganz schlecht. Leben zerstören ja, aber Leben retten…das ging über meine Fähigkeiten.

„Ich brauch Nachhilfe in Mathe.“

„Okay“

Im nächsten Moment wanderte allerdings meine Hand mit ziemlicher Wucht gegen meine Stirn.

 

„Sag das ja nicht Franzi“ murrte ich dann nur und seufzte.

Ich sagte Franzi wirklich alles. Aber das musste ich mir nicht antun. Ich hätte keine ruhige Minute mehr und darauf konnte ich getrost verzichten.

Mein Gesprächspartner wusste wahrscheinlich nicht worum es ging – ich war mir sogar sehr sicher – aber er nickte nur und drehte sich dann zum gehen um ehe er sich doch wieder zu mir drehte.

 

„Deine Handynummer“

„Was?“

„Ich muss dich doch kontaktieren wann es dir passt“

 

Ach ja, da war noch was gewesen.

Also tauschten wir Handynummern aus, was ich sowieso schon skurril fand, da es einfach Strify war. Ich saß neben ihm, aber mehr auch nicht.

Als er gegangen war fiel mir erst ein was ich ihn hätte fragen sollen. Woher wusste er wo ich wohnte? Das war meiner Meinung nach gruselig.

 

Kurze Zeit später traf Franzi neben mir ein und begutachtete mich von allen Seiten.

„War was während ich drin war?“

Ich schüttelte hektisch den Kopf und grinste dann schief.

„Nur son komischer Typ der meine Handynummer haben wollte“

Was ja auch fast der Wahrheit entsprach. Nur das ich am liebsten nicht erwähnte wen genau ich meinte.



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