reflections

Will you merry me? – Kapitel 1
Eine Fiatfahrt ist lustig, eine Fiatfahrt ist schön…

 

 

 

 

 

“Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage! Hach ist das nicht toll?“

Ja mir wurde auch gleich schlecht.

Mein Name ist übrigens Kiro und ich bin Bassist bei Cinema Bizarre. Aber dieser Tag gehörte eindeutig zu den schrecklichsten in meinem ganzen bisherigen Leben.

Man musste sich folgende Szene vorstellen.

 

Ich saß auf dem Rücksitz von Luminors Fiat Punto – ich hasse Fiat diese kleinen funzligen Teile – eingequetscht zwischen Scheibe und Strify.

Besagter hatte sich dazu entschlossen zur Feier des Tages Märchen vorzulesen. Da Yu rechts von ihm selig schlief und mit dem Kopf jedes Mal gegen seine Scheibe donnerte wenn wir über was huckliges fuhren, Shin auf den Beifahrersitz saß und lieber Musik hörte und aus dem Fenster glotzte und Luminor Strify sowieso nicht zuhörte, blieb also nur noch ich übrig den er quälen konnte.

 

Er tat das öfter aber unter normalen Umständen hätte ich mich vom Acker machen können. Dummerweise gab es hier hinten keine Türen. Das war so ein verdammtes Auto wo man die Vordersitze vorschieben musste um wieder lebend raus zu kommen und somit konnte ich auch nicht flüchten. Was mich irre machte.

Strify hatte mir gerade Schneewittchen vorgelesen und ich hatte den wunderbaren und unaufhörlichen Drang ihm dieses beschissene Märchenbuch in den Hals zu schieben auf das er daran erstickte. Leider bekam er die Fresse nich so weit auf. Schön wär es gewesen.

 

„Luminor tu endlich was sonst brüll ich das Auto zusammen“ gab ich jammernd von mir und Luminor sah mich strafend durch den Rückspiegel an.

„Sei lieb zu ihm. Er ist doch gerade erst von zu Hause ausgezogen und muss sich daran gewöhnen keinen verrückten Vater mehr um sich zu haben“

„Ja und wenn er so weiter macht setz ich ihn genau da wieder aus“

„Kiro!“

 

Okay, den verbalen Kampf hatte ich eindeutig verloren. Luminor hielt sich nicht nur für den Bandältesten – was er auch war – sondern auch für meine Mutter – was er Gott sei Dank nicht war – aber er kam sehr nah dran. Dieses Godzilla ähnliche Verhalten machte mir manchmal sogar Angst. Fehlten nur noch die pinken Lockenwickler in seinen Haaren und meine Mutter hätte einen Doppelgänger.

 

„Soll ich dir Aschenputtel vorlesen?“

„Nein“

„Rotkäppchen?“

„Nein“

„Was willst du denn dann?“

„Der Wolf und die sieben Geislein“

 

Da konnte ich mir wenigstens vorstellen wie jemand ausgeweidet wurde. Was hätte ich für einen Horrorfilm gegeben. Die Band für einen Horrorfilm. Leider konnte ich die nicht verschenken. Damit die jemand nahm hätte ich was zahlen müssen und dafür war ich einfach zu Geldgeil. Thats life.

 

Wer sich jetzt fragt warum wir verdammt noch mal in einem Fiat saßen – den Luminor fuhr wie ein Rentner – und ich mir Märchen vorlesen lassen musste sollte vielleicht netterweise eine Antwort bekommen.

Der Grund war ganz einfach und besaß sogar einen Namen.

Eric.

Unser Manager. Dieser dumme Sack musste natürlich ausgerechnet heute heiraten wo mein heiß geliebter BMW in der Werkstatt auf neue Reifen wartete. Ich hasste ihn dafür. Hätte er nicht nen anderen Termin nehmen können?

Andererseits war ich heute Morgen um 5 Uhr als ich aufgestanden war auch schon kurz davor gewesen die Werkstatt meines Vertrauens in die Luft zu jagen weil die meine Reifen einfach nicht her bekamen. Schwachmaten.

 

Natürlich konnte Eric seine fuck Hochzeit nicht in Berlin abhalten. Neiiiin wo kämen wir denn da hin? Es musste natürlich gleich Gersthofen sein. Das lag ja auch so nah dran. Gersthofen war ein Kaff bei Augsburg wo keiner von uns einen Schimmer hatte wie man da hinkam. Und so kam es natürlich das wir uns total verfahren hatten und irgendwo in Augsburg festsaßen. So was nannte ich mal einen ordentlichen Stau.

 

Und als ob das nicht schon alles gewesen wäre durften wir noch nicht mal in unseren normalen Klamotten da antanzen. Nein, wir mussten Anzüge tragen. Aber anscheinend war ich der einzige dessen Lungenkapazität in diesem Scheißteil nachließ. So was nennt man ne gesunde Raucherlunge.

Meiner Meinung nach ging mir Strify auch nur deswegen so auf die Eier, weil er somit nicht an seine Luftzufuhr denken musste. Und das wiederum brachte mich dazu ihm zu verzeihen. Er konnte ja nichts dafür das er Blond und blöd war.

War ein Witz.

Wenigstens durften wir unser Make-up und die Haare so lassen wie wir sie nun mal hatten. Ich hätte auch keinen Bock gehabt da ungestylt hinzutuckern.

 

„Bist du dir eigentlich sicher das du weißt wo wir sind?“ fragte ich nach vorne und es kam ein Killerblick durch den ach so tollen Rückspiegel – an dem ein Herzchen baumelte – zurück.

„Natürlich“

Ich wusste bis zu diesen Zeitpunkt noch nicht mal das Luminor so was wie männliche Züge in Sachen Autofahren besaß. Kein Mann würde freiwillig zugeben das er sich verfahren hatte geschweige denn nach dem Weg fragen. Erstaunlich!

 

„Wetten er weiß es nicht?“ nuschelte es neben mir und ich registrierte voller Erleichterung das Strify dieses grauenhafte Märchenbuch wegpackte.

Mein Problem das sich jetzt auftat war folgendes: Wenn Strify mir jetzt nichts mehr vorlas worüber ich mich hätte aufregen können dann wurde ich müde. Daraus folgte das ich total verpennt und nicht mehr wirklich gut aussehend bei der Hochzeit ankam.

Das heißt sollten wir da überhaupt noch hinkommen und nicht erst in der Nacht diese scheiß Kirche finden.

Und davor hatte ich wirklich Angst. Wenn etwas schlimmer war als ein tollwütiger Sänger der Gläser an die Wand pfiff, dann war es ein wütender Manager der tobte wie Rumpelstilzchen auf Crackentzug.

 

„Natürlich weiß er es nicht. Das ist typisch Mann. Hauptsache nicht nach dem Weg fragen“ maulte ich los und strich mir eine meiner blonden Haarsträhnen aus der Visage.

„Weil du nach dem Weg fragen würdest“

„Natürlich würde ich nicht. Brauch ich auch nicht. Dafür hab ich nen Navigationssystem“

 

War ja auch so. Das war die beste Erfindung nach Nikotin und Alkohol. Was glaubte der eigentlich warum jeder normal denkende Mann ein Navigationssystem besaß?

Natürlich nicht weil es einfach nur geil aussah und massig Platz für 3 weitere Aschenbecher wegnahm sondern weil man sich diese Schmach ersparte irgendeine alte und halb verweste Oma nach dem Weg zu fragen.

 

„FRAG ENDLICH NACH DIESEM VERDAMMTEN WEG!“ wetterten Strify und ich los.

Und zwar in der Lautstärke das Yu auf einmal kerzengerade im Auto saß und sich somit gleich den Schädel an der Decke anstieß und Shin sich an seinem Hohen C Naturelle verschluckte. Ewiger Gesundheitsfreak.

Von Luminor kam keine Raktion.

Als wir dafür an einer Ampel anhielten bewarf ich unseren verpennten Gitarristen mit einem Schokoriegelpapier und deutete nach draußen wo eine hübsche und schlanke Blondine stand.

 

„Frag die mal nach dem Weg“

Natürlich kam gewünschtes Resultat und Yu war hellwach. Das liebte ich so daran das er einfach nur mit der unteren Körperhälfte dachte.

„Hey du! Kannst du uns sagen wos nach Gersthofen geht?“ kam es von Yu auch gleich nachdem er das hintere Fenster runtergekurbelt hatte und er lächelte sein Aufreißlächeln.

Strify und ich sahen uns an und verdrehten die Augen. Vor allem als die Tussi sich auf seine Höhe begab und man schon förmlich bis zum Bauch glotzen konnte durch den Ausschnitt. Furchtbar.

 

„Immer gerade aus und dann vorne an der großen Kreuzung einfach nach links“

Kotzeimer wo bist du?

Man merkte jetzt auch gar nicht das ich eine Weiberallergie hatte ne? Ich konnte so was einfach nicht ab. Und hätte ich diese Allergie nicht dann wäre ich sicher schon vor 5 Jahren vorm Altar gelandet. Zumindest wenn es nach meiner Mutter ging.

 

Noch glücklicher war ich als Luminor weiter fuhr und Yu somit von seinem Objekt der Begierde losgerissen wurde. Amen.

„Haben wir eigentlich die Ringe?“ kam es von Shin und er drehte sich zu mir um wo er mich eindringlich ansah.

Ach scheiße die Ringe hatte ja ich. Oder ich sollte sie zumindest haben.

Denn als ich meinen Anzug durchwühlte fand ich sie nicht und schüttelte mit dem Kopf.

„Warum hast du die Ringe nicht?“ kreischte es vom Lenkrad aus und ich murrte.

„Ich dachte Strify hat sie“

„Und ich dachte das Shin sie hat“

„Ich dachte eigentlich das Yu die mitgenommen hat“

„Und ich war auf Kiro“

 

Soviel zu einem entspannten Wochenende das wir ursprünglich mal geplant hatten.

„Wo kriegen wir jetzt auf die Schnelle Ringe her?“

„Is mein Arsch ne Kristallkugel oder was?“ maulte ich Strify an der sich die Haare raufte und danach aussah wie ne Vogelscheuche vom Maisfeld.

Meine Vergleiche wurden auch immer schlechter.

 

Gute 20 Minuten vergingen in denen wir uns alle anschwiegen wie ne Eiserne Jungfrau.

Dieses Schweigen wurde von Strify unterbrochen der quiekte und mich anstrahlte wie die Atombombe von Hiroshima.

„Ich hab die Ringe. In der Hosentasche“

„Vollidiot“ kam es von drei Bandmitgliedern und ich trat Luminor gegen den Sitz.

„Lasst Streifchen in Ruhe. Ihr hättet auch dran denken können ihr Zapfen“

 

Durch diesen Satz war ich natürlich wieder zu Strifys Held mutiert und verfluchte mich dafür.

Umso mehr begeistert war ich als wir endlich dieses verdammte Kaff und damit diese bekloppte Kirche erreichten und ich endlich aus dieser Sardinenbüchse raus kam.

 

Dazu muss ich jetzt hoffentlich nicht erwähnen das 99% der Gemeinde anscheinend vergessen hatten tot umzufallen. Wo man hinsah wurde man von grauen oder gar weißen Haarprachten erschlagen. Und um ehrlich zu sein wusste ich in diesem Moment ganz sicher warum mir meine Lehrerin immer eingehämmert hatte bloß nicht zu heiraten. Die Scheidung kostete einen eh mehr als die Hochzeit inklusive Ehe. Und das wollte ich mir bei Gott wirklich nicht antun.

Obwohl ich an den noch nicht mal glaubte. War aber ne andere Story warum nicht.

„Da sind sie ja!!!“

Hilfe?



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